Full text: Hessenland (9.1895)

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Wir stehen indessen nicht ans diesem eng 
herzigen Standpunkt, wir stehen auf einer höheren 
Warte und sehen in dem Herzoge von Braun 
schweig nur den deutschen General und Feld 
herrn, der seine Truppen und unter diesen auch 
unsere Hessen im Kampfe gegen Frankreich, den 
nationalen Feind, eine Reihe von Jahren mit 
Ruhm und Ehren führte. In unseren Augen 
erscheint das Bild des Herzogs viel reiner und 
ungetrübter als in denjenigen seiner Zeitgenossen, 
und wir beklagen es aus das Tiefste, daß ihm zu 
Lebzeiten genügende Anerkennung nicht zu Theil 
geworden, und würden es mit Freuden begrüßen, 
wenn die jetzige Generation ein Unrecht wieder 
gut zu machen versuchte. Von vielen Helden 
und Führern des siebenjährigen Krieges und 
ihren Thaten geben uns Bilder und Denkmäler 
Kunde, — wie viele sind in Erz gegossen oder in 
blendendem Marmor verewigt! Und nur Herzog 
Ferdinand fehlt, dem Preußen, dem Deutschland 
so unendlich viel verdankt. Wo aber gäbe es 
einen schöneren Platz, das Andenken des Helden 
dauernd zu verewigen, als den stillen und einsamen 
Park zu Wilhelmsthal. Ein einfacher Obelisk 
mit dem Datum der Schlacht, vielleicht mit dem 
Medaillonbilde des Herzogs geschmückt, unter die 
hochragenden Eichen dieses herrlichen Parkes 
gesetzt, würde uns und spätere Geschlechter noch 
an diesen vorzüglichen Menschen und Feldherrn 
erinnern und gleichzeitig auch an den 24. Juni 
1762, an welchem Tage aus deutschem Boden 
sür ein gewaltiges französisches Heer zum ersten 
Male das Gespenst von Sedan sich drohend 
emporhob! 
Wenn aber einmal wieder des Krieges lodernde 
Flammen emporschlagen, die furchtbaren Heeres 
massen der Gegenwart den entscheidenden Schlachten 
entgegeneilen, wenn dann des Kampfes eiserne 
Würfel fallen werden, dann hoffen wir, daß auch 
Führer, wie weiland Herzog Ferdinand von 
Braunschweig sich an die Spitze der deutschen 
Truppen stellen, Führer voll Muth, voll That 
kraft und von ächtem Feldherrngeiste durchdrungen. 
Dann aber werden,' wie einst unsere Prinz 
Friedrich-Dragoner auf das Regiment Elsaß 
einstürmten und ihm seine Geschütze nahmen, 
auch unsere deutschen Heeresschaaren, von Heiliger- 
Liebe zum Vaterlande entstammt, muthig dem 
Feinde entgegenstürmen und des Sieges unver- 
welklichen Lorbeer an ihre Fahnen heften. Dann 
wird auf seines Kaisers Gebot, von den Alpen 
bis zur tosenden Nordsee ein einiges, ein 
deutsches Heer sich den anstürmenden Feinden 
entgegenstellen, ein festes Bollwerk für das be 
drängte Vaterland! Dann wird auch der alte, 
in Schlachten und Kümpfen erprobte Stamm der 
Chatten nicht fehlen. 
Dann wird Aurora tagen 
Hoch über dem Wald heraus! 
Dann gillls zu kämpfen, zu wagen. 
Dann steht auch das Hessen land auf! 
Erinnerungen aus dem Hanauer Vorfleben vor fünfzig 
Jahren. 
Von Pfarrer Hufnagel-Kesselstadt. 
(Fortsetzung.) 
5. Das gesellige Leben im Dorfe. 
Es ist bereits oben schon erwähnt worden, wie 
schlicht und einfach sich damals das Leben im 
Dorfe vollzog. Auch das gesellige Leben, so 
beliebt es war, vollzog sich in den einfachsten 
Formen. An Sonntagnachmittagen im Frühjahr 
und Sommer besuchte der Bauer diejenigen seiner 
Felder, in welche er die Woche über nicht kam. 
Es waren das vornehmlich die mit Wintersaat 
bestandenen Grundstücke, die nach dem System 
der „Dreiselderwirthschast" für die gesammten 
Besitzer den größeren Theil der Gemarkung aus 
machten. Bei solchem Umgänge ging der Bauer 
immer allein, selten begleitete ihn dabei seine 
Ehehälfte. Alle „Gewanne" wurden dann ab 
gegangen und dabei im Stillen erwogen, wie 
hoch der Ertrag dieses Jahr zu erhoffen und 
was bei mangelhaftem Stand der Saaten zum 
Ausgleich zu thun sei. Die sich auf solchen 
Gängen Begegnenden tauschten dann eingehend 
ihre Meinungen aus und verhandelten diese für den 
Landmann so wichtigen Fragen austs Gründlichste. 
Die Dorfjugend hielt zu derselben Zeit 
ihre gemeinsamen Spaziergänge um die Zäune, 
d. h. rings um das Dorf her, ab, wobei es stets 
gesittet und züchtig zuging, denn man hielt große 
Stücke aus einen guten Namen und aus die
	        

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