Full text: Hessenland (9.1895)

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Zeitschrift zu gedenken, ist um so mehr geboten,! vor dem Geiste des nunmehr dahingeschiedenen 
als der Verewigte eine Reihe seiner kräftigsten Gelehrten betont worden ist. Sybel's Ausführungen 
Mannesjahre, von 1846—1856, als ordentlicher 
Professor der Geschichte an der Alma Mater 
Philippina zugebracht hat, eben während seines 
Marburger Aufenthalts sein Eintritt in die praktische 
Politik erfolgte und die ersten zwei Bande seiner 
epochemachenden „Geschichte der Revolutions 
zeit" entstanden. Heinrich von Sybel wurde 
1848 Mitglied der kurhessischen Ständeversamm- 
lung und zwei Jahre später Abgeordneter Kur- 
hessens für das Unionsparlament zu Erfurt, wo 
er mit der preußischen nationalen Partei stimmte, 
in deren Sinne er bis an sein Lebensende gewirkt 
hat. Soll Heinrich von Sybel in seiner Eigenart 
nach Gebühr gewürdigt werden, so ist unbedingt 
in den Vordergrund zu stellen, daß er, unter den 
Schülern Leopold von Rankes wohl der 
bedeutendste, als der Politiker unter den Historikern 
seine besondere Stellung einnahm. Seiner poli 
tischen Grundrichtung entsprechend erkannte er das 
Geäder der diplomatischen und parlamentarischen 
Verhandlungen mit großer Klarheit, ohne den 
wirthschaftlichen Unterbau der politischen Ent 
wickelung, wie überhaupt das Leben des Volkes 
darüber ganz ans den Augen zu lassen. Zeuge 
dafür ist zunächst seine „Geschichte der Revo 
lutionszeit", die einst die demokratischen Legenden 
Lamartine's und seiner Genossen über den Hausen 
warf, später aber von Taine's knlturphilosophischem 
Meisterwerk etwas in den Schatten gestellt worden 
ist, weiter wahrscheinlich, als sie es verdiente, 
und neuerdings „Die Begründung des 
Deutschen Reiches durch Wilhelm 1.", 
sein letztes Werk, das von der ungebrochenen 
geistigen Frische des greisen Forschers den 
vollgültigen Beweis erbrachte. Seiner Eigenart 
getreu, ging Sybel nicht immer daraus aus, 
das Wort seines Lehrers Ranke zu erfüllen: 
„Ich möchte mein Selbst auslöschen, um 
die Dinge genau so zu sehen, wie sie waren". 
In seiner „Begründung des Deutschen Reiches", 
die in ihrem 7. Bande bis zum Jahre 1870 
gediehen ist, hat er klar und offen ausgesprochen, 
daß er nicht gewillt sei, seinen politischen Stand 
punkt zu verleugnen. War SybePs Blick stets aus 
das Ganze gerichtet, wie auch aus den Titeln 
seiner übrigen größeren Arbeiten über „Die Ent 
stehung des deutschen Königthums" und „Geschichte 
des ersten Kreuzzuges" hervorgeht, so kann es 
keine Verwunderung erregen, daß er über ihm abseits 
Liegendes gelegentlich wohl herbe und schroffe Urtheile 
aussprach, wie auch im „Hessenland" im Einver- 
ständniß mit Otto Bähr, dem einstigen Fraktivns- 
genossen Heinrich von Sybel's, bei aller Anerkennung 
liegt jedoch stets eine umfassende und angestrengte 
archivalische Forschung zu Grunde, seine Dar 
stellung hält sich stets ans der Höhe des Gegen 
standes, und in kritischer Durchdringung der That 
sachen sucht sie ihres Gleichen. Das ist bei 
Würdigung der wissenschaftlichen Persönlichkeit 
Heinrich von Sybel's nicht zu übersehen. 
Am 5. August verschied plötzlich der Forstmeister 
und Regierungsrath a. D. Georg Theodor 
Homburg, geboren am 9. Mürz 1824 zu Toden 
hausen bei Frielendorf, einer der tüchtigsten 
hessischen Forstmänner. Nach seiner im Jahre 
1885 erfolgten Pensionirung führte Homburg die 
Oberaufsicht über die Forsten zu Oberkausungeu 
und Kloster Haina weiter. Der Verstorbene war 
ein großer Musikfreund und -Kenner, und hat sich 
um das musikalische Leben der Residenzstadt Kassel 
recht verdient gemacht. — In dem am 7. August 
im 78. Lebensjahre Heimgegangenen Justizrath 
Jakob Hirsch, einem geborenen Kasselaner, ver 
lor die Stadt Kassel einen ihrer ältesten und 
geachtetsten Rechtsanwälte. Obgleich der Rechts 
praktikant Hirsch unter der kurhessischer Regierung 
die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft nicht erreichen 
konnte, sondern erst nach der Annexion die Be 
stallung als Rechtsanwalt und Notar erhielt, blieb 
Hirsch seiner engeren Heimath dennoch mit be 
sonderer Liebe zugethan. Das Studium der 
hessischen Geschichte war eine seiner Lieblings 
beschäftigungen, daneben huldigte auch er der edlen 
Tonkunst, in der er es als Pianist sehr weit 
gebracht hatte. Zahlreiche Ehrenämter versah der 
Verblichene mit großer Uneigennützigkeit und 
Selbstlosigkeit. (K. Tagebl.) 
Hessische Bücherschau. 
Quartalblätter des hi st o rischen Vereins 
für das G r o ß h e r z o g t u m Hessen. 
Neue Folge. I. Bd. Nr. 16. 
Das neueste, an die Mitglieder zur Verteilung 
gelangte Hest der Q u a r t a l b l ä t t e r enthält in 
seinem ersten Teile ausführliche Berichte über die 
Versammlungen des großherzoglich hessischen Landes 
vereines und des oberhessischen Geschichtsvereines 
zu Gießen im verflossenen Winter, sowie sonstige 
Vereinsnachrichten. Der zweite Teil enthält ver 
schiedene wertvolle historische und archäologische 
Mitteilungen. Der Herausgeber (Hofbibliotheks 
Direktor Dr. Nick) berichtet über ein, im dritten 
Saale der großherzoglichen Gemäldegalerie zu 
Darmstadt befindliches angebliches Bildnis
	        

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