Full text: Hessenland (9.1895)

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Während des Ganges um den Altar beim heiligen 
Abendmahl blieb der Muff im Stuhl zurück, 
dagegen trug die Andächtige das Gesangbuch in 
beiden Händen, über dem ein feines, blendend 
weißes Tüchlein gebreitet lag. Die Männer 
trugen Beun Gang zum Tisch des Herrn stets 
die steifen Zylinder unter den linken Arm geklemmt. 
Die beschriebenen Trachten waren nur den 
Bewohnern der Dörfer des Fürstenthums Menburg- 
Birstein, Amtes Selbold, eigen. Sie schieden sich 
tu wesentlichen Stücken von denjenigen der Be 
wohner benachbarter Hanauischer Gemeinden, 
besonders des Bücherthales. Nur einmal habe 
ich dieselben Trachten wiedergesehen und zwar 
viel später bei einem landwirtschaftlichen Feste 
in Birstein, bei welcher Gelegenheit in dem Fest 
zuge ein Wagen mitgesührt wurde, auf dem eine 
Spinnstube in alter Zeit aus dem Gericht Reichen 
bach dargestellt war. Man hatte dort die alten 
Muster aus der Rumpelkammer in den Dörfern 
hervorgeholt und danach die Tracht wieder her 
gestellt. Dieselbe stimmte auf's Genaueste mit 
der vorher beschriebenen überein. Beide Land 
schaften waren vormals Theile des Fürstenthums 
Menburg-Birstein. Obwohl stundenweit getrennt 
und in ganz anderer Umgebung, pflegten die 
Bewohner derselben doch den äußeren Zusammen 
hang als Kinder eines Landes durch ein und 
dieselbe Tracht. 
(Fortsetzung folgt.) 
Nie Schlacht bei Wilhelrnsthal am 24. Juni 1762. 
Vortrag von Dt. med. Carl Schwarzkops. 
(Fortsetzung statt Schluß.) 
t 
t er Verlust der Geschütze rief eine große Er 
bitterung besonders bei den hannoverschen 
Bataillonen hervor;, mit lautem Ungestüm 
stürzten sich die Hannoveraner nnf die von den 
Franzosen hartnäckig vertheidigten, eben genomme- 
nen englischen Geschütze. Das Bataillon Redern 
war eins der ersten in der Batterie und Lieutenant 
von Bascholo voir dem genannten Bataillon 
hatte seinen Sponton fortgeworfen und stürmte mit 
hochgeschwungenem Degen den Seinen voran; da 
stellte sich ihm eilt baumlanger französischer 
Grenadierosfizier entgegen, die beiden kreuzten die 
Klingen, und der Hannoveraner schlug mit dem 
ersten Hiebe dem feindlichen Offizier die Bären 
mütze hinab und dann brachte er ihm noch eine 
weit klaffende Wunde durch das ganze Gesicht 
mit einen: zweiten Hiebe bei. In bent Augen 
blick sprang ein französischer Greliadier hinzu 
llnd stach betn hannoverschen Lieutenant das 
Bajonett in den Arm, sodaß dieser den Degeir 
fallen ließ und blutüberströmt zusammenbrach. 
Ein anwesender Chirurg verband die nicht sehr 
tiefe, aber stark blutende Fleischwnnde und weiter 
stürmten die Hannoveraner in das Dickicht des 
Waldes. 
Sie werden lnich fragen, woher ich die Einzeln- 
heiten dieser Begegnung zweier feindlicher Offiziere 
so genau kenne; die Sache ist sehr einfach. Der 
Sohn dieses tapferen Offiziers hat mir dieselbe 
wiederholt erzählt. Dieser Sohn lebte als 
pensionirter Hauptmann in dem nahe gelegenen 
Dorfe Spickershausen, hatte als Ordonnanzoffizier 
Wellington's die Schlacht bei Waterloo mit- 
gefochten, stand auf englischem Halbsold und hatte 
dem englischen Staate, da er ein sehr hohes 
Alter erreichte, sehr viel Geld gekostet. Von seinen 
wie von seines Vaters Kriegsthaten hat er mir 
dann manchmal, wenn wir aus der grauen Katze 
zusammensaßen, berichtet. 
Als er mir nun diese Geschichte aus der Schlacht 
bei Wilhelmsthal zum ersten Male erzählte, hegte 
ich starke Zweifel. Ich theilte die Sache den: 
seligen Dr. Dunker mit; „das wollen wir bald nach 
sehen", sagte dieser, holte die Memoiren von West- 
phalen her, und siehe da, in der Relation des Herzogs 
an Friedrich den Großen stand unter den 
officiers blesses der Lieutenant von Baschols 
vom Bataillon Redern. Ich war von dieser 
Auskunft natürlich befriedigt, und als ich wieder 
hinkam, sagte ich dem Hauptmann: „Bitte, 
erzählen Sie alles, verschweigen Sie nichts." 
Der alte Hauptmann hat mir aus der Wilhelms 
thaler Schlacht noch Manches erzählt, wie er e§- 
ans dem Munde seines Vaters gehört hatte. 
Wie z. B. Lord Granby unbeweglich wie eine 
Bildsäule vor dem Dorfe Fürstenwald nüt seinem 
Stabe gehalten habe, wie er jedesmal mit dem 
Kopse genickt habe, wen:: vorüberziehende Offiziere 
ihn grüßten, wie er aber auch keine Miene ver 
zogen habe, wenn eine Kugel dicht an ihm vor 
beisauste, wie die französischen Grenadiere den 
Kapitän von der Wense aus seinen eigenen 
Leuten heraus zun: Gefangenen gemacht hätten, 
wie die Bergschottei: mit ihren langen Flinten
	        

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