Full text: Hessenland (9.1895)

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3 Acker als Baumschule hergerichtet werden. Es 
werden ausführliche Rathschläge ertheilt betreffs der 
geeigneten Lage, über die Sicherung der Pflanzen 
gegen Wild- und Viehschaden, die Düngung, Saat 
und Pflege der jungen Bäumchen und deren spätere 
Versetznng. In Betreff der Frage, wem die an 
den Straßen und Wegen, auf den Huthweiden und 
sonstigen leeren Plätzen gepflanzten Bäume und 
deren Nutzung als Eigenthum zugehören sollen, 
wird bestimmt, daß dies derjenigen Gemeinde, die 
die Bäume gepflanzt, „privative" zustehe. „Was 
aber ein jeder ans seinem propren Grundstück 
pflanzt, davon hat der Proprietarius fundi die 
Früchte für sich allein zu genießen." Weiter ver 
fügt der Landgraf, daß die zum Veredeln nöthigen 
Pfropfreiser und Zweige aus den fürstlichen Gärten 
gratis verabfolgt werden sollen, ebenso daß diese 
gehalten seien, jährlich eine bestimmte Menge 
Bäume an die Bevölkerung abzugeben. Dabei 
wird die Erwartung ausgesprochen, „daß ein jeder, 
so mit Garten und Obstbäumen versehen ist, der 
gleichen thun und seinem Nebenchristen darunter 
willig an Handen gehen werde". Weiters wird 
bestimmt, daß bis zur Zeit des Heranwachsens der 
Setzlinge in den Baumschulen solche aus den 
fürstlichen, städtischen und adeligen Waldungen, 
wo es ohne Schädigung des Waldes geschehen kann, 
zu entnehmen und unentgeltlich abzugeben seien. 
Bemerkenswerth ist die Bestimmung, daß die 
Aufnahme in den Stadt- oder Dorfverband nur 
jenen Personen ertheilt werden solle, die vorher 
.mindestens fünf Bäume auf dem betreffenden Ge 
meindegrunde angepflanzt haben. Ebenso sollte jedes 
Brautpaar mindestens vier Obst- oder andere 
Bäume setzen. Interessant ist die die Versetzung der 
jungen Bäumchen betreffende Bemerkung, es sei 
nicht genug, wenn ein Spaten voll Erde ausgehoben, 
der Baum in das Loch hineingesteckt und mit dem 
Fuße festgetreten werde. Es folgt vielmehr eine 
genaue Anweisung, wie beim Versetzen zu verfahren 
sei. Auch die Anpflanzung von dichten Hecken um 
die Wiesen und Gärten wird in's Auge gefaßt. 
Um die gepflanzten Bäume und daran wachsende 
Früchte gegen Diebstahl und Frevel zu schützen, 
werden für die verschiedenen darausbezüglichen 
Vergehen entsprechende, und zwar recht strenge, 
auch „empfindliche" Strafen namhaft gemacht. So 
wird derjenige „Bösewicht", der aus einer Baum 
schule einen Baum aushebt, mit 1 Thlr. oder 
höher und auch noch */* Jahr Zuchthaus bestraft. 
„Ein muthwilliger Freveler aber, der vor Unserer 
Residenzstadt oder sonst in Unsern Landen, die 
beydes zur öffentlichen Zierde und Bequemlichkeit 
angelegte Baumplantagen und Alleen, wie auch 
die sonsten von Privatis in oder an ihren Gärten, 
Aeckern und Wiesen, zu ihrem Nutzen und Gebrauch 
gepflanzte Obst-, Linden-, Wehden- u. a. Bäume 
aus purer Bosheit und Frevel durchkringeln, zer- 
reissen, zerschneiden, zerhauen, verbrennen und wie 
es sonsten zugehen möchte, verderben würde, soll 
jedes Stück nicht allein vorgesetztem Werthe nach 
bezahlen, sondern auch wegen eines jeden Stammes 
ohne Unterschied das erstemal unserm untern 
13 Tage Aprilis 1713 angelassenen Baumplantagen- 
edict gemäß 20 Thlr. erlegen, im Mangel des 
Vermögens aber ein Jahr lang mit demZucht- 
Hause, auch wenn er sich dergleichen infamen 
Baumverderbens zum zweytenmal sollte gelüsten 
lassen, ohne Ansehen der Person, an den Pranger 
ge stell et, mit Ruthen ausgestrichen und 
des Landes auf ewig verwiesen werden." 
Mit den Bestimmungen betreffs der Ueberwachung 
der genauen Befolgung der erlassenen Verordnung 
und der Einsetzung einer Kommission, die jährlich 
im Herbst in's Land zu senden sei, um nachzusehen, 
ob Beamte, Städte und Gerichtsbarkeit des Adels 
ihren hier in Betracht stehenden Pflichten nach 
gekommen seien, schließt die Verordnung. 
Sie ist ein schätzbarer Beweis für die landes- 
väterliche Fürsorge einer bald zweihundert Jahre 
hinter uns liegenden Zeit und verdient nicht nur 
des historischen Interesses wegen aus dem Dunkel 
der Bibliotheken und Archive wieder einmal 
hervorgezogen zu werden, sondern auch weil der 
Geist solch weiser Gesetze trotz der vorgeschrittenen 
Bildung unserer Zeit leider immer noch nicht tief 
genug in das Leben und Thun unseres Volkes 
eingedrungen ist. Dr. A. 
In der Nummer unseres Blattes vom 1. Mai 
d. I. gaben wir eine Beschreibung der Feierlich 
keiten, die bei der Verlobung und Vermählung 
Ihrer Hoheit der Prinzessin Maria von 
Sachsen mit Seiner Hochfürstlicheu Durchlaucht 
dem Herzog zu Sachsen-Meiningen am 
23. März 1825 % im kurfürstlichen Schlosse 
Bellevue' zu 'Kassel stattgefunden. Wir sind in 
der Lage, eine Fortsetzung der Beschreibung dieser 
kleinen, aber immerhin charakteristischen Ereignisse 
liefern zu könuen, nämlich aus der Feder der 
Wittwe des herzoglich meiniugischen Bibliothekars 
Reinwald, Christophine, einer Schwester 
Schiller's, die in dem freundlichen sächsischen 
Städtchen den größten Theil ihres Lebens ver 
brachte. Briesschreiben war in jener Zeit ein 
hervorragendes Mittel der Unterhaltung. 
Unter'm 10. März 1825 schreibt Christophine 
Reinwald an ihre Schwester Luise, die an den 
Stadtpsarrer Frank zu Möckmühl in Würtem-
	        

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