Volltext: Hessenland (9.1895)

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Vermögensverhältnisse sah Kunzmann, der bereits 
früher ein Viertel des Herzbergs an die von 
Han st ein hatte verpfänden müssen, sich kurz vor 
seinem Tode, im Jahre 1416, genöthigt, Land 
graf Ludwig dem Friedsamen von Neuem zu 
huldigen und damit seine Unterwerfung zu voll 
ziehen. Kunzmann's Sohn, Werner, kam dann 
in die Lage, von dem Landgrafen Geld borgen 
zu müssen, der sich dafür 1 1 /a Viertel des Herz 
berges als Pfand verschreiben ließ. Der Land 
graf, der bereits vorher aus seinem Antheil des 
Herzberges einen eigenen Amtmann gehabt hatte, 
gelangte nach dem Tode Werner's, des letzten 
seiner Linie, in den vollen Besitz der Burg, die 
fortan zunächst von fürstlichen Amtleuten bewohnt 
wurde, jedoch nur bis zum Jahre 1477, als 
Landgraf Heinrich III. seinen Hofmeister 
Hans von Dörnberg, dem er beträchtliche 
Summen schilldete, am 11. Juli auf dessen 
Vorschlag mit dem Schlosse Herzberg und dem 
halben Gericht Breitenbach belehnte, eine Be 
lehnung, die des Landgrafen Sohn Ludwig 
1478 nochmals bestätigte. Hans von Dörnberg, 
eine der bekanntesten Persönlichkeiten in der 
hessischen Geschichte seiner Zeit, seit 1463 als 
mainzischer Lehnsmann Besitzer des Schlosses 
Hausen und auch sonst schon länger in der Gegend 
begütert, mußte infolgedessen in der Erwerbung 
des Herzberges und der benachbarten Ortschaften 
eine sehr wünschenswerte Abrundung seines Be 
sitzes erblicken. 
Die nächste Ausgabe der Herren von Dörnberg 
nach ihrer Besitzergreifung war es, die sehr ver 
fallene Burgveste wieder in einen vertheidigungs- 
fähigen Zustand zu versetzen. Hans von Dörn 
berg entschloß sich sogar zu einem völligen Neu 
bau. Das sogen, alte Haus, die östlichen und 
westlichen Mauern, die darauf stehenden Gänge 
und der innere Thurm wurden zuerst fertig, noch 
1490, das Schloß selbst wurde 1494 vollendet. 
Neubauten und Ausbesserungen hörten jedoch 
trotzdem bis zum Jahre 1563 nicht aus, zumal 
die Burg auch von Feuersgefahr nicht verschont 
blieb. 
Schwere Drangsale brachte der dreißigjährige 
Krieg über den Herzberg und seine Bewohner, 
der, weil er die Straße von Hersfeld nach Als 
feld völlig beherrschte, gerade damals in dem an 
haltenden Zerwürfnisse, welches zwischen den beiden 
Zweigen des hessischen Gesammthauses von Kassel 
und Darmstadt bestand, für den Kasseler Land 
grafen von hoher Wichtigkeit war und von ihm 
auf Grund des ihm zustehenden Oeffnungsrechtes 
mit einer hessischen Besatzung versehen wurde, 
deren Unterhalt für die Familie von Dörnberg 
eine schwere Last war. Landgraf Wilhelm V., 
der Held des dreißigjährigen Krieges, betrachtete 
den Herzberg wegen seiner Lage als Landes- 
festnng und drang auf Verstärkung der Festungs 
werke aus den Mitteln der von den Dörnbergischen 
Unterthanen fälligen Landeskontribution. Doch 
gelangte diese Absicht erst unter Wilhelm's Wittwe, 
der großen Landgräfin Amalie Elisabeth, 
und zwar aus Landesmitteln, zur Ausführung. 
Auch einer, wenn auch erfolglosen Belagerung 
entging man nicht. Im Jahre 1637 brach Feuer 
ans und zerstörte die Mehrzahl der Gebäude, 
besonders die am besten eingerichteten Wohnhäuser. 
Nach dem westfälischen Frieden wurde die Be 
satzung, die zeitweise 60 Mann betragen hatte, 
aus 4 Mann und einem Gefreiten verringert, 
neben denen die von Dörnberg jedoch fortwährend 
noch einen Lieutenant hielten. Auch im sieben 
jährigen Kriege behielt der Herzberg seine stra 
tegische Bedeutung und war abwechselnd von 
Truppen der Verbündeten und der Franzosen 
besetzt. 
Obschon die Burg als militärisch wichtiger 
Punkt betrachtet wurde, zerfiel sie immer mehr 
und war, abgesehen von allen: andern, auch in: 
Hinblick auf die Konunandantenwohnung in: 
Thurme der Vorburg, so baufällig, daß der sieben- 
undsiebzigjährige Kommandant, Major von 
Rückersfeld, sich Erlaubniß erbitten mußte, seine 
Pension von monatlich acht Thalern anderswo 
verzehren zu dürfen. Zwar war kurz vorher be 
schlossen, die zur Befestigung gehörigen Mauern 
und sonstigen Werke, sowie die für die Garnison 
nöthigen Gebäude fortlaufend in guten: Stande 
zu erhalten, doch konnte dieser Beschluß den 
Verfall der Werke nicht aushalten. 
Die noch vorhandenen vier verrosteten Kanonen 
von alten: Eisen ließ der Dörnbergische Amts 
schulz 1808 als solches verkaufen, weil er fürchtete, 
daß die westfälische Regierung sich ihrer be 
mächtigen könnte. 
So sehr wir heute den Zerfall der stattlichen 
Burg bedauern, so lebhaft freuen wir uns anderer 
seits der prächtigen Aussicht, welche sich uns dort 
oben bietet, und sind froh, in einer Zeit zu 
leben, in der es der Grenzsestungen des einen 
deutschen Staates gegen den andern nicht mehr 
bedarf. 
W. H.
	        

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