Full text: Hessenland (9.1895)

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auf die Bäume geklettert seien und von da auf 
die Franzosen geschossen hätten und noch manches 
Andere mehr. 
Hier im Thiergarten wogte der Kampf fürchterlich. 
Erst als der rechte Flügel Ferdinand's sich der 
Höhen von Calden bemächtigt hatte und so im 
Rücken des Stainville'schen Corps stand, als 
Oberstlieutenant von Stockhausen mit zwei han 
noverschen Jägerbataillonen ihm in die Flanke steh 
da begann dasStainville'sche Corps im Widerstande 
zu erschlasten. Die Grenadiers de France begannen 
zuerst zu weichen, und Stockhausen machte einen 
Oberstlieutenant, neun Offiziere und 300 Gre 
nadiere, größtentheils verwundet, zu Gefangenen 
und erbeutete auch zwei Fahnen. 
Graf Stainville selbst leistete indessen noch 
immer mit den übrig gebliebenen Grenadieren, 
fast ganz von Feinden umringt, Widerstand. 
Lord Granby, der die Situation völlig über 
schaute, sandte den englischen Obersten Boyd zu 
Stainville mit der Aufforderung, sich zu ergeben. 
Der tapfere Stainville gab ihm eine höhnische 
Antwort, und, obgleich fast völlig umzingelt, 
gelang es ihm doch, mit den Trümmern seines 
Corps die Thiergartenallee hinab, an dem Wil 
helmsthaler Schlosse vorbei, die Kasseler Straße 
fechtend zu erreichen, von den nachfolgenden 
Hannoveranern und Bergschotten aus das hart 
näckigste verfolgt. Diesem aus dem Thiergarten 
retirirenden Trümmern des Stainville'schen Corps 
galt unsere Kugel, wie wir aus ihrer Flugbahn 
sehen; eine Batterie, die an der Kreuzung der 
Chausseen nach Marburg und Grebenstein stand, 
hatte sie abgefeuert. 
Als nach Aussage des Lieutenants Baschele die 
hannoverschen und englischen Bataillone hier die 
Allee herunterstürmten, bot sich ihnen ein grauen 
voller Anblick; links an der Mauer und dem 
Gitter des Parks lagen hunderte von Verwundeten, 
meistens Grenadiere, an denen die Chirurgen 
ihres traurigen Amtes walteten, während ans 
der anderen Seite Leiche neben Leiche gelegt war. 
Die meisten Todten und Verwundeten waren 
vom Stainville'schen Corps, das allein 1500 Todte 
und Verwundete auf dem Platze gelassen hatte; 
170 Offiziere und 2732 Mann desselben wurden 
gefangen. Die Franzosen verloren au diesem 
Tage 6000 Todte, Verwundete und Gefangene, 
die Alliirten ungefähr 700. 
Viele Verwundete wurden erst später gesunden, 
als anderen Tages Generaladjutant von Redern 
durch englische Dragoner und hessische Infanterie, 
denen Chirurgen beigcgeben waren, den Thier 
garten und den Wilhelmsthaler Park durchstreifen 
ließ, um die Verwundeten überall aufzusuchen. 
Die Todten wurden dann am dritten Tage durch 
die Beamten von Grebenstein sowie 500 auf 
gebotene Grebensteiner Bürger und Bauern theils 
im Park, an der Mauer, rechts vom Haupt 
eingange nach Kassel hin, theils tut einem kleinen 
Teiche in Massengräbern beigesetzt. 
Daß es übrigens bei dem Beerdigen der vielen 
Todten sehr langsam ging, geht daraus hervor, 
daß eine Familie von Schachten noch drei Tage 
später im Chausseegraben der Straße auf der 
Fahrt nach Kassel den Mohrentambour eines 
hannoverschen Grenadierbataillons erschossen fand. 
Der Mohrentambour hatte in Schachten in 
Quartier gelegen^ und sich besonders rasch die 
Zuneigung der Kinder erworben. 
Furchtbar waren die Verluste des Stainville'- 
schen Corps, besonders die der beiden Regimenter 
Grenadiers royaux und Grenadiers de France. 
In ihnen diente die Blüthe des französischen 
Adels, die hier in Wilhelmsthal den schönen 
Soldatentod starb. Als im Jahre 1815, um 
nur ein Beispiel anzuführen, ein höherer hessischer 
Offizier in der Nähe von Chalons sur Marne 
auf einem Schlosse einquartiert war, ' fielen ihm 
in dem großen und prächtigen Ahnensaale dieses 
Schlosses zwei große und schöne Oelbilder auf, 
die zwei junge Offiziere in Lebensgröße dar 
stellten. Der reichgeschnitzte Nahmen dieser Bilder 
war mit einer schwarzen Flore umhüllt. Als der 
hessische Offizier am andern Tage den Besitzer 
des Schlosses fragte, was es für eine Bewaudtniß 
mit den beiden Bildern habe, traten diesem die 
Thränen in die Augen, und er sagte: Mes deux 
frères, tués à la bataille de Wilhelmsthal, mit» 
er erzählte ihm dann von ihrem Heldentode. 
Der hessische Offizier aber erzählte dem Fran 
zosen von dem Wihelmsthaler Park, in dem doch 
wahrscheinlich die beiden Zwillingsbrüder auch 
ihr stilles Grab gesunden hatten, er erzählte ihm 
von Kassel, um anderen Tages im besten Ein 
vernehmen von dem Franzosen, dem er uner 
wartet menschlich sehr nahe getreten war, zu 
scheiden. 
Uebrigens hielten die retirirenden Franzosen 
nur noch kurze Zeit aus der Straße nach Kassel 
Stand. Hier fuhren sie à cheval der Kasseler- 
Straße noch einmal ihre sämmtlichen Geschütze 
auf und eröffneten von hier aus noch einmal 
eine furchtbare Kanonade aus die heranrückenden 
Alliirten. Unter dem Schutze dieser Kanonade 
setzten sie dann eiligst ihren Rückzug nach Kassel 
fort. Dann wurden die Geschütze wieder ein 
gehängt, und im Carriere jagte die französische 
Artillerie, als die letzte Truppe, die das Schlacht 
feld verließ, die Chaussee nach Obervellmar
	        

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