Full text: Hessenland (9.1895)

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Erinnerungen aus dem Hanauer Dorfleden vor fünfzig 
Jahren. 
Von Pfarrer Hufnagel-Keffelstadt. 
(Fortsetzung.) 
3. Ein Stück soziales Leben. 
Das soziale Leben der Dorfbewohner war in 
den Jahren, aus denen ich berichte, von einfachster, 
patriarchalischer Art. Christlich Werktätiger Sinn 
beherrschte alle Glieder der Gemeinde. Nicht nur, 
daß sich die Bauern in hoher Erntezeit bei ihren 
Arbeiten gegenseitig unterstützten und aushalfen, 
auch zwischen den kleinen und großen, zwischen 
den reichen und armen Leuten war das Verhältniß 
herzlich, freundlich und entbehrte ganz und gar 
des Hasses, der heutzutage leider so viele brave 
Gemüther verbittert. Der kleine Mann war 
vielfach Handwerker, besonders Leineweber, der 
sein Gewerbe im Winter bis zum Frühjahre 
hinein betrieb. Wenn die Feldarbeit häufiger 
wurde, dann trat er sammt seiner Frau bei einem 
der vermögenderen Bauern in Arbeit ans Tage 
lohn. Dieser gewährte dem Arbeitsmann einen 
freien Kartoffelacker, — etwa */2 Morgen groß —, 
bebaute dessen Grundstückchen unentgeltlich und 
zahlte täglich 24 Kreuzer für den Mann und 
14 Kreuzer für die Frau Tagelohn. Die Ver 
köstigung während der Arbeitszeit, auch am arbeits 
freien Sonntage, erfolgte stets im Hause des 
Bauern. Alle saßen da an einem Tische und 
aßen aus einer Schüssel dasselbe Gericht: Herr, 
Knecht, Tagelöhner, Bauersfrau und Tagelöhners 
frau, letztere stets neben der „Jungefrau", — so 
wurde die Hausfrau immer genannt —, sitzend. 
Auch die Kinder der Arbeitsleute empfingen häufig 
für die Dauer der Arbeitszeit im Hause des 
Bauern ihren täglichen Lebensunterhalt. Mittags 
und zu Feierabend hörte die Tagelöhnerssrau je 
eine Stunde früher von der Arbeit aus, um nach 
dem eigenen Haushalt zu sehen und dort Ord 
nung zu schaffen. 
Die beiden Familien waren meist befreundet 
und blieben es für gewöhnlich dauernd. Wenn 
im Spätherbst, nachdem das Feld „zugeschlossen" 
war, Abrechnung gehalten wurde, die blanken 
Silbergulden der „Herausgabe" aus dem Tische 
klirrten unb dabei ein Glas selbstgekelterten Aepfel- 
weins getrunken wurde, dann hieß es gegenseitig 
unter Handschlag: Wir wollen auch 's andere 
Jahr zusammenbleiben! Und so geschah es Jahr- 
für Jahr. 
Bei der Arbeit faßten alle zusammen an, 
Bauer, Knecht und Tagelöhner, der Bauer immer 
voraus. Seine Losung war: 
„Wer sei,:' Sach' will haben recht. 
Muß selber sein Herr und Knecht!" 
Gegenüber den Unbemittelten und Armen im 
Dorfe folgte der Bauer dem biblischen Beispiel 
des Boas im Buche Ruth. Jedem Armen war 
gestattet, nach dem Aufbinden des Getreides die 
auf den: Acker liegen gebliebenen Aehren zu lesen. 
Diese Nachlese im Aehrenfeld brachte bei einigem 
Fleiße meist einen kaum glaublich hohen Ertrag. 
Die ärmeren Familien hielten sich zur Milch 
gewinnung ihre Ziegen, zu deren Ernährung die 
reicheren Bauern gerne von ihrem Futtervorrath 
abgaben. .Gänzlich Arme und Hilflose wurden 
wöchentlich wechselnd in den Häusern nmgehalten 
und mit Achtung und Freundlichkeit behandelt. 
Im Nothjahre 1847, wo selbst in den besten 
Bauernhäusern Schmalhans Küchenmeister war, 
trieb der christliche Sinn unserer Bauern seine 
schönsten Früchte in brüderlicher Liebe und Hilfe, 
in persönlicher Theilnahme mit Arnren und Noth 
leidenden. Aus solchem zur That treibendem 
Geiste hätte nie eine soziale Frage, wie sie heute 
alle Gemüther beschäftigt, geboren werden können; 
sie ist auf anderen Gebieten unseres Volkslebens 
erzeugt worden. 
4. Sitten, Gebräuche und Trachten im Dorfe. 
Der Lauf des Jahres brachte den Dorfbewoh 
nern neben den vielen Tagen schwerer Arbeit 
und Mühe auch Tage ländlicher Freude und 
des Vergnügens und damit die Entfaltung ihrer
	        

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