Full text: Hessenland (9.1895)

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Von dem Gesundbrunnen bei Nordshausen, 
einer verschollenen Wnnderquelle. 
Von A. Fey. 
n der Abdachung des Habichtswaldes gegen 
Morgen liegt das Dorf Nordshausen 
, recht unmuthig und geborgen zu Füßen des 
Baunsberges. Weit schweift der Blick über das 
Fuldathal an freundlichen Dörfern vorbei bis zu 
den waldigen Höhen des Kaufungerwaldes und 
der Söhre im Osten, eine Meile nur entfernt 
thront die Hauptstadt Kassel über dem grünen 
Gelände der Aue und Schönseld, nördlich 
begrenzt der Reinhardswald, südlich der Ried 
forst und der Quiller den Horizont. Nords 
hausen ist ein mäßiges Dorf, von Acker 
bauern und Arbeitern bewohnt; an vergangene 
Zeiten erinnert nur die schöne alterthümliche Kirche, 
die jedoch von fern bei ihrem niedrigen Thurm 
nur weuig in's Auge fällt. Sie ist fast das 
einzige Ueberbleibsel des ehemaligen Cistercienser- 
Nonnenklosters. Wann das Kloster gegründet, 
wissen wir nicht. Die Rietesel'sche und 
Dilich'sche Chronik geben zwar das Jahr 1265 
an. Da aber schon im Jahre 1200 Gras 
A. von Waldenstein und Alheit, seine Hausfrau, 
das Kloster mit einer Hufe Landes und 1207 
mit der Kirche zu Oberzwehren beschenkten, so 
muß es früher gewesen sein. 
Der ursprünglich neben anderen Klostergebäuden 
vorhandenen Kapelle wurde 1247 der westliche 
Thurni und im Anfange des 15. Jahrhunderts 
die östliche Hälfte der jetzigen Kirche hinzugebaut. 
Zur Zeit der Reformation ist das Kloster wie 
andere aufgehoben worden, und zwar im Jahre 
1527, die Einkünfte wurden der Universität 
Marburg überwiesen, die bis zu der im Jahre 
1848 erfolgten Ablösung in deren Genuß blieb. 
In einem Wiesengrunde auf dem jetzigen 
Grundstücke des Bürgermeisters entspringt wenige 
Schritte links von der Corbacher Straße, ober 
halb des Dorfes, die Quelle. Eine sumpfige 
Stelle mit gelblicher Flüssigkeit und ein mit 
Jahreszahl versehener Stein kennzeichnen den 
Ort des Ursprungs. Nichts zeugt von der 
großen Vergangenheit der Quelle. Steht man 
neben ihr in ländlicher Stille, so berührt es fast 
wie ein Märchen, daß wir glauben sollen, hier 
seien ehemals Fremde ans aller Herren Länder 
zusammengekommen, um Genesung von den 
Krankheiten des Leibes (ja auch der Seele) zu 
suchen. — Es war damals nicht üblich, große 
Kurhäuser und Hotels zu errichten, sonst würden 
wir wenigstens Spuren davon noch sehen. Und 
doch herrschte hier ehemals Leben und Verkehr 
der großen Welt! — 
Schon um die Mitte des 16. Jahrhunderts 
war die Quelle bekannt und wegen ihrer 
Eigenschaften von den Anwohnern geschätzt, ge- 
rieth aber allgemach in Verfall, bis sie im 
Jahre 160 9 ihre Auferstehung in glanzvollster 
Weise feierte. Der absichtlich verstopfte Born, 
der sich weiter unterhalb über die Straße ergossen, 
trat nach Abdämmung des Straßendammes wieder 
zu Tage und hatte alsbald Gelegenheit, seine 
Wunderkrast zu zeigen. Ein Bauer von Nords 
hausen, Tilman Sigbert mit Namen, der am 
ganzen Leibe räudig war, gebrauchte ihn im 
Vertrauen auf seine frühere Macht; sein Glaube 
wurde belohnt, nach zwei Tagen war er voll 
ständig geheilt. Dies Beispiel fand Nachahmung. 
Als nun acht Tage darauf auch des Viehhirten 
Frau, Elisabeth, die zehn Jahre von der schweren 
Seuche geplagt gewesen, davon trank und eben 
falls wiederhergestellt wurde, verbreitete sich die 
Kunde von dem wundermächtigen Born mit un 
glaublicher Schnelligkeit über das ganze Hessenland 
und darüber hinaus; ganze Schaaren pilgerten 
von da an zu der wundertätigen Quelle, sodaß 
kaum Platz, kaum Wasser genug für alle Be 
dürftigen vorhanden war. Die fürstliche Regierung 
mußte nothgedrungen einschreiten, sie ließ die 
Quelle fassen und bestellte beeidigte Personen 
zur Handreichung und Aufrechterhaltung der 
Ordnung. Landgraf Moritz befahl eine Unter 
suchung des Wassers durch seine Leib-Medici, 
die befriedigend ausfiel. Die Doktoren Her- 
mannus Wolffius und Jacobus Molanus 
gaben noch in demselben Jahre eine Schrift 
heraus, deren Titel: „Beschreibung des Mi
	        

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