Full text: Hessenland (9.1895)

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Selten doch, ja nimmer fast, 
Haben Storch und Störchin Rast, 
Weil sie stets auf Wanderzügen 
Zwischen Erd' und Himmel fliegen. 
Denn will Irgendwer auf Erden 
Vater oder Mutter werden, 
Eh' er noch gerufen: „Horch!" 
Weis; es schon der Klapperstorch, 
llnd er holt ihm pfeilgeschwind 
Aus der Fluth ein holdes Kind, 
Nimmt es auf die starken Schwingen, 
Es zu ihm hinab zu bringen, 
Der vom Himmel int Gebet 
Sich so großes Glück erfleht. 
Unterdessen aus dem Bronnen, 
Eh' die Flugzeit halb zerronnen, 
Sieht man kluge Aeuglein fragen, 
Oder gar voll Thränen sagen: 
„Storchenpaar, du weilst so lange! 
Sieh, dein Fernsein macht uns bange. 
Statt zu rasten anderswo. 
Komm' und mach' uns wieder froh! 
Euer Klappern hoch im Nest 
Ist ja unser Freudenfest". 
z. Sie Kimmetswiejeu. 
Nah' dem Kinderbrünnlein sprießen 
Duftumwogte Himmelswiesen, 
Wo, versteckt im ew'gen Grün, 
Alle Tugendblümlein blühn. 
Jeden, dem für's Erdenleben 
Solch ein Kleinod wird gegeben, 
Macht des Blümleins Zauberhauch 
Gut und hold und lieblich auch. 
Daß ihr mögt die Blümlein kennen, 
Will ich sie mit Namen nennen. 
Unschuldblümlein heißt das eine; 
Hell erglüth's im Silberscheine. 
Emsigkeit steht gleich daneben, 
Von Maßliebchen hold umgeben. 
Eines heißt die Fröhlichkeit, 
lins zu kürzen trübe Zeit. 
Eins ist stille Häuslichkeit 
Und noch eins Bescheidenheit. 
Wieder eins die Sparsamkeit, 
Klugheit und Besonnenheit, 
llnd auch das ist laut zu preisen. 
Das Beständigkeit sie heißen. 
Dich auch rühm' ich, Herzensmilde, 
Die du blühst dort im Gefilde. 
Endlos sind des Himmels Wiesen 
Und der Blümlein, die da sprießen. 
Glanz und Zahl hat auch kein Ende. 
Blümlein der geschickten Hände, 
Du auch strahlst gar lieblich da, 
Und, im Busch versteckt, dir nah'» 
Sind in heil'ger Gluth erloht 
Liebesrosen weiß und roth. 
O ihr ewig grünen Wiesen, 
Laßt sie duften, laßt sie sprießen. 
Laßt sie die Glückseligkeit 
Zaubern in der Erde Leid! 
—— 
4. Wesmath. 
Gastlich in der Sonne Blinken 
Mögen Wiesmaths Dächer winken, 
Doch in das Erwerbens Gier 
Sind die Menschen blind dafür. 
Waldgekrönte Berge thürmen 
Sich um's Dorf, cs treu zu schirmen, 
Daß es nicht wird rauh erfaßt 
Von der Städte Trug und Hast. 
In des Lerchenlieds Frohlocken 
Tönen dort die Kirchenglocken, 
Und auf allen Bergesgipfeln 
Rauscht es in den Tannenwipfeln: 
Freut euch, Menschen, öffnet weit 
Jedes Herz der Fröhlichkeit. 
Ja, das find die rechten Pfingsten, 
Wenn die Höchsten und Geringsten 
Erst im Gotteshause knie'n, 
Froh sodann zum Walde ziehn, 
Daß in seinen Jubelklang 
Freudig klingt der Menschen Sang. 
Pfingsten war's. Die Geisblattranken 
Blühten an den Gartenplanken, 
Und im kühlen Nußbaumschatten 
Saßen zwei beglückte Gatten, 
Während ihre wilden Rangen 
Ueber Stock und Steine sprangen. 
Mütterlein vergebens wehrte. 
Daß die Knaben nichts gefährde, 
Doch der Vater meinte klug: 
„Laß der Jugend ihren Flug! 
Buben, die am Ofen hocken. 
Kauern spät betrübt am Nocken. 
Aber wenn der Storch, ich dächte: 
Jetzt uns auch ein Mägdlein brächte. 
Fröhlich hieß' ich es willkommen, 
Mir zur Lust und dir zuni Frommen. 
Aber, liebes Weibchen, horch! 
Flog nicht über uns der Storch? 
Ja, er war's, er war's, der holde, 
Der lins klappernd grüßen wollte. 
Weil der Wind, der uns belauscht. 
Unser Wort ihm zugerauscht." 
<8> 
ö. Wie öer Storch Wie. 
Ja, er war's und flog geschwind. 
Schneller noch als Blitz und Wind, 
Zu dem alten Weidenbaum 
An des Kinderbrünnleins Saum. 
Und wo das am tiefsten war. 
Lenkt er hin sein Stelzenpaar. 
Hastig dort sein Schnabel fischt. 
Der auch bald ein Kind erwischt, 
Dessen Aeuglein dunkelbraun 
Fragten: Darf man dir vertraun? 
Und der Storch mit Wohlbedacht 
Prüft den Fang, den er gemacht, 
Rechts und links, von jeder Seite, 
Und er nickt in stiller Freude, 
*) Wiesmath ist eiu großes Dorf (ein Marktflecken), 
im äußersten Südosten von Niederösterreich, nahe an der 
Grenze von Ungarn gelegen.
	        

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