Full text: Hessenland (9.1895)

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Untergang der Selbständigkeit Kurhessens zur Folge 
haben mußten, daß aber auch Vieles, was hin und 
wieder unbequem erschien, aus der Entwickelung der 
deutschen Verhältnisse hervorgegangen ist. Ganz be 
sonders dankbar müssen wir Bähr für die ebenso wahre 
wie liebevolle Schilderung sein, die er von unseren 
hessischen Beamten giebt, von den Männern, die 
ohne an ihren eigenen Vortheil zu denken, unabhängig 
nach oben und nach unten nur ihrer Pflicht 
lebten, ihren Berus mit vollster Aufopferung aus 
füllten, und unter deren Leitung das Land trotz 
mancher Uebelstände glücklich lebte. Ein schöneres 
Denkmal als diese Schilderung konnte unserem 
Beamtenstand nicht gesetzt werden, es ist aber auch 
eine Schilderung, die aller Orten gelesen und 
beherzigt zu werden verdient, da sie Zustände vor 
Augen führt, die überall als Muster dienen können. 
Wie vollkommen hessisch Bähr fühlt und denkt, 
geht ganz besonders daraus hervor, daß auch er 
in den hessischen Erbfehler der zu großen Bescheiden 
heit verfällt, die trotz der großen Tüchtigkeit, die 
unsern Volksstamm auszeichnet, trotz der vielen 
bedeutenden Männer, die seit Jahrhunderten aus 
ihm hervorgegangen sind, — Bähr hätte viel mehr 
aufzählen können, als er gethan —, die eigenen 
Schwächen und Mängel nicht nur erkennt (denn 
eine solche Erkenntniß ist ja nothwendig, um dagegen 
anzukämpfen), sondern auch stets nach außen hin 
betont, dadurch aber weder dem Lande selbst, noch 
dem Einzelnen zum Nutzen gereicht, wie dies auch 
aus Bühr's Schilderung der Diktaturperiode von 
1866 — 1867 zur Genüge erhellt. Nicht aber 
wollen wir die Befürchtung Bähr's theilen, daß 
das hessische Stammesbewußtsein allmälig schwinden 
werde. Der hessische Partikularismus soll zu Ende 
gehen, das Stammesbewußtsein aber soll sich in 
allen Kreisen erhalten, beruht doch der in Preußen 
jetzt durchgeführte Gedanke der Selbstverwaltung 
der Provinzen und Kreise gerade darauf, daß 
neben dem Bewußtsein der Zugehörigkeit zu einem 
großen Ganzen das Bewußtsein der eigenen In 
dividualität und deren Bedingungen recht lebhaft 
entwickelt sein soll, um aus gesunden Gliedern 
eine blühende Gesammtheit bilden zu können. 
Jedem aber, der unsere hessische Individualität 
erkennen und pflegen helfen will, kann die genuß 
reiche Lektüre des Bähr'schen Buches nicht warm 
genug empfohlen werden. 
«Mio Gerkand. 
Deutsche botanische Monatsschrift. Zeitung 
für Systematiker, Floristen und alle Freunde 
der heimischen Flora. Herausgegeben von 
Professor vr. G. Leimbach, Direktor der Real 
schule zu Arnstadt. (Preis des Jahrganges 
von 12 Nrn. 8 Mark.) 
Wenn wir dieser, von einem engeren Lands 
mann begründeten und herausgegebenen fachwissen- 
schastlichen, jetzt im 13. Jahrgang stehenden Zeit 
schrift im „Hessenland" rühmend und empfehlend 
gedenken, so geschieht dies, weil sie in hervorragender 
Weise unsere hessische Flora berücksichtigt. So 
brachten die Jahrgänge 1882 und 1884 zwei 
Aufsätze von Rektor Schanze in Eschwege „Die 
seltenen Pflanzen in der Umgegend von Eschwege" 
und „Exkursionsberichte betr. die Oertlichkeiten 
Jestädt, Leichberg, Mitgenrode und Otterbachsteine 
bei Sooden a. W.", Jahrgang 1883 Oertel, 
„Rost- und Brandpilze der Schmalkalder Gegend", 
Jahrgang 1887 zwei Aufsätze von König zur 
Flora von Kassel, Jahrgang 1888 von demselben 
zur Alpenflora von Kassel, derselbe Jahrgang eine 
genaue Auszählung der Laubmoose in der Umgegend 
von Marburg von Lorch. Im Jahrgang 1889 
brachte Ludwig eine Abhandlung über die Krank 
heiten der Chausseebäume an der Steinbachhallenberg- 
Schmalkalder Landstraße, und neuerdings führte 
uns im 1893er Jahrgang W. Mütze einige seltene 
fruktifizirende Flechten der hessischen Flora vor. A. 
Aus der Feder eines höheren Polizeibeamten, 
der lange Jahre im Amte war, geht uns folgende 
Besprechung zu: 
„Der Polizei dienst bei städtischen Polizei- 
Verwaltungen in Preußen" von Di-. Otto 
Gerland, Senator und Polizeidirektor in 
Hildesheim. Berlin (Carl Heymann's Verlag). 
So betitelt sich ein Buch, durch welches einem 
zeitigen Bedürfniß abgeholfen wird. Denn in den 
bisher herausgegebenen Werken über den Polizei 
dienst haben meistens nur allgemeine die polizeilichen 
Funktionen betreffende Gesetze und Ministerial 
erlasse, abgesehen von den vielen Sammlungen 
lokaler Polizeiverordnungen, Platz gesunden. In 
diesem Buche wird aber die Einrichtung einer 
Polizeiverwaltung wie solche namentlich für mittlere 
und kleine Städte, welchen die Verwaltung der 
Polizei obliegt, am zweckentsprechendsten zu or- 
ganisiren ist, behandelt. Der Nutzen dieses Buches 
kommt jedoch nicht allein den Städten der gedachten 
Art, sondern auch größeren Landgemeinden, in 
denen die Polizei von den Bürgermeistern ausgeübt 
wird, zu Gute. — 
Die ganze Anlage des Buches ist eine durchaus 
praktische, sie ist eine aus einer reichen Erfahrung 
hervorgegangene Frucht. Der Herr Verfasser 
geht von dem richtigen Gesichtspunkte ans, daß 
nichts verwirrender ans einen in den Polizeidienst 
neu eintretenden Beamten wirkt als das hastige
	        

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