Full text: Hessenland (9.1895)

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Nie Schlacht bei Wilhelmsthat am 24. Juni 1762. 
Vortrag von Dr. med. Carl Schwarzkopf. 
(Schluß.) 
^ Herzog Ferdinand von Braunschweig, der sein 
xf Hauptquartier auch für die nächsten Wochen 
0) ^ in Wilhelmsthal behielt, behandelte übrigens 
die gefangenen Franzosen mit außerordentlicher 
Güte und Menschlichkeit. Die Franzosen erkannten 
dies auch an, und als der Herzog am anderen 
Tage im Speisesaale zur Tafel saß, kletterten 
die gefangenen Franzosen an den Fenstern in 
die Höhe, drängten sich in die Thüren und 
„ Ah, ce brave général ! Ah, ce bon général ! “ 
konnte man von ihnen wohl hundertmal hören. 
Die Begeisterung für ihren Besieger aber nahm 
gewaltige Dimensionen an, als der von dem 
Herzoge gegen die gefangenen Offiziere bewiesene 
Edelmuth in ihren Reihen bekannt wurde. Der 
Herzog hatte bekanntermaßen die gefangenen 
Offiziere anderen Tages sämmtlich, Stabs- wie 
Subalternoffiziere, zur Tafel geladen, bewirthete 
sie ans das Großartigste, und als die Tafel zu 
Ende war, fragte er sie, ob ihnen nichts mehr 
gefällig sei. Als die Franzosen höflichst dankten, 
zeigte er auf ein verdecktes Gericht und bezeichnete 
ihnen dies als ihr Dessert. Da jedoch keiner 
den Deckel abzunehmen wagte, griff endlich der 
Herzog selbst zu, unb es zeigte sich nun das ganze 
Gesäß mit goldenen Uhren, Dosen, Brillantringen 
n. s. w. gefüllt, von denen ein Jeder auf die 
freundliche Aufforderung des Herzogs soviel nehmen 
konnte, als ihm beliebte. Das Gericht war den 
Franzosen um so angenehmer, als bekanntermaßen 
im siebenjähriges Kriege auch sämmtlichen Kriegs 
gefangenen Geld, Geldeswerth und Pretiosen 
abgenommen wurden, was in den Napoleonischen 
Kriegen dann mehr und mehr abkam. — 
Selbstverständlich liegt es mir am Schluffe 
meines Vortrages fern, kritische Betrachtungen 
über das taktische Verhalten Herzog Ferdinands 
und seiner Generäle, wie der französischen Marschälle 
anzustellen. Ueber dieses mir fernliegende Thema 
ein selbständiges Urtheil abzugeben, bin ich als 
einfacher Arzt nicht in der Lage und müßte mich 
deshalb mit fremden Federn schmücken. Das 
aber ist jedem Laien wohl klar geworden: der 
unvollständige Erfolg des Tages kann unmöglich 
auf das Conto des Herzogs gesetzt werden. Der 
Schwerpunkt der gemachten Fehler liegt lediglich 
in dem Verhalten der Generale Luckner und 
Spörken. Ich will aus der langen Relation des 
Herzogs Ferdinand an Friedrich den Großen nur 
den einen Satz hier wiedergeben: Les ennemis 
se retiraient par les hauteurs de Hohenkirchen, 
où messieurs de Spörken et de Luckner 
négligèrent de les prévenir. 
Damit ist der Nagel auf den Kops getroffen. 
Wenn die beiden Generale sich sofort nach dem 
Punkte gewendet hätten, wo jetzt der bekannte 
große Wegweiser steht und wo die von Kassel 
kommende Straße sich nach Grebenstein und 
Marburg theilt, wenn hier die Kolonnen dieser 
beiden Führer rechtzeitig eingetroffen wären, 
so würde die französische Armee in ihrem Rück 
züge aus die Kasseler Straße völlig behindert 
gewesen sein und in dem engen Défilé, das wir ja 
alle von unseren Spaziergängen nach dem Stahl 
berge her kennen, würden die Franzosen aller 
Wahrscheinlichkeit nach wohl ungeheure Verluste 
erlitten haben, ja, ihre völlige Einschließung 
würde recht wohl geglückt sein. So wurde die 
Gelegenheit zu einer völligen Niederlage verpaßt, 
und in den Annalen der Kriegsgeschichte hat 
eine verhängnißvolle Katastrophe, die Gefangen 
nahme einer großen Armee, nicht verzeichnet 
werden sollen. 
Man kann das in vielfacher Beziehung auf 
richtig beklagen und insbesondere in Bezug aus 
den Kriegsruhm des Herzogs Ferdinand, der 
gerade an diesem Tage sein Feldherrngenie so 
glänzend entfaltet hatte; würde doch die uns be 
kannte Disposition zu diesem Gefechtstage allein 
ausreichen, um den Herzog als Strategen in 
die beste Beleuchtung zu rücken. Und doch, wie 
wenig Dank hat, wie schon oben erwähnt, Herzog 
Ferdinand für diesen Tag geerntet! Die Berliner 
Hofzeitnng berichtete damals schon in ziemlich 
kühlem Tone von dem Tage von Wilhelmsthal nur 
als von einer Surprise, die Sr. Durchlaucht alle 
Ehre mache, und trotzdem, daß Graf Dohna bereits 
am 29. Juni, von 24 blasenden Postillonen 
begleitet, die Schlacht bei Wilhelmsthal dem 
Berliner Hof meldete, konnte man sich in Berlin 
für diesen Tag nicht begeistern, an dem nur ein 
einziges preußisches Husarenregiment, das von 
Bauer'sche, theilgenommen hatte. Und das war 
noch dazu kein Linienregiment, sondern ein Frei 
regiment, eins von den Regimentern, die außer 
halb jedes Brigadeverbandes gewissermaßen frei 
in der Lust schwebten, viele Ausländer und nur 
sehr wenig Nationalpreußen in ihren Reihen zählten 
und schon aus diesem Grunde trotz der herrlichsten 
Thaten als minderwerthig betrachtet wurden.
	        

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