Full text: Hessenland (9.1895)

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Denn ihm scheint die Maid so hold, 
Wie der Vater sie gewollt: 
Schlank und zart und mollig auch, 
Auf den Wänglein Rosenhauch, 
Rosenglanz auch auf den Lippen, 
Daß die Falter möchten nippen. 
Und des Lenzes Heller Schein 
Schier verdunkelt schien zu sein. 
Aber als er ohne Rast 
Mit der ihm so lieben Last 
Raschen Flugs enteilen will. 
Ruft ein Engel: „Halte still! 
Daß ich erst zum Angebinde 
Seinen Strauß dem Kindlein winde, 
Wie es dort im goldnen Saal 
Gott der Herr mir befahl. 
Wart' ein Weilchen nur. Gesell! 
Weißt du doch: ich suche schnell." 
llnd die Blümlein, die da sprießen, 
Brach der Engel in den Wiesen, 
Alle die die Namen tragen, 
Die ich schon euch konnte sagen. 
Welch' ein Strauß, den so er band 
Für des Kindleins kleine Hand! 
Unsichtbar den Menschen allen, 
Allen doch zum Wohlgefallen; 
Kostbarer als Gold und Steine, 
Gottes Mitgift für die Kleine, 
Die der Storch auf raschen Schwingen 
Nun zur Erde durfte bringen. 
Möe gut, altes gut. 
Das Kind bist du, mein liebes Weib, 
Und drum so hold an Seel' und Leib; 
Du, die im wüsten Erdentreiben 
Mein treu Geleite will verbleiben, 
Dem Eltgel gleich, den Gott bestimmt, 
Daß er in seinen Schutz lins nimmt 
Ich stand am Grabe nieines Glücst 
Und sah in's Leben düst'ren Blicks, 
Als sei der Tod mein einz'ger Trost 
Im Sturme, der mich laut umtost. 
Da wurdest du mir zugesendet 
Und hast mir alles gut gewendet. 
So bin ich wieder jung geworden 
Und ruf' in hellen Lustakkorden: 
„Wie hat mir Gott die liebe Welt, 
Wie hast mir du sie wohl bestellt! 
Glück auf! lind möge Gottes Segen 
Nun mit uns gehn auf allen Wegen!" 
Ä. Hravert. 
Ein oder mti Jubiläen? 
Von Dr. L. 
chon wieder ein Jubiläum? höre ich den 
Leser unwirsch fragen. Unbesorgt, lieber 
Leser, mit der Auszählung von Orden und 
Ehrengeschenken werde ich dich nicht behelligen. 
Es handelt sich nur tun das Jahrhunderte lange 
Bestehen einer Brücke, der alten Melsunger 
Fuldabrücke. Ich meine dieselbe Brücke, welche 
den Melsungern rings im Hessenlande den Namen 
der Bartenwetzer eingetragen hat. Auf den 
großen Sandsteinquadern, die an beiden Seiten 
den Fußgänger wie das Geführt vor dem Hinab 
stürzen in den Fluß schützen, sind tiefe Ein 
buchtungen ; dort haben seit Menschengedenken die 
anwohnenden Melsunger ihre Aexte geschliffen, 
ihre Barten gewetzt. 
Die Brücke geht davon nicht zu Grunde, sie 
ist ein gewaltiger Bau. Sechs Bogen, von starken 
Pfeilern getragen, überspannen in Halbkreisgestalt 
den Strom. 
Der Volksmund schreibt die erste Ueberbrückung 
der Fulda in dieser Gegend Karl dem Großen 
zu. Und so du ungläubig lächelst, geneigter Leser, 
uniOerwiderst, von einem so volksthümlichen Kaiser 
möchten die guten Leute am liebsten alle nützlichen 
A r m b r u st. 
Nachdruck verboten. 
Einrichtungen herleiten, — dann hält man dir 
ernsthaft Beweise vor: Wer über die Steinbrücke 
und durch die Vorstadt geht, betritt den Karls- 
h a g e n, uub der Wald zur Rechten, am östlichen 
Abhange des Hügels, heißt Kaisersau. Und Wer 
der Waldstraße noch weiter folgt, der findet über 
dem Dorfe Kirchhof den Heerhagen. Daraus 
wird geschlossen, daß Karl der Große zur Zeit 
der Sachsenkriege die Fuldagegend mit seinem 
Heere durchzogen hätte. Bei dieser Gelegenheit 
soll er ein Lager aus dem Karlshagen gehabt 
und eine Brücke über die Fulda geschlagen haben. 
Der Melsunger Stadtaktuar Till, welcher genau 
vor 90 Jahren eine kurze Geschichte der Stadt 
niedergeschrieben, aber nicht veröffentlicht hat, 
nimmt die erwähnte Volkssage als glaubhaft an. 
Da aber nicht immer im Volksglauben ein Körn 
lein Wahrheit steckt, verdient die Angelegenheit 
wohl eine ernsthafte Untersuchung. 
Zunächst drängt sich die Frage auf: Sind 
Karlshagen, Kaisersau und Heerhagen alte Namen 
oder neue Erfindungen? 
Der Name Heerhagen oder, was dasselbe be 
deutet, Heerhain ist mir zuerst im Melsunger
	        

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