Full text: Hessenland (9.1895)

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Revierförsters enthalten, nur aus dünnen Wänden 
von Fachwerk hergestellt sind. Der dritte Thurm 
in der Mitte dieser Seite der Mauer, der 
Gerichts- oder Gefangnißthurm genannt, 
wird durch einen sich nach innen eng an ihn 
anschließenden Treppenthurm zugänglich. Ritter 
saal und Gerichtsthurm waren durch einen Gang 
verbunden. Die von den beiden Eckthürmen aus 
gehenden Ringmauern sind nicht gleich lang und 
hoch, und zwar ist die Mauer zur Linken etwas 
länger, dafür aher andererseits etwas niedriger 
als die zur Rechten. Nach Nordnordwesten decken 
die Mauern zwei gleich hohe, im Durchmesser 
aber etwas von einander abweichende Thürme, 
links der Geh au er Thurm und rechts der 
Höhenscheider Thurm, beide nach ihrer Lage 
zu den betreffenden nahen Ortschaften so benannt. 
Ein sechster Thurm, der sich gegenüber dem 
©ertci)t3ti)in:iit erhob und das Burgverließ ent 
halten haben soll, ist in den zwanziger Jahren 
dieses Jahrhunderts abgetragen, um die Steine 
zur Erbauung der bereits erwähnten Scheune in 
der Vorburg verwenden zu können. Neben der 
Stelle, wo dieser längst abgetragene Thurm stand, 
befindet sich die von den Gebäuden der inneren 
Burg allein noch vorhandene Kapelle. Zufolge 
ihrer noch lesbaren Inschrift wurde sie im Sep 
tember 1661 mit nicht geringen Kosten wieder 
hergestellt und zwar von Ludwig von Dörn 
berg und dessen Gemahlin. 1743 erhielt die 
damals wieder sehr baufällige Kirche ein neues 
Dach und noch bis 1838 wurde ein um den 
andern Sonntag Gottesdienst darin gehalten. 
Im inneren Beringe standen auf einer etwa 
25 Fuß betragenden Erhöhung die Wohngebäude. 
Zu ihnen führte auf 35 Stufen eine zwischen 
der Kirche und dem beseitigten Thurme angelegte 
Treppe. Der östlich darunter liegende Raum 
wird heute der Reh garten genannt, wie denn 
der größte Theil des Innern der Burg jetzt als 
Garten benutzt wird. Aus der anderen Seite 
der Kirche befindet sich ein einstöckiges Backhaus. 
Nicht vergessen zu werden verdienen schließlich 
einige Einzelheiten, so die breiten niedrigen, 
außen im Stichbogeu überwölbten Schießlöcher 
der Thürme; die noch mit ihren Stürzen ver 
sehenen Zinnensenster der Westseite, von denen 
das südlichste einen mit drei Ausgüssen versehenen 
Wasserbehälter mit darunter befindlichem Becken 
enthält; der ebenda auf Kragsteinen ruhende, 
fast zerstörte Erker, die Steinbänke in den tiefen 
Blenden der breiten, niedrigen gekuppelten Fenster 
des Rittersaales, wovon zwei noch mit alten 
Eisengittern versehen sind, die meist schmucklosen 
Spitzbogenthüren, über der südlichen die Wappen 
der Dörnberge mit der Zahl 1516 und dem 
Meisterzeichen; die Pforte neben der Kapelle mit 
reichem Gewände, dessen Stäbe sich durchkreuzen. 
Die Burgreste, welche wir heute noch vor Augen 
haben, sind nicht die der ältesten Anlage, sondern 
die eines zweiten Baues, der in der Zeit von 
1480 bis zur Mitte des folgenden Jahrhunderts 
allmälig entstanden ist. Die ursprüngliche Burg 
anlage aus dem Herzberge stammt bereits aus 
dem letzten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts und 
wird kurz vor das Jahr 1298 zu setzen sein, in 
welchem H e i n r i ch v o n R o m r o d, Marschall des 
Landgrafen Heinrich I. von Hessen, und seine 
HausfrauMechtild aus dem Hause von Löwen- 
st ein-Westerburg, dem Landgrafen ihr „Hus 
Hirzberg und den Berg und was dazu gehöret" mit 
der Bitte übergaben, ihnen dasselbe als Lehen zurück 
zugeben. Die Landgrafen erhielten dabei das 
Recht, die Burg jederzeit niit einer Besatzung zu 
belegen und in allen ihren Fehden sich ihrer so 
zu bedienen, als ob sie ihr unmittelbares Eigen 
sei. Bon Heinrich von Romrod's Söhnen Friedrich 
und Rudolf ging die Burg auf Berthold, 
Edelherrn von Lisberg, den Gemahl von 
Heinrichs einziger Tochter Mechtild, über. 
Berthold's Sohn Friedrich trat nach dem Tode 
seines Vaters in ganerbschaftliche Verbindung zu 
den ihm schon vorher verwandten Herren von 
Falkenb erg, und beide Familien bewohnten 
in Folge des zwischen ihnen getroffenen Abkommens 
die Burg Herzberg fortan gemeinschaftlich. Da 
man aber die Ganerbschaft abgeschlossen hatte, 
ohne sich um den landgräflichen Lehnsherrn zu 
kümmern, griff Landgraf Hermann von 
Hessen, dessen Vorfahren schon mehrfach Ver 
anlassung gehabt, mit der Lehnstreue der Inhaber 
des Herzbergs unzufrieden zu sein, zumal die von 
Lisberg und von Falkenberg sich dem großen 
Sternerbunde, dessen Häupter der Herzog von 
Braunschweig und der Graf von Ziegenhain 
waren, angeschlossen hatten, 1371 zum Schwerte 
und zog mit einem ansehnlichen Heerhaufen vor 
den Herzberg. Doch muffte der Landgraf einem 
bald heranrückenden, überlegenen Entsatzheer der 
Sterner weichen und unverrichteter Sache wieder 
abziehen. 
Im Jahre 1392 gelangte der Herzberg durch 
Kauf in den alleinigen Besitz Kunzmann's von 
Falkenberg, des nachherigen Mörders Herzog 
Friedrichs von Braunschweig, doch vermochte sich 
Kunzmann nicht darin zu behaupten. Mit der 
bösen That des Jahres 1400, die sich an seinen 
Namen und an den Friedrichs von Hertinghausen 
heftete, erbleichte sein Glücksstern, er gerieth mehr 
und mehr in Schulden. Infolge des Verfalls seiner
	        

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