Full text: Hessenland (9.1895)

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hier hängen geblieben, den man als einen 
routinirten Schauspieler, nachdem er ein hiesiges 
Mädchen geheirathet und ein Handelsgeschäft über- 
nommen hatte, sür's Theater gewann und in den 
verschiedensten Fächern beschäftigte. Er hatte die 
Eigenthümlichkeit, daß er seine Rollen meist ans 
gut Glück nach den Einslüfternngen des Souffleurs 
wiedergab, auch die Rollen seiner Mitspieler besser 
konnte als seine eigene, weil ihm diese in den 
Proben wiederholt vorgesagt worden. 
Im Vorwinter 1815, als die russische Armee 
ans Frankreich znrückmarschirte und Barkley 
de Tolly eines Abends hier Rasttag hielt, wurde 
Theater gespielt und unter Anderem ein kleines 
Stück „Die patriotische Familie", natürlich ein mili 
tärisch - enthnsiasmirtes Stückchen, aufgeführt, in 
welchem gegen das Ende den Führern Schwarzen 
berg, Blücher u. s. w. ein Toast ausgebracht wurde. 
Es war meine erste Rolle, die man mir anvertraut 
hatte, und da der russische Feldmarschall unser 
Theater mit seinen Offizieren durch seinen Besuch 
beehrte, so fand ich es ganz der Artigkeit an 
gemessen, ihn im Toaste dazuznraffen; als ich daher 
das Glas erhob und laut iii'8 Parterre gegen die 
Loge hin die Worte anssprach: „Alle jene Edlen, 
Schwarzenberg, Blücher, Barkley de Tolly, die uns 
mit Ruhn: vorangingen — sie leben hoch" ! brach 
ein solcher Sturm des Beifalls ans, daß das Fort- 
spielen viele Minuten lang unterbrochen wurde und 
mir die russischen Offiziere, die sich ans dem daraus 
folgenden Ball mich ihnen vorstellen ließen, mich 
enthusiastisch umarmten und mir in allen Sprachen 
die ausgesuchtesten Artigkeiten für meine Ansmerk-* 
samkeit auszudrücken sich bestrebten. 
Der Feldmarschall hatte sich gleich nach dem 
Theater zurückgezogen, aber sein Adjutant konnte 
keinen Augenblick versäumen, in dem er meiner 
habhaft werden konnte, mich zu fetiren, so daß mir 
die Sache zuletzt ganz lästig und lächerlich wurde 
und ich mich viel früher, als es sonst geschehen 
wäre, um den schmeichelhaften Ovationen zu ent 
gehen, vom Balle zurückzog. 
Im Jahre 1816 nahm sich der nachmalige Rath 
Bi erste dt, ein Berliner von Geburt, der viele 
Kenntnisse aber kein glückliches Organ besaß, des 
Liebhabertheaters mit vieler Wärme au, nud unter 
seiner Leitung und Bemühung kam die Aufführung 
von Schiller's „Kabale und Liebe" zu Stande, von 
welcher Ausführung kompetente Richter mir wieder 
holt versicherten, ein abgerundeteres und besser inein 
ander greifendes Znsammenspiel noch nie gesehen zu 
haben. Ich war damals auf der Universität, und 
alle die Briefe, die ich erhielt, und die nachmaligen 
Erzählungen stimmten nur in dem Einen überein, 
einen größeren Kunstgenuß nie erlebt zu haben, 
als in den wiederholten Darstellungen dieses Trauer 
spiels. Seit diesem Spiele glänzte Josephine 
Thomas als erster Stern am Theaterhimmel nud 
erregte, wie natürlich, den Neid der Frau Eoudray 
wie anderer Mitkonkurrentinueu. 
Nach der Besitznahme Fulda's durch die Kur 
hessen 1816 hatten sich mehrere Offiziere der da 
maligen Garnison, nachdem Eoudray durch Ver 
setzung von hier mit seiner Frau ausgeschieden und 
auch Rotheubücher dahin abgegangen waren, zur 
Uebernahme von Rollen verstanden; wie ich denn 
im Herbste 1816 einem Kotzebue'schen Lustspiele 
„Der Rehbock" beiwohnte, wo ich mich über die 
große Naivität wunderte, mit der man die größten 
Zweideutigkeiten hinnahm und die Unschicklichkeit, 
solchen Schund von einem Liebhabertheater aus 
führen zu lassen, gar nicht zu ahnen schien. 
Heinrich König, dessen entschiedenes Talent zu 
seinen Intriganten-Rollen sich immer zweifelloser 
ausbildete, sah sich durch die Lobsprüche seiner 
Bewunderer in diesem Fache sehr genirt nnb über 
nahm nur mit Widerwillen später eine derartige 
Rolle, doch war seine Thätigkeit als Regisseur 
vom vortheilhaftesten Nutzen bei Wahl nnb Be 
setzung der Stücke. — Seit meiner akademischen 
Laufbahn konnte ich die Fnldaer Liebhaberbühne 
nicht gut von meinen theatralischen Besuchen trennen 
und überall, wo ich ein Theater besuchte, besetzte 
ich im Geiste die vor mir abgespielten Stücke mit 
Persönlichkeiten unserer Bühne in Fulda. Ans 
diesem Grunde mochte ich auch Opern u. dergl. 
Sachen weit weniger gern besuchen, als gerade 
Lust-, Schau- und Trauerspiele, wenn ich hoffen 
konnte, dieselben würden sich für unsere Bühne 
eignen. 
Als ich daher im Winter 1818 wieder nach 
Hause kam, machte ich es zur Bedingung meines 
Mitwirkens, wenn man sich dazu verstehen wolle, 
die Lessing'sche „Emilia Galotti" einzustudieren. 
Die Hauptschwierigkeit bei der Besetzung der 
Rollen, war der Bräutigam der Emilie, wie er 
denn auch in die Hände des spütermals holländischen 
Stabsarzt hier gestorbenen Fritz Wiegand nicht 
erbärmlicher hatte gelegt und, wie wir uns technisch 
ausdrückten, „verhandhabt" hätte werden können. 
König spielte den Atarinelli in hoher Kunst 
fertigkeit, — PH. Schwarz den Prinzen, Mimi 
von Spital Emilie, Josephiue Thomas, meine 
nachmalige Frau, die Gräfin Orsina und ich den 
Odoardo — in einem glänzenden Damastan- 
zuge
	        

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