Full text: Hessenland (9.1895)

179 
übernehmen. Beide Feldherrn trafen am 8. Mai 
in Kassel ein. 
In den ersten Tagen des Monats Mai ver 
ließen die alliirten Truppen ihre Winterquartiere, 
zogen über die Weser, und am 6. Mai nahm 
Ferdinand sein Hauptquartier in Corvey, wo auch 
die große Feldbäckerei für seine Armee ans 
geschlagen wurde. Zur Beobachtung des Feindes 
ließ der Herzog einstweilen auch auf der rechten 
Seite der Weser den General Luckner, den General 
Waldhausen und den Prinzen Friedrich von 
Braunschweig mit entsprechenden Truppen. 
Bis in die Mitte Juni blieben beide Theile 
ruhig in ihren Quartieren, einige kleine Gefechte 
zwischen den Vorposten abgerechnet. Unterdessen 
beschloß der Herzog, gegen den Feind sobald als 
möglich einen entscheidenden Schlag auszuführen, 
und in dieser Absicht versammelte er vor allem 
Aus alter und neuer Ieit. 
Am 20. Juni waren 25 Jahre verflossen, seit 
der hochselige Kaiser W i l h e l m I., in Anlaß 
der am 1. Juni 1870 eröffneten „Ausstellung 
für das Gesammtgebiet des Hauswesens" 
die Hauptstadt des ehemaligen Kurhessen mit seinem 
Besuche beehrte und einen halben Tag in Kassel 
weilte. Nachmittags reiste Se. Majestät weiter 
nach Bad Ems, wo sich alsbald jene denkwürdigen 
Ereignisse zutrugen, welche die Kriegserklärung 
Frankreichs im Gefolge hatten. Am 15. Juli 
1870 kehrte der König über Kassel nach Berlin 
zurück, um bei Anordnung der für die Mobil 
machung erforderlichen Maßnahmen zugegen zu 
sein. Bei dieser Durchreise durch Kassel ist 
Se. Majestät von den städtischen Behörden wie 
voit einer vielköpfigen Volksmenge bekanntlich be 
geistert begrüßt worden. Eine knappe Schilderung 
der Vorgänge bei Gelegenheit des kurzen Aufent 
halts des Herrschers auf dein Bahnhose am 
15. Juli entnehmen wir, um sie unseren Lands 
leuten in's Gedächtniß zurückzurufen, den Auf 
zeichnungen eines zwar bereits hochbetagten, aber 
immer noch rüstigen Kasseler Bürgers, der dem 
dortigen Bürgerausschuß lange Jahre angehört 
hat und vielen unserer Leser auch persönlich bekannt 
sein wird, des Herrn H. Fränkel in Kassel. In 
seine recht lesenswerthen Lebenserinnerungen hat 
uns der Schreiber gütigst Einblick gewährt, und 
wir werden gelegentlich ans denselben noch mehr 
zu allgemeiner Kenntniß bringen. 
„Sobald feststand, — schreibt Fränkel - , daß der 
Weg über Kassel eingeschlagen werden würde, traten 
die Corps, die bis dahin unter den Befehlen des 
Generals Spörken, Prinzen voll Anhalt u. s. w. 
zerstreut standen, am 18. Juni in dem Lager 
bei Brakel. Den 19. Juni nahm das Corps 
unter Lord Granby, welches die Avantgarde 
hatte lind das uns später noch mehr beschäftigen 
wird, ein Lager bei Marburg. Den 21. Jurli 
nahm Ferdinand sein Hauptquartier in Bühne, 
und seine leichten Truppen gingen über die Diemel 
und setzten sich in dem Reinhardswald fest. Ein 
Theil bemächtigte sich des Schlosses Sababurg, 
nahm die schwache französische Besatzung gefangen, 
und damit war der ganze Reinhardswald mit 
seinen Pässen, Wegen und Schluchten in den 
Händen der Alliirten, was für den Fortgang 
der Operationen von ganz allßerordentlichem 
Werthe war. 
(Fortsetzung folgt.) 
noch spät Abends eine Anzahl Mitglieder der 
städtischen Behörden mit dem Oberbürgermeister 
Nebelthau im Stadtbau zusammen. Man war 
übereinstimmend der Ansicht, daß es angebracht fei, 
dem Költige bei der Reise durch Kassel, als der Haupt 
stadt, die Sympathie der Bevölkerung des hessischen 
Landes in dem aufgenommenen Kampf gegen Frank 
reich auszudrücken, und Herr Oberbürgermeister 
Nebelthau übernahm in Folge dessen noch die Ab 
fassung einer diesbezüglichen kurzen Adresse, welche 
dem Monarchen bei dieser Gelegenheit vorgetragen 
werden solle. Aus telegraphische Anfrage des 
Oberbürgermeisters traf aus gleichem Wege alsbald 
die Benachrichtigung ein, daß Se. Majestät die 
Bereitwilligkeit ausgesprochen, die Mitglieder der 
städtischen Behörden aus dem Bahnhöfe zu 
empfangen, in dessen Wartesaal das Frühstück 
eingenommen werden solle. So begaben sich deine 
zur festgesetzten Stunde die Mitglieder der städtischen 
Behörden in ihrer Gesammtheit vom Rathhause 
zum Bahnhöfe, woselbst sich auch eine überaus 
große Menschenmenge eingefunden hatte. 
Bor Eintreffen des königlichen Extrazuges hatten 
wir uns am Eingang zu den Wartesälen auf dem 
Bahnsteig aufgestellt und zwar dergestalt, daß die 
kleineren Herren die vordersten und die anderen je 
nach ihrer Größe die hinteren Plätze einnahmen. 
Sv kam es, daß ich als einer der Kleinsten ganz 
vorn zu stehen kam. Nachdem Se. Majestät mit 
dem Gefolge dem Wagen entstiegen und dicht vor 
uns stehen geblieben war, trug der Oberbürgermeister 
mit lauter Stimme die kurze Adresse vor, welche 
Se. Majestät mit sichtlicher Befriedigung huldvollst 
entgegennahm. Sowohl der Inhalt dieser Adresse,
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.