Full text: Hessenland (9.1895)

204 
eine besondere Kraft zur Stärkung der Kinder 
besitzen. Hasenbrot wollten die Kleinen alle 
mitgebracht haben, das schmeckte ihnen süßer als 
das „gebackene" Häschen oder das „Zucker 
bretzelchen" vom Bäcker in der Stadt. 
Ravolzhausen war eines der wenigen Dörfer 
des Jsenbnrger Landes, in dem keine Juden 
ansässig waren. Die Bauern waren nicht wenig 
stolz daraus und gewährten beharrlich keinem 
Juden das Ortsbürgerrecht in ihrer Gemeinde. 
Dennoch verkehrten hier das ganze Jahr hindurch 
zahlreiche Juden, immer dieselben Leute aus den 
Nachbardörfern, die ment nur mit dem Vornamen 
kannte und rief. Das kurhessische Gesetz forderte 
damals von jedem ansässigen Juden den Nachweis, 
daß er ein Handwerk erlernt und betreibe. Dieser 
gesetzlichen Forderung war man nachgekommen, 
dennoch trieben die in dem Dorfe aus- und ein 
gehenden Juden alle noch Handels- und Geld 
geschäfte nebenher. Die „großen" Geldgeschäfte, 
unter denen das Einhandeln von Kaufschillingen 
eine besondere Spezialität bildete, betrieben Juden 
aus Windecken. Die Levi's, Oppenheims u. a. 
beherrschten damals mit solchen Geldgeschäften 
die ganze Gegend. Die Termine zur Zinszahlung 
und Abtragung an der Kaufsumme fiesen um 
Martini oder Petri. Sobald sich der Geldmann 
an solchen Zahltagen im Wirthshanse nieder 
gelassen hatte, läutete der „Spießmann"*) das 
kleine Glöckchen auf dem Kirchthurme, als wenn's, 
wie damals üblich, zur Gemeindeversammlung 
riese, und die zinszahlenden Bauern eisten mit 
dem schuldigen Tribut zum Zahltische des Geld 
mannes. Alle die damals hier verkehrenden 
*) So hieß damals noch der Ortsdiener, weil er früher 
als Zeichen seiner obrigkeitlichen Gewalt einen Spieß als 
Waffe trug. 
jüdischen Familien sind jetzt vom Lande ver 
schwunden. Sie sind in die großen Nachbar 
städte gezogen und Großhändler oder Bankiers 
geworden; ihre Stelle aber in den hiesigen 
Dörfern habet: Stammesgenossen aus den: Vvgels- 
berg, dem Spessart lu:d der Rhön oft in drei 
und vierfacher Zahl gegen früher eingenommen. 
Der Viehhandel lag damals noch in den Händen 
der Bauern selbst. Sie kauften und verkauften 
ihre Zucht meist unter sich oder setzten direkt an 
den Metzger in der Stadt ab, welcher die Bauern 
höfe wöchentlich zum Einkäufen besuchte. In den: 
Dorfe selbst befand sich eine bedeutende Handels 
firma für Kleinvieh, welche ihrer reellen Grund 
sätze wegen weithin einen guten Ruf genoß und 
in Ansehn stand. Mit Durchführung der Juden- 
emanzipation änderte sich dieses Bild. Die seit 
herigen jüdischen Schuhmacher, Glaser, Schneider rc. 
schlossen ihre Werkstätten und wurden Viehhändler; 
in kürzester Frist war die erwähnte Handelsfirma 
lahmgelegt und der gesummte Viehhandel in 
jüdischen Händen. 
Der verwandtschaftliche Verkehr der Dorf 
bewohner nach außen hi:r war äußerst gering. 
Mai: Pflegte nicht nach außen zu freie:: oder in: 
Dorfe von außen freie:: zu lassen. Durch Ein- 
heirathen erfuhren die Familiennamen des Dorfes 
keine Veränderungen, sie waren noch ganz die 
selben wie vor einem Jahrhundert vorher und 
darüber hinaus. Die Heirathen wurden aus 
schließlich nur zwischen den Söhnen und Töchtern 
der eigenen Gemeinde abgeschlossen, wobei die 
Mitgift namentlich an Grund und Boden eine 
große, ja die wichtigste Rolle spielte. Daher kan: 
es auch, daß unter den Unverheiratheten beiderlei 
Geschlechtes sich viele befanden, die in weit vor 
gerückten Lebensaltern standen. 
(Fortsetzung folgt.) 
Gerd von Falkenberg 
und die Niederwerfung Tillinghausens im Jahre 1530. 
Von Dr. Wilhelm Chr. Lange. 
(Fortsetzung.) 
Überhaupt war bis zu diesem Zeitpunkt 
das Geheimniß — die Ueberlieferung der 
Person des Gefangenen in die Hände des 
Herzogs — so gut gewahrt worden, daß Tilling 
hausen selbst noch immer im Glauben sich befand, 
seine Freilassung würde nur von Gerd und 
Ziegenmeier abhängen. Dies geht aus Folgenden: 
hervor: Der listenreiche Hamenstedt, — der, bei 
läufig gesagt, Anno 42 zu der Kommission ge 
hört hat, welche die Kirchenvisitation, Aufhebung der 
Klöster u. s. w. in: Lüneburgischen durchführte —, 
dieser Sekretär des Herzogs hatte auf An 
ordnung seines Herrn verschiedene Briefe auf 
gesetzt, welche die neuen Wächter des Gefangenen 
abschreiben und unter dem Schein, als kämen 
sie von Ziegenmeier, Dillinghausen übermitteln 
mußten; wahrscheinlich tröstete man ihn darin 
über seine Lage. Der letztere antwortet dann
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.