Full text: Hessenland (9.1895)

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Volkseigenthümlichkeiten in Sitten, Gebräuchen, 
Trachten, die dem jetzigen Geschlechte leider ganz 
abhanden gekommen sind, da unsere Zeit Sinn 
und Verständniß dafür verloren hat. Nicht zu 
ihrem Vortheil! 
Obenan stand in jener Zeit „die Kirb", 
das Kirchweihfest. Sie wurde nach St. Gallus 
tag, dem 18. Oktober, bestimmt, dauerte drei Tage 
und war ein Fest für das ganze Dorf, für Jung 
und Alt. Alle Fblder mußten bis zur Kirb 
„bereinigt" und die Wintersaat bestellt sein. 
Wer das nicht fertig brachte, galt als Drücke 
berger und mußte sich in den frohen Kirchweih 
tagen manches Witz- und Spottwort sagen lassen. 
Besonders freudig erregt spannte die Dorfjugend 
auf die einzige im Jahre ihr gebotene Gelegen 
heit, sich bei schallender Musik des Tanzes erfreuen 
zu können. Die Führer der Festlichkeiten waren 
die Kirb burschen. Als solche einstimmig von 
der Burschenschaft gewählt zu sein, galt als eine 
hohe Ehre. Die ledigen Männer theilten sich 
damals streng in die „Altburschen" und die 
„Sprenger"*). Die letzteren waren die jüngeren; 
zu ihnen gehörten die Jünglinge bis zum voll 
endeten 18. Lebensjahre. Sie durften es nicht 
wagen, auf offener Straße zu singen oder an 
dem Zusammengehen der Altburschen Theil zu 
nehmen, und mußten sich in allem Weisung und 
Zucht von diesen gefallen lassen. Diese Selbst 
zucht, von der Jugend unter sich gehandhabt, war 
sehr wirksam und heilsam und trug ihre guten 
Früchte. Sobald der älteste Jahrgang der 
Sprenger mit vollendeten! 18. Lebensjahre der 
kirchlichen Katechisationspflicht entbunden war, 
trat er in den Kreis der Altburschen ein. Nun 
konnten sie an allen Versammlungen und Wege 
fahrten derselben Theil nehmen und durften 
namentlich bei der Wahl der Kirbburschen mit 
wirken. Es waren deren immer zwei. Am 
Vorabend der Kirb legten sie den Schmuck ihrer 
Würde an und trugen ihn während der festlichen 
Tage mit Stolz. Er bestand darin, daß die 
Mütze des Burschen mit zierlichen Kunstblumen 
umwunden war und von der linken Schulter 
desselben ein langes Tuch aus kostbarem Stoffe 
herabwallte. Das Schmücken der Mütze war das 
Vorrecht der „Herzallerliebsten sein", wofür er 
ihr nach vollendetem Feste das werthvolle Tuch 
verehrte. Der Kirbbnrsch in seinem Schmucke 
führte jeden Reihen an, — wobei beide ab 
wechselten —, stets am Arm sein Mädchen führend, 
das sich der hohen Auszeichnung wohl bewußt 
*) Springer, das sind solche junge Leute, welche noch 
kein gesetztes Wesen zeigten. 
war und mit glühendem Antlitz vor Freuden 
strahlte. 
Noch eininal im Lause des Jahres erschieuen 
zwei Burschen in ähnlichem Schmucke. Das war 
beim Pfingstreiten, welches am zweiten Pfingst- 
tage stattfand. Diesmal saßen sie hoch aus unge- 
sattelten Pferden, deren Zäume ebenfalls mit 
Bändern, allerlei Zierrath und Flieder ausgeputzt 
waren. Alt und Jung lief zusammen und be 
wunderte stolz die jugendlichen Reiter. Dreimal 
hinter einander jagten sie durch die Dorsstraße 
und hielten dann am Hause des Schafmeisters 
an. Dieser hatte die Aufsicht und Anordnung 
über die Schafhaltung in der Gemeinde in seiner 
Hand und übte dieses wichtige Amt als Ehrenamt 
Am Hause des Schafmeisters steigen die Burschen 
rasch von ihren Pferden, binden deren Zäume 
an und treten in die Stube ein. An der Stuben- 
thüre bleiben sie nach ehrerbietigem Gruße stehen. 
Langsam erhebt sich der würdige Bauer, lüftet 
die Pelzmütze zum Gegengruße und fragt: „Woas 
eß auer Begihr"? Ehrerbietig tritt einer der 
Reiter vor und spricht: „Eich sei' der Rawelz- 
häuser Pingstbou unn will us ihrlich unn ge- 
bihrlich Pingstgeld hu"! „Doas sollt ihr hu"! 
erwidert voll hoher Würde der Beherrscher 
der Heerde, geht an sein Schränkchen, ent 
nimmt ihm zwei Sechsbätzner*) und reicht 
jedem der Pfingstreiter einen als Geschenk 
dar. Diese danken höflich, sprechen alle mög 
lichen gute Wünsche für ihn und die Heerde 
aus, wobei unter keinen Umständen fehlen durfte, 
daß die Heerde vor dem Wolf bewahrt bleiben 
möge, und entfernen sich. Mit kühnem, tadel 
losen Schwünge sitzen sie wieder zu Pferde, und 
fort geht's mit Sturmeseile über Land, in jedes 
Dorf der Unigegend, wo sich der Vorgang in 
derselben Weise wiederholte. Ebenso kamen auch 
die Pfingstreiter der Nachbargemeinden hierher 
und empfingen ihr „ihrlich und gebihrlich Pingst 
geld". Die Wahl der Pfingstreiter erfolgte meist 
durch die Schasbesitzer, die nur solche Burschen 
dazu nahmen, welche sich als angehende Bauern 
in Aufzucht und Pflege der Schafe ausgezeichnet, 
auch ab und zu den Schäfer des Nachts im 
Pferch besucht hatten. 
Eine schöne Sitte war auch das Schenken 
des Osterlammes an den Pfarrer der Ge 
meinde. Alljährlich am Palmsonntage, dem 
Konfirmationstage, brachten die Konfirmanden 
ihrem Pfarrer ein einjähriges Lamm zum Ge 
schenk dar, wozu das schönste und stattlichste 
Thier der Heerde ausgewählt wurde. Am Nach 
*) 1 Sechsbätzner — 24 Krzr. — 72 Pfennige.
	        

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