Full text: Hessenland (9.1895)

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beu Herzog manchmal in die größte Verlegenheit 
setzte. Das englische Element erfolgreich all- 
mälig in den Rahmen der alliirten Armee 
einzufügen, gelang indessen Ferdinanden trefflich, 
und von Jahr zu Jahr wurde er mit den 
englischen Offizieren und Soldaten besser fertig. 
Die Bewaffnung der Engländer war eine gute. 
— Ich will hier zwei sehr interessante Fund 
stücke vorzeigen, die ausweislich vorliegender 
Schriftstücke mit Knochen und Schädeln gemeinsam 
in Gräbern gefallener Soldaten gefunden wurden. 
Herr Jmhoff hatte die Güte, uns dieselben zur Ver 
fügung zu stellen. Es handelt sich um zwei Flinten- 
lünse von ganz abnormer Länge; die Holztheile wie 
Schloßtheile sind leider! verloren gegangen. Die 
Diagnose dieser Fundstücke ist in diesem Falle 
ausfallend leicht, und ich bin in der Lage, Ihnen 
sogar die Brigade, wenn auch nicht gerade das 
Bataillon anzugeben, dem die Träger dieser Gewehre 
angehörten. Zur Bestimmung der Fundstücke 
kommt der Fundort in Betracht und die Truppen- 
theile, die hier kämpften; solche lange Flinten- 
lüufe führten aber nur die Bergschotten ihrer 
Zeit, und da am Fundorte die Brigade Beckwith, 
bestehend aus den Bergschotten-Bataillonen Camp 
bell und Keith, kämpfte, so unterliegt es wohl 
kaum einem Zweifel, daß die Flinten von ge 
fallenen Bergschotten dieser Brigade herrührten. — 
Weit williger und besser waren die Hanno 
veraner, deren Infanterie und Kavallerie 
treffliche Eigenschaften besaß, deren Generale in 
dessen, wie z. B. Oberg, theils unfähig, theils 
sehr anspruchsvoll waren und immer alles besser 
wissen wollten. Hier mußte Ferdinand viel 
Rücksichten walten lassen, nur dieselben bei der 
ihnen anvertrauten Aufgabe festzuhalten. Sehr- 
tüchtig waren auch die Braunschweiger Truppen, 
die dein Herzog, als dem Bruder ihres Landes 
herrn, treu ergeben waren ititb seinen Befehlen 
rvillig nachkamen. Dieselben durften auch auf 
des Herzogs ganz besondere Liebe und Anhäng 
lichkeit zählen, und diese nicht gar zu offen 
kundig zu zeigen, war wieder eine Schwierigkeit, 
die indessen Ferdinand glücklich zu umgehen wußte. 
Auch die Bückeburger waren, wenn auch 
nur ein kleines Häuflein, doch durch den bekannten 
Grafen Wilhelm trefflich geschult nnd ausgezeichnet 
durch Standhaftigkeit und Mannszucht. 
Das werthvollste und brauchbarste Element in der 
ganzen Armee waren indessen unzweifelhaft, wie wir 
mit Stolz sagen können, die Hessen-Kasseler. 
„Kein Volk in der Welt vereinigt auch, — wie 
Mauvillon wörtlich sagt —, in einem solchen 
Maße alle zum Kriege nöthigen Eigenschaften in 
sich wie der Hessen-Kasseler. Krieg war und 
ist der Hessen Element. Die Hessen von damals 
waren so zu sagen in dem Feldlager groß 
geworden und das Waffenhandwerk war ihnen 
von frühester Jugend auf geläufig. Es waren 
alles in allem prächtige und mustergiltige Sol 
daten." Ein Uebelstand war nur, daß die 
Hessen am schlechtesten besoldet wurden und fast 
nie Geld hatten. Wie echte Soldaten verjubelten 
sie alles bis auf den letzten Heller, da ja am 
anderen Morgen schon vielleicht die Welt für sie 
ihr Ende erreicht hatte, und was sollten sie darin 
mit dem Gelde machen? Auch „schmetterten" die 
Hessen gern mitunter einen, was, wie Oberst 
Rall bei Trenton gezeigt hat, vor dem Feinde 
doch mitunter böse Folgen haben kann. Auch 
neigten sie gern zu Zwistigkeiten, besonders mit 
den damals schon viel feudaleren und steiferen 
Hannoveranern. Im klebrigen waren es vor 
treffliche Soldaten und vor allem von einer- 
rührenden Anhänglichkeit und Verehrung für den 
Herzog von Braunschweig beseelt. Dieses Gefühl 
hielt bei den Hessen noch lange an, und als im 
Jahre 1782 Herzog Ferdinand zur Paradezeit 
einmal unerwartet in Kassel aus dem Friedrichs 
platze erschien, bot sich nach Mauvillon's Aus 
sage ein wunderbarer Anblick dar. Wie wenn 
ein Engel vom Himmel erschienen wäre, entstand 
aus einmal ein Gedränge um den Herzog; alle 
hessischen Offiziere, die unter ihm gedient hatten, 
alle Soldaten verließen ihren Platz und drängten 
sich um ihn. Man begrüßte ihn stürmisch, mail 
jubelte laut, und Mauvillon erzählt, daß ihm 
in der Erinnerung an diese schöne Szene noch 
jetzt eine Thräne der Rührung in das Auge 
trete. 
Wenn wir nun, ehe wir zur eigentlichen Be 
schreibung der Schlacht schreiten, uns die um 
fangreiche oi-ärs äs bataille der 'alliirten Armee 
unter Herzog Ferdinand am 15. Juni 1762 
genauer ansehen, so liegt es nahe, unsere Auf 
merksamkeit speziell auf die Hessen-Kassel'schen 
Regimenter hinzulenken und deren Theilnahme 
an der Schlacht festzustellen. Zu einer wirk 
lichen Gesechtsaktion, d. h. zum Attaquiren und 
Einhanen, kamen nur unter Führung des General 
majors von Ditfurth die drei hessischen Reiter 
regimenter Einsiedel, Erbprinz und das Prinz 
Friedrichs-Dragonerregiment, letzteres vier 
Schwadronen, die beiden ersteren je zwei Schwa 
dronen stark. Wie waren nun die hessischen 
Reiter uniformirt? Wie war ihr Aussehen? 
Manchem wird vielleicht diese Frage höchst neben 
sächlich erscheinen und derselbe auf die Beschrei 
bung der Uniformirung wenig Gewicht legen. 
Mir scheint die Sache denn doch etwas anders
	        

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