Full text: Hessenland (9.1895)

190 
Gin oder nvei Jubiläen? 
Von Dr. L. Armbrust. 
(Schluß.) 
^Melsungen war durch den Einsturz der Brücke 
Mjt ganz erheblich geschädigt. Denn seit der Er- 
^ bauung derselben war llicht nur der Handel 
auf dem Sälzerwege durch die Stadt geleitet, 
sondern der ebenso wichtige Verkehr aus der 
Nürnberger Landstraße. Und nun konnte man 
noch nicht einmal an den sofortigen Ausbau 
denken. Denn Krieg folgte dem Hochwasser. 
Landgraf Wilhelm zog mit Moritz von Sachsen 
zu Felde, um seinen Vater, den Landgrafen 
Philipp, aus der Gefangenschaft Karl's des Fünften 
zu befreien. Da mußte auch der kläglichste Hilfe 
ruf, den Bürgemeister und Rath an den Landes 
herrn richteten, ungehört verhallen. Auch nach 
Philipp's Rückkehr blieb es unruhig in ganz 
Deutschland. 1553 trug der Landgraf Sorge, die 
Landstraßen von Wegelagerern zu säubern. 1554 
am Trinitatissonntage traf die schwer geprüfte 
Stadt Melsungen ein neues Unglück: das Rath 
haus brannte ab. 1556 wurde das jetzt noch 
vorhandene Rathhaus erbaut. Unter diesen Um- 
ständen dachte man, wie es scheint, noch nicht 
einmal daran, die Steinbrücke durch eine hölzerne 
zu ersetzen. Man behalf sich offenbar mit einer 
Fähre und Kähnen. 
Erst 1564 muß wenige Schritte oberhalb der 
heutigen Steinbrücke eine Holzbrücke angelegt sein, 
der alte Schöneberg liefert dazu 312 Klafter 
Buchenholz, die eichenen Pfühle nahm man wohl 
aus der eigentlichen Stadtwaldung, dem neuen 
Schöneberge. Landgraf Philipp erließ der 
Stadt ein Drittel des Forstgeldes, welches dem 
Fürsten für Holz aus dem alten Schöneberge 
gezahlt werden mußte. Allein die Holzbrücke ging 
schon während des zweiten Winters beim Eisgange 
in Trümmer. 1566 wurde sie erneuert und 
dazu 389 Klafter Buchenholz im alten Schöneberge 
gehauen. Diese „alte Spicke" oder Holzbrücke 
wird noch 1640 und später in den städtischen 
Rechnungsbüchern erwähnt, aber eine Einnahme 
an Brückengeld lieferte sie damals nicht mehr. 
1593 raffte man sich eidlich zuin Baue einer 
Sie in brücke empor. Aber noch leuchtete dem 
Werke kein holder Stern. Die wilden Wasser 
schienen keine Fessel mehr dulden zu wollen und 
vernichteten die mühsame Arbeit. Allein man 
ließ sich nicht abschrecken. Am 16. September 1594 
nahmen Bürgemeister und Rath, offenbar zum 
Wiederaufbaue der Brücke, eine Anleihe von 
Nachdruck verboten. 
500 Gulden auf, die erst in den Jahren 1613 
bis 1616 dem Bürger Johann Elnberg zurück 
gezahlt werden konnten. Auch in anderer Weise 
machte man Mittel für den Brückenbau flüssig, 
und 1599 und 1607 legten die beiden Brücken 
meister schon kleinere Summen, welche man augen 
blicklich nicht nöthig hatte, bei Bürgern der Stadt 
verzinslich an. Von jebem Fremden, der in die 
Stadt zog, wurdet: 20 Thlr. Bürgergeld erhoben, 
Bürgersöhne kamen billiger ab, und solche Fremde, 
welche die Tochter oder Wittwe eines Melsungers 
heiratheten, hatten nur 5 Thlr. zu bezahlen. An 
die Einwohner wurden hohe Anforderungen gestellt; 
manche suchten sich der schweren Arbeit beim 
Brückenbaue dadurch zu entziehen, daß sie aus 
der Stadt fortzogen: 1602 erklärte man solche 
pflichtvergessenen Bürger des Bürgerrechts ver 
lustig. — Aber Stadt und Städter konnten das 
große Werk nicht allein vollbringen, der Landes 
fürst mußte helfen. Landgraf Moritz ließ den 
Melsungern zweimal eine ansehnliche Beisteuer 
zum Ausbaue ihrer Brücke zukommen, gestattete 
ihnen ferner alle Windfälle des Schönberges in 
ihrem Nutzen zu verwerthen und bewilligte ihnen 
endlich, neben den bisherigen Jahrmärkten einen 
Pferdemarkt zu halten. So kam Melsungen 
mit guter Hilfe aus seiner Bedrängniß. Am 
2. Juli 1595 ward der Grundstein der steinernen 
Brücke gelegt und nach fünfviertel Jahren stand 
das gewaltige Werk da. Neben der oben erwähnten 
Inschrift, welche dies verkündet, sind in einen 
anderen Stein folgende Buchstaben eingehauen: 
W. Gr. N. B. 
D. B. Si. V.*) 
S. D. M. K. 
Ich deute mir diese Zeichen: 
Wo Gott nicht bauet 
Da bauen sie umsunst. 
Segne Du meine Kunst! 
Wer weiß eine bessere Deutung? — 
Auch an diesem Riesenbaue, der für Ewig 
keiten gemacht zu sein scheint, haben die Elemente 
gerüttelt. Und das geschah wierderum in besonders 
schwerer Zeit, gegen Ende des dreißigjährigen 
Krieges. „Am 5. Januar 1643", berichtet das 
*) Jetzt lieft man diese Zeile D. B. 8. I. Y. Ich 
halte aber obige Lesart, die Till giebt, für besser. Die 
Inschrift scheint in diesem Jahrhundert aufgefrischt zu sein.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.