Full text: Hessenland (9.1895)

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Ehrbarkeit der Familie in ihren Gliedern. Im 
Hochsommer erstreckten sich diese Gänge in den 
Wald. Die frohen Weisen und sinnigen Texte 
der alten Volkslieder singend zogen Burschen und 
Mädchen in hellen Hansen hinaus, um sich im 
kühlenden Schatten des herrlichen Waldes lust 
wandelnd zu ergehen und aus seiner einzigen 
Quelle, „dem Börnchen", einen Trunk labenden 
Wassers zu thun. 
Dicht vor dem Walde nach Süden hin lag 
damals einsam ein wohlgeordnetes Bauerngehöfte, 
„das Schwarzhaupt" genannt; es ist längst ver 
schwunden. Von hier ans bietet sich dem Be 
sucher ein herrlicher Blick hinab in das weite 
Mainthal, vom Taunus hinüber bis zum Oden 
wald und wieder hinaus bis zu den dichtbewal 
deten Höhen des Kinzigthales im Spessart und 
Vogelsberg. Im Südwesten grüßt die alte Main 
stadt Frankfurt mit dem hochragenden Thurme 
ihres Domes herauf; im Osten zeigt sich zwischen 
den Bergen des Kinzigthales das Wahrzeichen 
der alten Barbarossastadt Gelnhausen, die herr 
liche Kirche mit ihren damals noch schiefen 
Thürmen. Der Feldberg im Taunus, der Meli- 
bokus im Odenwald, der Hahnenkamm und das 
Hufeisen im Spessart, die Herchenhainer Höhe 
im Vogelsberg, der Burgthurm^ von Großstein 
heim, die Kirchthürme von Seligenstadt, mehr 
denn 60 Dörfer und Städtchen und mitten j 
zwischen allein Hanau mit seinen hinter dem 
Buchwald emporstrebenden Thürmen, — wie oft 
schweifte das Auge des Knaben träumerisch zu 
ihnen hinüber über die weite Ebene, von bren 
nender Sehnsucht im Herzen gequält, diese Schön 
heiten der Welt auch einmal in der Nähe besehen 
Zu können! 
Dieser herrliche, einzigartige Punkt in unserer 
Gegend wurde damals zur Sommerszeit viel be 
sucht, namentlich zur Zeit der reifenden Kirschen, 
deren es hier eine Menge gab. Die Jugend 
aus den Dörfern der Umgegend von nah und 
fern versammelte sich hier an Sonntagnach 
mittagen mit Vorliebe zu Spiel und Tanz. 
Freilich kam es dabei auch manchmal zu rauf 
lustigen Szenen der Eifersucht, die nicht selten 
ein blutiges Ende nahmen. Wild flogen die 
streitbaren Burschen feindselig gesinnter Dörfer 
aneinander, kreischend stoben die geängsteten 
Mädchen nach allen Windrichtungen auseinander, 
— das Vergnügen war für diesen Tag gestört! 
Anders gestaltete sich das gesellige Leben der 
Dorfbewohner im Winter. Nur auf den Ver 
kehr unter sich angewiesen bildeten sie, so zu sagen, 
eine einzige Familie. Bei Tage war allerdings 
keine Zeit, trotz Schnee und Eis aus Feld und 
Flur, den winterlichen Faulpelz 511 pflegen. Da 
gab's vielerlei zu thun im Keller und Boden, 
in Stall und Scheune, denn der fürsorgliche 
Bauer gedachte schon des kommenden Frühjahres 
und bereitete vor in Haus und Wirthschaft, was 
ihm nothwendig erschien. Sobald aber gegen 
Abend das liebe Vieh besorgt und mit ein 
brechender Nacht das Abendessen eingenommen 
war, ging man „spille", um die langen Abend- 
stunden in größerer und angeregter Gemeinschaft 
zu verleben. Die Jugend sammelte sich in den 
„Spinnstuben". Die Mädchen kamen zuerst, 
strickten oder spannen und erzählten sich dabei 
allerlei, was auch auf dem Lande ein Mädchen 
herz bewegt. Später erst erschienen auch „ihre" 
Burschen. Sobald diese da waren, begann der 
Gesang, der dann durch den Abend hin mit den 
Erzählungen eines „Kundigen" oder den Witzen 
eines „Spassigen" abwechselte. Die Männer und 
Frauen saßen ebenfalls in verschiedenen Häusern 
in kleineren und größeren Gruppen zusammen 
bei dem düsteren, aber trauten Scheine des pri 
mitivsten Oellichtes, das inmitten der Stube an 
einer hölzernen Stange von der Decke herabhing. 
In engem Kreise schaarten sich die Frauen um 
das Licht und spannen ihre Rocken ab, uner 
müdlich das schnurrende Spinnrad mit dem 
Fuße in Bewegung haltend. Kein Füdchen brach 
jemals der geschickten Spinnerin ab, in's Unend 
liche schier zog es sich aus ihrer Hand auf die 
mit jeder Minute anschwellende Spule. 
Aus den an den Wänden ringsum lausenden 
Bänken saßen die Männer. Von ihnen wurde 
die Unterhaltung des Abends geführt. Die 
Frauen lauschten aufmerksam ihren Wechselreden. 
Hans und Hof wurden bis in's Kleinste be 
sprochen, Aecker und Wiesen aus ihre Ertrags 
fähigkeit geprüft, von jedem Thier im Stalle die 
Vorzüge gerühnlt, Pläne für den kommenden 
Sommer entworfen und auch des Dorfes spärliche 
Neuigkeiten erörtert. Alle betheiligten sich leb 
haft an dem „Diskursch" *). 
Wenn aber der Alte, „das Herrche", im runden, 
hölzernen Lehnstuhl am Ofen anhob zu erzählen 
aus vergangenen Zeiten, dann schwiegen die 
Männer, und die Frauen horchten hoch auf. 
Seine Jugend lag weit zurück in der zweiten 
Hälfte des vorigen Jahrhunderts; seine besten 
Mannesjahre hatten des Vaterlandes Erniedrigung 
durchlebt und seine Erhebung geschaut. Das war 
eine andere Zeit, die sich vor den lauschenden 
Männern und Frauen aufthat! Und wie an 
schaulich, wie klar und überzeugend konnte er 
*) Diskurs — Unterhaltung.
	        

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