Full text: Hessenland (9.1895)

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Speier zu nehmen; man richtete deshalb im 
Hanse des dortigen Domherrn Hans von Falken 
berg, Gerd's Bruder, eine Beobachtnngsstation 
ein, welche ein Knecht des Hans Thomas von 
Rosenberg bezog. Ein zweiter Posten befand sich 
bei Hektar Böhm und Philipp von Rüdigheim 
in Franken, woselbst Burkard von Hertingshausen 
auf den Gesandten harrte. Sodann begab sich 
Gerd selbst nach Speier und ließ durch den 
unentbehrlichen Lamprecht, des von Saldern 
Knecht, den „Prinzipal" der Aktion von Stein- 
seld, Georg Ziegenmeier, zu sich entbieten; der 
Treffliche mochte wohl mittlerweile den Schuß in 
den Hals verwunden.haben, wohl und munter 
traf er in Speier ein und ritt von da nach 
Augsburg, woselbst Burkard von Saldern die 
ganze Sache dirigirte. Der letztere hatte inzwischen 
noch einen neuen Helfer für die lichtscheue Unter 
nehmung gewonnen, da die Anzahl der Leute, 
welche schon des unglücklichen Doktors wegen ans 
den Beinen sich befanden, wohl noch nicht genügte. 
Es war dies Wilhelm von Schachten, derselbe, 
welcher dreiundzwanzig Jahre später als hessischer 
Marschall in der Schlacht von Sievershansen die 
700 Reiter des Landgrafen geführt hat. 
Die mit so großem Eifer betriebene Angelegen 
heit näherte sich bald der Entscheidung. Dilling- 
hausen war (im Oktober 1530) von Augsburg 
aufgebrochen und nach Speier geritten. Ihm folgte 
der von Schachten, damals Kammerjunker des 
Herzogs Heinrich, und traf dort mit ben übrigen 
Häschern zusammen; nach einigen Tagen ritt der 
Gesandte weiter, ohne wohl zu vermuthen, daß 
sich ein Trupp Reiter an seine Fersen geheftet 
hatte, die ihm wenig Gutes brauten. Balthasar 
von Stechan, der in Speier die Oberleitung ge 
habt, hatte seine Getreuen um sich gesammelt: 
Gerd von Falkenberg, Wilhelm von Schachten, 
den braven Georg Ziegenmeier, den schwarzen 
Lorenz, Konrad Zweiffel, Knecht des Hertings 
hausen, und Hans Wellersen, den Schildknappen 
unseres Gerd, welche insgesammt den: Doktor in 
einiger Entfernung das Geleit gaben und zwar 
zunächst bis Mainz; zu ihrem Bedauern fand 
sich jedoch noch keine passende Gelegenheit zu 
einem Handstreich. Weiter ging der Zug bis in 
die Gegend von Homburg vor der Höhe; dort 
fielen die Verfolger über den Unglücklichen her 
und nahmen ihm Alles weg, was er an Baarschast 
„Kleinetern, Brief und Siegeln" bei sich führte, 
insbesondere aber seinen kaiserlichen Geleitsbrief 
und das Protokoll, das er über die Goslar'schen 
Händel ans dem Reichstag zu Augsburg geführt. 
Das letztere wurde in einem „Wadfack" gepackt 
und von Burkard von Saldern und Willen 
Klenke, nachdem man an der Weser angelangt 
war, zu Eschershausen dem Sekretär des Herzogs, 
Hamenstedt, übergeben, welcher dasselbe kopirte. Die 
Abschrift wanderte schleunigst nach Würzburg zu 
Dr. Marsilius, dem Geschäftsträger Heinrich's, 
und gelangte nach des ersteren Tode nach Wolfen 
büttel ; dort wurde sie sammt den geraubten 
Originalakten vorgefunden, als Landgraf Philipp 
und Herzog Moritz zwölf Jahre später das 
Fürstenthum einnahmen. 
(Fortsetzung folgt.- 
Nie Schlacht bei Wilhelmsthal am 24. Juni 1762. 
Vortrag von Dr. nieck. Carl Schwarzkopf. 
(Fortsetzung.) 
^(n ach dieser etwas eingehenden Besprechung des 
Führers liegt es nahe, auch des ihm nnter- 
^ stellten Heeres und seiner Zusammen 
setzung zu gedenken. Dasselbe bestand aus den 
verschiedenartigsten Elementen, und gerade der 
hierin liegenden Schwierigkeit wußte Ferdinand 
in der eigenartigsten und vorzüglichsten Weise 
Herr zu werden. 
Zunächst waren es die Engländer, die dem 
deutschen Oberfeldherrn sehr viel zu schaffen 
machten. Besonders war es das englische Offiziers- 
corps, das an vielen Nebelständen krankte und 
Ferdinand's Mißfallen zum öfteren erregte. Die 
Käuflichkeit der Offizierstellen, die sich bis in die 
oberen Chargen erstreckte, hatte viel unbrauchbares 
Material in verantwortliche Stellungen geschoben. 
Zum Theil unfähig und ungebildet, sahen 
diese Herren mit der Old England sowieso an 
geborenen Geringschätzung auf den deutschen 
Krieger und Feldherrn herab, dessen Befehlen 
nur lässig und widerwillig folgend. Durch das 
in England stark ausgebildete Werbesystem waren 
alle möglichen Menschenklassen in die englische 
Montur hineingepreßt, die nur mit eiserner Strenge 
an ihrer Pflicht festgehalten wurden. Der Mangel 
an Mnnnszncht machte sich bei den Engländern 
sehr oft geltend, und vor allem war es die Lässig 
keit und Gleichgültigkeit im Vorpostendienste, die
	        

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