Full text: Hessenland (9.1895)

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von Möller stellte mir alsbald einen Geleits 
bries aus, worin die Führer der Militärzüge unter 
Angabe des Reisezweckes ersucht wnrden, mir die 
Mitfahrt zu gestatten. Allein die Züge gingen so 
langsam, daß ich in Marburg mich veranlaßt 
sah, Extrapost zu nehmen, ebenso auch in Nieder 
wöllstadt. Von Frankfurt ab ging es besser. 
Ich mußte von Mannheim meine Reise über 
Karlsruhe fortsetzen. Von dort fuhr ich zu 
Wagen zunächst bis L aulerburg. Auf der 
Weiterfahrt hatte ich namentlich durch den Sturz 
eines Pferdes und die Beschaffung eines andern 
einigen Aufenthalt, so daß ich, zumal der Kutscher 
den rechten Weg verfehlte, erst mit Tagesänbrnch 
in Sulz v. d. Höhe eintraf. Zwischen Sulz und 
Wörth fand ich schon die Reste verlassener Bivouaks 
und einzelne Gräber an den Seiten der Landstraße. 
Aber der Gräuel des Krieges sollte ich bald in 
nächster Nähe ansichtig werden. Alle Häuser von 
oben bis unten lagen voll von Schwerverwundeten. 
Ich war erst Abends in Wörth eingetroffen und 
konnte, da der ganze Ort einem einzigen großen 
Lazareth glich, nicht unterkommen. Da ich von 
Kassel bis Wörth noch nicht hatte der Ruhe pflegen 
können und bereits zwei Nächte unterwegs war, 
so begnügte ich mich gern mit einem Lager auf 
einem Bodenraum, wo ich mit noch einem andern 
Herrn, der als Kurier für einen Armeelieferanten 
reiste, zusammen übernachten mußte. Wir lagen 
beide angekleidet auf den: Fußboden und benutzten 
unsere Reisetaschen als Kopfkissen. 
Am anderen Morgen begann ich schon früh 
eine Wanderung durch Wörth und hatte kaum 
eine Straße zurückgelegt, als ich auch schon aus 
dem Fenster eines Hauses meinen Namen laut und 
vernehmlich rufen hörte. Ich erkannte in dem 
Anrufenden einen jungen Kaufmann aus Kassel, 
der als Lazarethgehülfe thätig war. Unter seiner 
Führung besuchte ich zunächst mehrere Kranken 
lager, von deren Beschreibung ich absehe. Nur 
eines Falles will ich gedenken, der mir niemals 
aus dem Gedächtniß schwinden wird. Ich besuchte 
auch die dortige Kirche, die als Lazareth um 
gewandelt war. In Reihen lagen dort die Schwer 
verwundeten, Turkos, Franzosen und Deutsche 
nebeneinander. Ich erkundigte mich bei einem 
Wärter, ob sich vielleicht auch Landsleute darunter 
befänden, da bekanntlich gerade das XI. Armee 
corps sich bei Wörth Lorbeeren errungen hatte. 
Ein junger blonder Mensch wurde mir als solcher 
bezeichnet, der ruhig hingestreckt da lag. Er hatte 
einen Lungenschuß. Ich beugte mich über den 
selben, um Namen, Heimathsort und Geschäft zu 
erfragen. Er konnte nur noch mit leiser Stimme: 
Müller, Maurer aus Zimmersrode' anworten, und 
daß seine Mutter eine Witwe sei. Ich tröstete 
den schwer leidenden Soldaten und versprach, seiner 
Mutter Nachricht vou meinem Besuch geben zu 
wollen. Er starb noch vor Sonnenuntergang. — 
Was ich hier gesehen, hatte mich höchst weh 
müthig gestimmt. Nachdem ich mich wieder ein 
wenig beruhigt hatte, setzte ich meine Nachforschungen 
in der Umgegend von Wörth fort, besuchte die 
Nachbarorte Elsaßhausen, Morsbrunn, wo 
die Armaturstücke der vernichteten französischen 
Kürassiere noch aufgeschichtet aus der Straße 
lagen und wo ich auch freundliche Ausnahme bei 
dem Ortspfarrer fand, in dessen Hause wenige 
Tage vorher der Kommandeur der genannten 
Truppen seinen Wunden erlegen war. Nachdem ich 
noch einige weitere Ortschaften durchforscht, u. a. 
Günstedt, wo mehrere Einwohner, welche auf 
deutsche Soldaten gefeuert hatten, standrechtlich er 
schossen worden waren, wo ich in Folge dessen scheel 
angesehen wurde, trat ich über Saarburg, Sulz 
den Rückweg an, ohne ungeachtet meiner Be 
mühungen meine traurige Ausgabe erfüllt zu haben. 
Ich hatte bei meinen Nachforschungen in der 
Umgebung von Wörth mehrfach Schwerverwundete 
aus Hessen angetroffen., deren Angehörigen ich 
nach meiner Rückkehr alsbald Mittheilungen zu 
gehen ließ. 
Meine Rast in Kassel wurde indessen bald 
wieder unterbrochen. Es war nach mehreren 
Wochen nämlich ein Schreiben des Herrn Ritt 
meisters v. L., bei dessen Schwadron der gefallene 
E. G. gestanden, bei dem Bruder des letzteren 
eingegangen, worin die Gesechtsverhältnisse, soweit 
dieselben das 14. Husarenregiment angingen, genau 
beschrieben und der Ort und Platz bezeichnet, wo 
E. G. geblieben und begraben worden sei " 
Aus diesem Schreiben dürfte das Folgende nicht 
ohne allgemeineres Interesse sein. Herr v. L. schreibt: 
„Das Regiment erhielt am Nachmittag um 
3 Uhr durch den Kronprinzen den Befehl, in der 
Richtung der französischen Rückzugslinien rasch 
vorzugehen, um die Verfolgung der Franzosen zu 
übernehmen. Wir hatten das eigentliche Schlacht 
feld ungefähr l x /2 Meilen verlassen, als wir bei 
dem Dorfe Gunters hosen einen großen Train 
bemerkten, welcher sich von Reichshosen herabzog. 
Der Kommandeur ertheilte mir den Befehl, mit 
meiner Eskadron am südöstlichen Eingänge in das 
Dorf einzudringen, den Train zum Stehen zu 
bringen, die Bedeckung desselben zu attaquiren. 
Die Dorfstraße war so eng, daß wir nur zu 
dreien nebeneinander reiten konnten, voran 
ritten Graf St. und ich, einen Schritt hinter 
uns folgte Ihr Herr Bruder. Wir stießen aus 
eine Bedeckung von mehreren Kompagnien Zuaven
	        

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