Full text: Hessenland (9.1895)

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sichtigung der Sehenswürdigkeiten der Stadt Kassel 
gewidmet sein sollen, die Stunden von 10 bis 2 
bezw. 1 Uhr den geschäftlichen Verhandlungen und 
wissenschaftlichen Vorträgen, deren sehr gehaltvolle 
von wissenschaftlichen Größen wie Wald eher, 
Ranke und Virchow in Aussicht stehen, u. a. 
ein solcher Rudolf Virchow's über: „die 
ethnologische Frage in Bezug aus Hessen", 
die Nachmittage der Stärkung des irdischen Menschen 
bezw. Ausflügen in die Umgegend (Wilhelmshöhe. 
Münden). Für den letzten Tag sind sodann 
weitere Fahrten nach Gensungen mit Besuch 
des Heiligenberges und weiter nach Treysa 
geplant. An letzterem Orte werden die Theilnehmer 
der Fahrt Gelegenheit haben etwas kennen zu 
lernen, was ihnen so leicht nicht wieder in der 
Art wird geboten werden, nämlich ein unverfälschtes 
Schwülmer Volksfest mit Festzug der Schwälmer 
und Schwälmerinnen und Tanz. Zu der Ver 
sammlung der anthropologischen Gesellschaft, für 
deren Vorbereitung ein Ortsausschuß, dessen Geschäfte 
Dr. rneä. Mense führt, schon seit längerer Zeit 
in Thätigkeit ist, werden Gelehrte von Ruf aus 
allen Gauen des deutschen Vaterlandes, wie fremden 
Ländern und Welttheilen in unserer schönen hessischen 
Heimath zusammentreffen und hoffentlich in die 
Lage kommen sich zu überzeugen, daß es sich in 
Hessen vorläufig doch noch ganz wohl leben läßt. 
• Das Corps Teutonia, unter den von alters 
her blühenden studentischen Verbindungen der alma 
mater Philippina eine der angesehensten, begeht 
noch in diesem Monat das Fest seines siebzig 
jährigen Bestehens. Da eine solche akademische 
Festlichkeit stets weitere Kreise in und außerhalb 
der Musenstadt Marburg in freudige Mitleidenschaft 
zu ziehen pflegt, so wollen wir auch unsererseits 
nicht unterlassen, dem jugendkräftigen Jubilar ein 
frischfröhliches „Vivat, crescat, floreat Teutonia“ 
zuzurufen und von Herzen in den nachstehend 
wiedergegebenen Glückwunsch „des Allerältesten" 
einzustimmen. 
Singet, jubelt, deutsche Brüder, 
Söhne der Teutonia! 
Kling's in tausend Herzen wieder, 
Welche schlagen fern und nah! 
Siebzig Jahre sind entschwunden, 
Seit das. Band die Brust umwunden, 
Schönste Farben, die das Corps 
Sich als Blaurothgold erkor. 
Weihen wir ein Angedenken 
Denen, die gelegt den Grund. 
Wohin wir die Augen lenken, 
Keinen trägt das Erdenrund. 
Mögen sie aus lichten Höhen 
Freud'voll auf uns niederseh'n. 
Wie Viktoria sie umlaubt. 
Kränzt auch Lorbeer unser Haupt. 
Und sie waren keine Scythen, 
Keine wilderwachs'ne Schaar, 
Hatten Bildung, gute Sitten, 
Blaue Augen, blondes Haar. 
Zeiht man viel die liebe Jugend 
Uebermuthes, Fehl der Tugend, 
Gönnet ihr die frohe Zeit — 
Lied und Wein und Herrlichkeit. 
Deutsche Universitäten 
Hegten Freiheit stets als Hort, 
Freiheit leuchtete in Reden, 
Freiheit war ein gold'nes Wort. 
Selbst das Carcer ward zur Kneipe, 
Hochgenuß dem Geist und Leibe, 
Ein gepries'nes Sanssouci, 
Sprungquell heit'rer Poesie. 
Las man da nicht tausend Namen 
In dem Tisch, in Wand und Glas 
Und sogar im Fensterrahmen, 
Zeugend, wer vergnügt da saß? 
Wer gelärmt hat ungezügelt. 
Einen Schnurren hat geprügelt. 
Dem Philister gab kein Geld, 
Weil er war von ihm geprellt. 
Bopp und Moriz hat's gegeben 
Noch nicht in der Gründerzeit, 
Und es war der Saft der Reben 
Von dem Bacchus nicht geweiht. 
Bald auf des Philisters Rosse, 
Bald in Kriminels Karosse 
Ging's nach Gladenbach zum Clas, 
Dort gab's darmstädtisch Gemäß. 
Herrschaft übte keine Mode 
Und Manschetten gab es nicht. 
Liebste Farbe war die rothe, 
Bläue wies auf Treu' und Pflicht. 
Funkelnd Gold gab Glückes Hoffen, 
Wem stand nicht der Himmel offen? 
Wem hat nicht ein Stern gelacht, 
Ihn zum Glücklichsten gemacht? 
Heimisch war der Contreboden 
Und vertraut war der Rapier. 
Wenn zum Kampf war aufgeboten, 
Ging's in grünen Walds Revier. 
Wenn die Wahlstatt dort gefunden. 
Kling' und Klinge war gebunden, 
Lieber als Vokalkonzert 
Ward der Schläger Schlag gehört. 
Floß ein Blutbach aus der Wunde 
Aus dem Busch der Nidel kam, 
Beim Gebell getreuer Hunde 
Reißaus man im Walde nahm. 
Selten, daß Magnificenzen 
Die Mensuren zu begrenzen 
Einen haben d'rum zitirt, 
Fortgepaukt ward ungenirt.
	        

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