Full text: Hessenland (9.1895)

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Da ließ der Meister Gerber 
Den Kalbmond alleweil, 
Der Färber ließ die Küpen, 
Der Zimmrer Säg' und Beil, 
Der Schreiner hobelte nicht mehr, 
Der Schneider legte weg die Scheer'; 
Lin jeder griff zur Büchs'. 
So zogen kühn, ein Kaufen, 
Iu's Blachfeld sie daun init. 
Da ging's zum vorderstreite 
Im raschen Lauf und Schritt, 
von ihren Büchsen blitzte'? Kraut, 
Aus Busch und Gräben krachte's laut 
Und flog der Tod zu Thal. 
voran den wackern Schützen 
Bei ihrer Fahne Weh'u, 
Handhabend feine Büchse, 
Der greise Kapitän. 
Mit einem Mal durchblitzt ihn Zorn, 
Er sieht, tm Streit auftauchend, vorn 
Den Pfauenfederhut. 
Und an die rechte Backe 
Der Büchsenkolben fliegt, 
Und ruhig, wie ein Steinbild, 
Er fest im Anschlag liegt. 
Die Büchse kracht' — und von dem Roß 
Zum grünen Rasen niederschoß 
Der Mann im Federhut.*) 
Erschrecken faßt die Feinde —, 
Die Hessen allemann 
Mit lautem Schurri stürzen 
Iin wilden Schock heran. 
Die Feinde fliehen aus dem Thal —, 
Sie lassen selbst den General 
In ihrer Gegner Hand. 
Der Velten steht beim Todten 
Und nimmt den Federhut: 
„Sollst stehen dem Schützenkönig 
In Ziegenhain nun gut! 
Heran, ihr Schützen! Tragen wir 
In'? Weichhaus fort den Offizier, 
Wie gestern er'? gewollt." 
Zwei Büchsen quer und drüber 
vier andre legt die Schaar 
Der Länge nach — dein Helden 
Zu einer Todtenbahr'. 
Auf Eichenreisig hingestreckt, 
Mit Eichenlaube zugedeckt, 
Ruht nun der General. 
Und bei gedämpfter Trommel 
Da zog im Trauerschritt 
Die Schützenschaar nach Hause, 
Den Todten in der Mitt'. 
„Im Weichhau?", schrieb er, „morgenfrüh! 
Im Uebermuthe, und nun sieh, 
Er ist'? und weiß e? nicht! — 
Zuin Rathhause sie brachten 
Al? Sieg?trophäe drauf 
Und hingen in dem Saale 
Den mächt'gen Sarra? auf. 
Dort hängt er noch in stummer Pracht 
Zum Angedenken au die Schlacht 
Im Riebel?dorfer Grund. — 
Zum Schützenkönig riefen 
In ihrem Schützenhau? 
Nunmehr den Velten Muhli 
Die Kampfgenossen au?: 
„Der hat den Meisterschuß gethan! 
Der muß den Federhut empfahn! 
Der Schützenkönig hoch!" 
Und wie den greisen Schützen 
Der stolze Schlapphut ziert, 
Rief alle? Volk: „Die Ehre, 
Dem Ehre just gebührt!" 
Dann gab'? ein lustige? Bankett! 
So lustig, daß erst spät zu Bett — 
Und wie! — das Ziegenhain. Ludwig Wahr. 
*) Johann Rudolf von Breda, Feldmarfchall-tieutenant in kaiserlichen Diensten. 
Burg Hercherg. 
ine uralte Straße führt vom Rheine und 
von Frankfurt her über Alsfeld und Hers 
feld nach Thüringen, eine Straße, die im 
16. Jahrhundert zum Unterschied von einer nörd- 
licheren Straße „durch die langen Hessen", welche 
von Frankflirt über Gießen, Kirchhain, Treysa, 
Homberg, Spangenberg, Waldkappel und Kreuz 
burg nach Thüringen zog, die Straße „durch die 
kurzen Hessen" genannt wurde. An dieser Straße 
liegt, etwa 2 1 /2 Stunden östlich von Alsfeld und 
3 Meilen südöstlich von Ziegenhain auf dem 
beherrschenden Höhenzuge, welcher den Knüll nach 
Süden hin mit dem Vogelsberg verbindet, dicht 
ans der südlichen Grenze von Niederhessen, und 
somit ein Schlüssel des Hessenlandes, die Burg 
Herzberg (= Hirschberg). Der Burg 
berg, der sich 500 Meter über der Meeresfläche 
erhebt, bildet die höchste Kuppe eines südlich und
	        

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