Full text: Hessenland (9.1895)

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zahlreiche Hindernisse und konnte sich nur langsam 
nördlich von Schachten in Schlachtordnung stellen. 
Die Truppen Spörken's, die den Essegrund eben 
falls durchschritten hatten, schlossen sich jetzt dem 
linken Flügel der Hauptarmee an, und hier spielte 
sich eine äußerst lebhafte Kanonade auf beiden 
Seiten ab, die indessen nur wenig Opfer forderte, 
da beide Parteien durch bergige Hohen und 
Wald ziemlich gedeckte Stellung hatten. 
Es währte indessen nicht lange, und die fran 
zösischen Marschülle sahen ans einmal mit Schrecken 
in ihrem Rücken vom Hangarstein und von 
Fürstenwald her die Kolonne des Lord Granby 
sich näher und näher herandrängen. Dieser 
Anblick wirkte auf die Franzosen fast verblüffend. 
Sie wußten nicht, was sie sagen sollten, sie trauten 
ihren Augen kaum, als sie auf einmal in ihrem 
Rücken zahlreiche englische und hannoversche Roth- 
röcke sahen. Hierzu kam noch der in Flucht aus 
geartete Rückzug des Generals von Castries von 
Grebenstein her, also Feinde vorn, Feinde hinten, 
Feinde ringsum! Man sah ein, daß nur ein 
ganz schleuniger Rückzug die Armee aus ihrer 
gefährlichen Lage zu retten und vor völliger Um 
zingelung zu bewahren vermochte. Man ließ 
zunächst das Gepäck unter Bedeckung von sechs 
Bataillonen und vier Eskadrons nach Obervellmar 
und Kassel aus der noch vom Feinde nicht besetzten 
Chaussee schleunigst zurückgehen. 
Die Situation wurde jetzt von Minute zu 
Minute kritischer, und nun trat die französische 
Armee in großer Unordnung ihren gefährlichen 
Rückzug zunächst nach dem Brand, der waldigen 
Höhe zwischen Hohenkirchen und Wilhelmsthal, 
an. Gleichzeitig mit dem rasch eintretenden 
Rückzüge sandte Marschall d'Estree, nt quid fiat, 
wie der Lateiner sagt, die Kavallerie vom linken 
Flügel der Armee der Kavallerie des rechten 
Armeeflügels der Alliirten entgegen, und jetzt 
entspann sich ein kleines Reitergesecht auf der 
Straße von Westuffeln nach Meimbressen. Dieses 
kleine Reitergesecht, von geringen Verlusten be 
gleitet, ist nur insofern für uns von Interesse, 
als hier die Gardes bleus der Engländer tapfer 
mit Angriffen; es ist dies das jetzige Garde 
dragonerregiment (die royal dragoons), dessen 
Chef Se. Majestät der Kaiser Wilhelm geworden 
ist und dessen Regimentsgeschichte im Laufe des 
vorigen Jahres im Militärwochenblatt veröffent 
licht wurde. Die Schlacht bei Wilhelmsthal und 
die Theilnahme der englischen Gardedragoner an 
dieser Schlacht in dem oben bezeichneten Gefechts 
momente ist hier ganz ausdrücklich erwähnt. Die 
englischen Gardedragoner verloren übrigens nur 
einen Todten und fünf Verwundete nebst sechs 
Pferden, was gerade nicht als erheblicher Verlust 
bezeichnet werden kann. Immerhin ist es inter 
essant, dem in letzter Zeit so viel genannten 
englischen Regimenté hier in unserer nächsten Nähe 
bei einer so ruhmvollen Gelegenheit zu begegnen. 
Weit bedeutender als dieser von geringem Erfolg 
begleitete Reiterangriff der Franzosen war der 
heldenmüthige Kampf, den Gras Stainville mit 
seinem Corps jetzt unternahm, um den nothwendig 
gewordenen Rückzug der französischen Hauptarmee 
zu decken und so die schwierigste Aufgabe des 
ganzen Tages zu lösen. Um dieses Ziel zu 
erreichen, opferte, so zu sagen, Stainville sich und 
sein Corps. An dieser Stelle ruhte die blutige 
Entscheidung des Kampfes, hier tobte die Schlacht. 
Stainville selbst, ein äußerst tapferer und fähiger 
General, warf sich mit seinem aus Elitetruppen 
bestehenden Corps in den sog. Thiergarten, in's 
große Gehölz zwischen Fürstenwald, Meimbressen 
und Wilhelmsthal und kämpfte hier mit dem 
Muthe der Verzweiflung gegen die von allen 
Seiten anstürmenden Schaaren des Lord Granby. 
Seine Truppen galten als die besten des fran 
zösischen Heeres; es waren dies die hochberühmten 
Regimenter Grenadiers de France und Grenadiers 
royaux (blaue Röcke, rothe Kragen und Auf 
schläge mit weißen, bezw. gelben Litzen tragend 
und mächtige Bärenmützen); es waren dies ferner 
das Regiment Aquitaine (weißer Rock mit gelbem 
Kragen, hellblauen Aufschlügen und Untersutter), 
das Regiment Poitou (weißer Rock mit rothem 
Kragen, hellblauen Aufschlägen und Unterfutter), 
sowie die Schweizerregimenter Waldner und 
Eptinger (rothe Röcke mit weißen bezw. blauen 
Kragen und Aufschlägen). Ihrer ursprünglichen 
Ausgabe gemäß wurden noch verwandt die 
Dragonerregimenter Nicolay, Choisenl und Or 
leans (grüne Röcke mit weißen, rosa und gelben 
Kragen). Diese Dragoner saßen ab und kämpften 
jetzt mit Flinten und Bajonett, wie die Infanterie, 
nachdem die Pferde angekoppelt waren. 
Zwischen diesen ausgesuchten Truppen und dem 
Corps des Lord Granby, in dessen Reihen auch die 
drei hannoverschen Bataillone Redern, Wangenheim 
und Ahlfeld fochten, entspann sich nun ein 
wüthender Kampf. Bald drangen die Engländer 
siegreich in den Wald vor, bald brachen die 
Franzosen aus dem Walde stürmend hervor. 
Letztere nahmen sogar bei einem solchen Vorstoß 
eine englische Batterie von sieben Geschützen, die 
außerhalb des Waldes, jenseits des Grabens stand 
und deren Bedienung wie Bedeckung völlig mit 
dem Bajonette niedergestochen wurde. 
(Schluß folgt.)
	        

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