Full text: Hessenland (9.1895)

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mittag des festlichen Tages zog die neukonfirmirte 
Schaar zum Pfarrhause, unter sich das reich 
geschmückte Lamm, von einem der Knaben an 
einem mit Bändern geschmückten Strick geführt. 
Dort angekommen wurde das Lamm in des 
Pfarrers Studirstube gebracht und ihm mit 
einigen geziemenden Worten als Geschenk über 
reicht. Der Pfarrer speiste alsdann die Kou- 
sirmanden mit Kaffee und Kuchen, während das 
Lamm an der Stubenthür angebunden blieb. 
Zur Heerde wieder zurückgebracht, war dieses 
Lamm der Gegenstand der eingehendsten Fürsorge 
des Hirten, des Interesses der ganzen Gemeinde, 
besonders aber der Aufmerksamkeit der schenkenden 
Konfirmanden, deren Stolz es war, wenn das 
Thier sich gilt und stattlich weiterentwickelte. 
Bei Tausfestlichkeiten war eine eigen 
thümliche Sitte im Schwang. An diesen nahmen 
nur Frauen und meist nur junge Frauen Theil. 
War der Täufling ein Knabe, dann war als 
einzige männliche Persönlichkeit auch der „Petter" 
(Pathe) anwesend. Sobald der Kaffee gemeinsam 
getrunken war, begann unter Führung der Amme 
die Hebung des Petters. Derselbe wider 
strebte in der Regel anfänglich heftig der Absicht 
der Frauen, wurde aber bald überlistet, von den 
kräftigen Armen bezwungen, auf einen Stuhl 
gesetzt und mit einem Strick an dessen Rücklehne 
festgebunden. Der Gefesselte wurde alsdann in 
die Höhe gehoben, ihm ein zinnerner Teller ge 
reicht nebst einem Stück Kohle, mit welcher er 
um den umgestülpten Teller einen Kreis an der 
Decke der Stube zu ziehen und in denselben die 
Anfangsbuchstaben seines Namens und desjenigen 
seines Pathenkindes einzuzeichnen hatte. Das 
ging freilich nicht so glatt ab, denn die listigen 
Frauen suchten ihn durch allerlei Neckereien daran 
zu hindern. So wurde er auf seinen: hohen 
Sitze hin- und hergeschoben, gekitzelt, gekniffen 
und selbst mit Nadelstichen nicht verschont. Fiel 
trotzdem der gezogene Kreis regelmäßig aus, daun 
galt das als eine gute Vorbedeutung für das 
Leben und Gedeihen des Pathenkindes, und dem 
entsprechend war auch der Jubel, welcher sich 
beim Gelingen der Zeichnung der weiblichen Ge 
sellschaft bemächtigte. Die Figur blieb oft Jahre 
lang an der Stubendecke erhalten und wurde 
selbst bei Neutünchungen sorgfältig geschont. 
Die der Bevölkerung des Dorfes eigenthümliche 
Tracht war in den vierziger Jahren bereits im 
Absterben begriffen. Nur gereifte Männer trugen 
dieselbe noch. Diejenige der Frauen hat sich ein 
knappes Jahrzehnt länger erhalten. 
Die Männertracht für Werktag und Sonntag 
war sehr kleidsam und stattlich. Am Werktage 
trugen sie dunkelgrünen, langschoßigen und eng an 
schließenden Fuhrmannskittel aus selbstgefertigtem 
Leinen, der am Halse in einem schmalen Steh 
kragen schloß, kurze, in: Sommer weißleinene, im 
Winter hirschlederne Kniehosen, lange Strümpfe 
oder Kuopfgamaschen und Schnallenschuhe. Unter 
dem Kittel wurde ein kurzes, aus feinstem weißen 
Leinen gefertigtes Schürzchen getragen, das um 
die Lenden gebunden war. Sie nannten es 
„Schürrtuch". Den Kopf bedeckte zu jeder Jahres 
zeit die Pelzmütze, meist aus dunkelgrünem, echten 
Sammet hergestellt und vielfach mit kostbarern 
Pelze besetzt. Der Sountagsanzug, nur für den 
Kirchgang bestimmt, bestand in langschoßigem, 
schwarzen Tuchrock mit Stehkragen, dessen Vorder 
schluß über Brust und Leib mit einer langen 
Reihe dicht aneinander sitzender thalergroßer 
überspouneuer Knöpfe besetzt war, dazu Knie 
hosen aus Tuchstoff und schwarze seidene Strümpfe. 
Die Schuhe waren ausgeschnitten und mit sil 
bernen, bisweilen auch vergoldeten, dicken Schnallen 
geschloffen. Der hohe Zylinderhut mit ziemlich 
breiter Krämpe aus dickem schwarzen Filz nahm 
sich etwas plump aus. 
So schön und geschmackvoll diese Tracht die 
Männer kleidete, so wenig kleidsam war die ein 
fache, düstere Kleidung der Frauen; die der 
Mädchen war lebhafter in Farben, kleidete besser 
und frischer. Die Müdchentracht habe ich nur 
noch vereinzelt gesehen, so sehr war sie schon da 
mals im Abgang begriffen. Die Kofbedeckung 
der Frauen und Mädchen hieß „die Schippe", 
eine steife, je nach Vermögen aus Seide oder 
Kattun hergestellte hohe Haube, die in den Nacken 
gesetzt nach oben hin in scharfer vorwärts ge 
neigter Biegung schippenähnlich auslief. Ein 
solcher Kopfputz, stets in Schwarz gehalten und 
schmucklos, mußte dem Gesicht selbst junger Frauen 
einen düsteren Ausdruck verleihen. Die weiße 
„Schippe" der Mädchen, aus Kattun oder feinem 
Mullstoff hergestellt, war je nach dem Wohlstand 
ihrer Trägerin mit einfachen oder silbernen, 
durchöhrten Sternchen wie übersät. Eine solche 
Haube hatte oft einen bedeutenden Werth, hielt 
aber dafür auch die ganze Jugendzeit eines 
Mädchens aus. Der Oberkörper war allgemein 
mit einer kurzen, puffigen Joppe, „Motze" genannt, 
bekleidet, während der Oberrock aus selbsther- 
gestelltem, beiderwollenem Stoffe oder im „hohen: 
Staat" aus schwerem Tuche bestand und in 
zahlreiche Falten gelegt bis handbreit über die 
Knöchel abfiel. Beim Kirchgang trugen Frauen 
und Mädchen im Sommer und Winter einen 
Muff, der meist aus feinsten Pelzen hergestellt 
und als kostbarer Schmuck gehalten wurde.
	        

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