Full text: Hessenland (9.1895)

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scheint. Mit Freude und Wehmuth zugleich deute 
ich zurück an jene Jahre und verbinde im Geiste 
die eigene Vergangenheit mit den fruchtbaren 
Marken des Dörfleins und dem Leben unb Treiben 
seiner biederen Bewohner. Ist doch die Jugend 
zeit mit ihrem kindlich frischen Leben, ihrer 
heiteren Sorglosigkeit und ihrem gottbegnadeten 
Frohsinn dem heranreifenden Alter ein sprudelnder 
Quell lieber, dankbarer Erinnerungen, und je 
weiter sich dasselbe von der „goldenen Zeit" 
des Menschenlebens entfernt, um so verklärter 
winken die freundlichen Gestalten der Vergangen- 
cheit zu ihm heraus, unl so hastiger dünken ihm 
die eigenen Erfahrungen und Erlebnisse, umsponnen 
von dem bezaubernden Liebreiz der Jugendzeit. 
2. Der Dorfverkehr. 
Es war noch echtes Dorfleben, welches in den 
vierziger Jahren die Bewohner unter sich führten 
und pflegten. Sie bildeten eine kleine, in sich 
abgeschlossene Welt von Bauern. Das ländliche 
Interesse war ihnen allen gemeinsam, Alle wirkten 
und lebten für dasselbe. Die biederen Leute 
waren sich selbst genug; jeder sah auf das Seine 
und lebte mit dem Nachbar in Frieden. Streitig 
keiten kamen unter ihnen nur selten vor, anb 
noch seltener waren Amtsgänge, um durch richter 
lichen Entscheid sich Recht zu verschaffen. 
In dem stillen, weltentrückten Thale ragte 
damals noch kein Fabrikschornstein in die Lüfte, 
und die kreischende Dampfsüge des großen Diebacher 
Sägewerks zog noch nicht Hunderte von Menschen 
in ihren Bann; das Erwerbsleben der Neuzeit 
hatte bis hierher seinen Einfluß noch nicht erstreckt. 
Nur das Gemeindebackhaus hatte das Recht, 
täglich bis tief in die Nacht hinein „schwarzen 
Dampfrauch" aus seinem Schlote zu entsenden, 
zum Zeugniß, daß hier Vorrathes genug war, 
eine mehrfach hundertköpfige Bevölkerung aus 
eigener Kraft zu ernähren. An dieser Stätte 
waltete die Bauersfrau mit kundiger Hand ihres 
dankbaren Amtes, stvlz auf die von der Mutter 
erlernte Kunst, dem häuslichen Tische ein hoch 
gewölbtes, schmackhaftes Brot zu bereiten. 
Man plante auch damals noch nicht, wie heut 
zutage, eine Eisenbahn durch das stille Thälchen 
zu führen. Diese damals noch ganz neue Ein 
richtung war nur vom Hörensagen bekannt. 
Nur ganz wenige Leute aus dem Dorfe hatten 
einmal die 1847 erbaute Frankfurt - Hanauer 
Bahn zu Gesicht bekommen. Man wollte sie gar 
nicht sehen, weil man hinter dieser Neuerung 
nichts Gutes ahnte, ihr vielmehr die Ursache 
manchen Verderbens, besonders der Kartoffel 
krankheit, zuschrieb. Die Töne der Dampfpfeife 
nannte man allen Ernstes das Schreien des 
Todtenvogels für die Bauern. 
Ein „Chaisewagen" war selten im Dorfe zu 
sehen, und wenn sich ein solcher einmal hierher 
verirrte, dann wurde das ungewohnte Gefährt 
von Alt und Jung angestaunt und bewundert. 
Zweimal regelmäßig in der Woche dagegen ver 
kehrte zwischen hier und der Stadt der große, 
mit vier kräftigen Eseln bespannte Müllerwagen 
ans der „Herrnmühle" in Hanau, um von den 
reichbeladenei: Fruchtspeichern der Bauern die 
Erzeugnisse ihres Bodens und Fleißes abzuholen 
und dafür klingende Louis- und Friedrichsd'or, 
— so hießen damals die unbeschnittenen und be 
schnittenen Goldfüchse —, im gespickten Geldkasten 
zurückzulassen. 
Die kleinen Erzeugnisse der häuslichen Wirth 
schaft zu verwerthen, „zu Geld zu machen", war 
Recht und Pflicht der Bäuerin, was ihr nach 
altem Brauche allein zustand. Sie besuchte zu 
dem Zweck regelmäßig samstäglich den Wochen- 
markt in der Stadt. Hochaufgeschürzt, die Markt 
mahne mit bewundernswerther Geschicklichkeit 
und Sicherheit aus dem Kopse wiegend, schritt 
sie behende ihrem Ziele zu. Ihr „Marktschatz" 
bestand in Butter, Eiern, Milch, Hülsenfrüchten 
u. dgl. Für die „Losung"*) erstand sie die 
nöthigsten, kleinen Bedürfnisse des Haushaltes, 
welche die eigene Wirthschaft nicht lieferte; der 
Rest des erlösten Geldes wanderte in die sorgsam 
verwahrte Geldbüchse der häuslichen Sparkasse. 
Selten besorgte der Bauer diese Gänge zur Stadt, 
und daun nur, wenn das Wetter anhaltend schlecht 
oder ein größerer Einkauf für die Wirthschaft 
zu besorgen war. In jedem Falle legte er seiner 
Bäuerin gewissenhaft Rechnung und lieferte ihr 
den Rest der erzielter: Losung ab. 
Dieser spärliche Verkehr mit der Stadt läßt 
auch erkennen, wie nüchtern und sparsam der 
Bauer damaliger Zeit war und wie er seine 
Kinder schor: dazu zu erziehen bestrebt war, 
ländliche Einfachheit und Nüchternheit hochzuschätzen 
und zu üben. Für den eigenen Lebensunterhalt 
wurde auf solcher: Gänger: in die Stadt kein 
Geld ausgegeben. Ein Stück selbstgebackenen 
Brotes und selbstgemachter Wurst, das unterwegs 
verzehrt wurde, genügte für die Zeit der Ab 
wesenheit und ein Trurck kühler: Wassers hielt 
Kopf und Magen gesund, die Glieder zum Wandern 
frisch und leicht. Das nicht verzehrte Brot wurde 
nach Hause zurückgebracht und als „Hasenbrot" 
den lieben Kindern als Leckerbissen gereicht, den:: 
Hasenbrot sollte r:ach allgemeiner Ueberzeugung 
*) D. i. die durch den Verkauf der Waaren gelöste Summe.
	        

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