Full text: Hessenland (9.1895)

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Gerd für seine Freilassung ein Lösegeld von 
4000 Gulden *) geboten, doch wurde vor der 
Ratifikation dieses Vertrages der von Falkenberg 
von Herzog Heinrich an den Breitenstein im 
Solling beschieden, woselbst Burkard von Saldern 
und Wilken Klenke niit ihm in Unterhandlung 
traten, damit Dillinghausen nicht in Freiheit ge 
setzt. sondern vielmehr in das Gewahrsam ihres 
Meisters geliefert werde. Der endliche Abschluß 
dieses Handels fand in Wolfenbüttel statt, wo 
Gerd des Nachts heimlich eingelassen wurde. Am 
Nachmittag kamen die genannten Unterhändler 
Heinrich's, und es wurde stipulirt, daß der Herzog 
selbst an Gerd die in Frage stehenden 4000 Gulden 
entrichten wollte; der von Saldern und Klenke 
verbürgten sich für die richtige Zahlung der nicht 
unbeträchtlichen Summe. Gerd selbst, — wir 
wollen diesen Zug seines Wesens besonders hervor 
heben — ließ sich in Beisein des herzoglichen 
Sekretärs das Versprechen geben, daß man den 
Doktor nicht umbringen und auch nicht in „ewige" 
Haft setzen sollte. Die mitgetheilten Verhandlungen 
beschleunigte aber auch noch der folgende Umstand: 
Derjenige Mann, in dessen Leben jene „ewige" 
Haft später eine große Rolle gespielt hat, Land 
graf Philipp, hatte nämlich die erzählten Vor 
gänge, welche viel Staub auswirbelten, mit auf 
merksamen Blick verfolgt und machte jetzt Anstalt, 
dem Unterdrückten beizustehn. Hierzu suhlte er 
sich um so mehr verpflichtet, als Goslar auf die 
Kunde von dem Verschwinden seines Gesandten 
bei dem kaiserlichen Kammergericht ein Mandat 
erwirkt hatte, wodurch der Landgraf ermächtigt 
wurde, „den thätern nach zu trachten, jr leib, 
hab vnd gut einzuziehn, biß solang der Doctor 
loßgezelt, vnd jme sein entwerte hab vnd güter 
widerumb zugestelt würden". 
Als es nun Gerd zu Ohren kam, daß der 
Landgraf auf Grund des Mandats bei ihm in 
Blankenau eine Haussuchung abzuhalten gedächte, 
zog man Nachts um 1 Uhr (wohl im Ansang 
März 1531) mit dem Gefangenen von Blankenau, 
ritt bis an die Landwehr bei Kloster Amelunxborn 
nach Eschershausen zu und übergab hier Dilling 
hausen den Leuten des Herzogs, Burkard von 
Saldern und Wilken Klenke, welche ihn zunächst 
auf die Hindenburg.und von da nach Digelmissen **) 
in der Herrschaft Homburg schleppten. Dort 
wurde er in einem Hos Alswedde ans einem 
*) In dem auf der Kasseler Bibliothek befindlichen 
Exemplare der „Citation rc." von 1539 ist Non einer 
gleichzeitigen Hand daneben geschrieben: 4000 Thlr. Die 
Bemerkung rührt vielleicht vom Landgrafen selbst oder 
seinen Räthen her. 
**) Oestlich von Bodenwerder. 
Speicher versteckt. Da aber die bisherigen Eigen- 
thümer der Waare dein Herzog nicht recht trauten 
— wahrscheinlich stand er auch bei diesen schon 
nicht tu besonderem Gerüche —, so mußte Hans 
Wellersen, der Getreue Gerd's, voit wegen seines 
Herrn, Georg Ziegenmeier aber für eigne Rechnung 
bei dem Gefangenen auf dem Speicher sich häuslich 
niederlassen ; der verdienstvolle Hans war übrigens 
später, nach dem Verschwinden seines Meisters 
in den Dienst des hessischen Marschalls Hermann 
von der Malsburg getreten und hat vielleicht 
mit seinem neuen Herrn Anno 45 wieder als 
Gefangenwürter sungirt und Herzog Heinrich nach 
Ziegenhain bringen helfen. Gerd selbst scheint 
nun in Hinsicht auf das täglich zu erwartende 
Eingreifen des Landgrafen der Boden zu heiß 
unter den Füßen geworden zu sein, und er wird 
es für nicht unzweckmäßig erachtet haben, einigen 
Raum zwischen seine Person und die Einspännigen 
Philipp's zu bringen. Nicht ohne Grund. Am 
17. Mürz 1531 erschien ein bewaffneter Trupp 
auf der Blankenau und durchsuchte das Haus 
„meinend der Doctor zu finden, aber er war 
schon furter geschickt" *); wohin, konnte man nicht 
in Erfahrung bringen, da der Hausherr ebenfalls 
das Weite gesucht hatte; wir werden ihm später 
unter allerdings für ihn sehr mißlichen Verhält 
nissen wieder begegnen. 
Folgen wir nun Dr. Dillinghausen. Nachdem 
Gerd die von Hamenstedt ausgestellte und mit 
dem Siegel des Herzogs versehene Schuldnrkunde 
über die 4000 Gulden in Empfang genommen 
hatte, überließ er einstweilen es seinem Bruder 
Widekind, das wichtige Dokument aufzubewahren 
bezw. die in Betracht komnlende Summe zu ge 
höriger Zeit zu erheben; im Jahr 1544 war 
die Urkunde, wie die Goslarer behaupteten, noch 
in dessen Besitz und konnte etwaigen Interessenten 
vorgelegt werden. Dillinghausen selbst wurde, 
nachdem er aus dem Speicher zu Alswedde sechs 
Wochen gesessen, weiter gebracht, zunächst in das 
Amt Lichtenberg, wo man ihn einen Tag lang in 
einer „wüsten seltkirchen Daußheym" **) genannt, 
verbarg. In der folgenden Nacht — allerdings 
ein starker Ritt von etwa 10 Meilen, geleiteten 
ihn Achim Riebe, Baltasar Stechau, Burkard 
von Saldern und Wilken Klenke nach Schöningen 
in's Schloß, das der Bedanernswerthe lebend 
nicht wieder verlassen hat. Vor dem Einreiten 
in Schöningen begab sich noch Folgendes: Wir 
haben oben gehört, daß Burkard von Saldern 
lind sein Genosse Klenke versprochen hatten, es 
*) Schreiben Landgraf Philipp's an Herzog Johann 
von Cleve; s. u. 
**) Doensen, nördlich von Eschershausen.
	        

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