Full text: Hessenland (9.1895)

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Nicht weit vom „Storch" entfernt befindet sich 
das ehedem Hofsattler Zenker'-, später Werth- 
heim'sche Hans, welches über der Hansthüre drei 
in Stein gehauene Sterne mit der Jahreszahl 
1722 tragt. Ob dasselbe ebenwohl Wirthschasts- 
zwecken gedient, lassen wir dahingestellt sein. 
Biegen wir vor diesem Hans links ein, so 
kommen wir vor ein seit vielen Jahren schon 
mit dem daranstoßenden Eckhaus verbundenes 
Gebäude, das dem nun auch eingegangenen Gast 
haus, „zum Wolf" gerade gegenüber lag. Vor 
diesem befand sich ein durch eine Mauer von 
der Straße getrennter Hosraum. Auf der Mauer 
staud ein steinernes Bild der sätmerzhaften Mutter 
Gottes. Die kleine Weinschenke im Hause wurde 
„zum Höschen" genannt. In ihr soll der Maler 
Andreas Herrlein Stammgast gewesen sein. Er 
hat ein Oelbild hinterlassen, auf welchem das 
Gastzimmer mit den Stammgästen abgebildet ist 
und das später in den Besitz des Geheimen Medi 
zinalraths Dr. Joseph Schneider gekommen sein soll. 
Gehen wir von da nach dem „Inneren 
Graben", dem früheren „wollwebersgraben", auch 
„auf den Platten" oder „auf den Bohlen" 
genannt, so stehen wir vor dem früheren Wachs 
zieher Wankel'-, späteren Franz Feuerstein'schen 
Hause. Es muß darin noch im Jahre 1813 ein 
Gasthaus „zum Einhorn" bestanden haben, weil, 
wie man uns mittheilte, dasselbe von französischen 
Soldaten in diesem Jahre geplündert wurde. 
Einige Häuser weiter nach der Löhersgasse zu 
lag das vormalige Hofrath Fösser'sche, nachmalige 
Schneider Odenwald'sche Haus, an welchem ein, 
jetzt nicht mehr vorhandenes, Schild angebracht 
war, das ein Bündel Gerste zeigte und die Auf 
schrift „zur goldenen Gerste" trug. Dafür, 
daß dies Haus ein Gast- oder Wirthshaus ge 
wesen, haben wir keinen Anhaltspunkt. Ebenso 
wenig dafür, daß das gerade gegenüberliegende 
Haus mit der Bezeichnung „zum silbernen 
Stern", welches später in den Besitz des 
Materialisten Ignaz Lieblein gelangte, ein Wirths 
haus war. Dieses kleine Haus mochte mit dem 
darangelegenen von gleicher Ausdehnung wohl 
früher ein Ganzes gebildet haben. In dem einen der 
Häuser wohnte vor Jahren der Advokat Gärtner, 
in dem anderen der Chirurg und Barbier Rauck. 
Ehe wir nun in die Löhersgasse kommen, 
wollen wir das „Gasthaus zur Krone", in 
dem später der Stadtrath Friedrich Schultheis 
die so rühmlich bekaunte Metzgerei' betrieb, er 
wähnen. In früherer Zeit verkehrte da ein 
Perrückenmacher W., welcher als Friseur bei 
mancher seiner Kundinnen als geheimer Rath 
und Vertrauter galt, ein aufgeweckter Kopf, der 
voller Schnurren und Schwänke war und sich 
gerne Professor nennen ließ. Ueber 25 Jahre 
ist derselbe ein stets gern gesehener Stammgast 
in der „Krone" gewesen, der viel zur Unter 
haltung beitrug, und den mancher dort eingekehrte 
Fremde für einen wirklichen Professor gehalten hat. 
Von den zahlreichen tu der Löhersgasse vor 
handen gewesenen Gasthäusern wollen wir nur 
zwei erwähnen, welche schon lange vor der Zeit, 
tu welcher der Frachtverkehr aus Veranlassung 
der Anlage von Eisenbahnen noch nicht aufgehört 
und seinen Weg fast ausschließlich, die Frankfurt- 
Leipziger Straße verfolgend, durch die Löhersgasse 
nahm, eingegangen waren. Diese sind das „zum 
grünen Baum", gegenüber dem hl. Geistspital, 
im später Schneider Hornung'schen Hause, und 
das „zum Kreuz", welches der Anfang der 
dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts nach Amerika 
ausgewanderten Familie Feuerstein gehört hatte. 
Vor der Eröffnung der Eisenbahnen war der 
Verkehr in der Löhersgasse ein so großer, daß 
zur Zeit der Frankfurter und Leipziger Messen 
die Frachtwagen biszum unteren Fischhause standen. 
Am südlichen Ende der Stadt angekommen, 
erwähnen wir noch des Gasthofs „zum Schwan", 
der schon im Anfang dieses Jahrhunderts sich 
eines sehr guten Rufes erfreute. In ihm befand 
sich bis in die neuere Zeit die Posthalterei. 
Auch Goethe war auf seiner Reise dttrch Fulda 
darin eingekehrt. Man erzählte sich, daß er, am 
Treppengeländer des oberen Stockes stehend, aus 
die Frage des Kirchenraths und Professors 
Dr. Petri, die dieser auf dem Vorplatz unten an 
den Postmeister Oswald richtete: „Ist Goethe da, 
ist Goethe oben?", die er mit angehört, gesagt 
habe: „Jawohl! Was will der kleine Schnurr- 
bezel?" (Mittheilung des Postmeisters Oswald). — 
Vielleicht geben diese flüchtig hingeworfenen 
Mittheilungen einem Freunde der Fuldaer Lokal 
geschichte Veranlassung, dieselben, welche ja aus 
Vollständigkeit keinen Anspruch ntachen, zu er 
gänzen und ztt berichtigen. 
Hierbei können wir die Zweifel nicht unerwähnt 
lassen, die sich uns bei der Benennung einzelner 
Gasthäuser und Wirthschaften aufdrängten: ob 
die an manchen Häusern angebrachten Schilder 
in der That auf eine daritt betriebene Gast- 
wirthschaft schließen lassen, oder ob sie nicht 
vieltnehr, wie es u. A. in Frankfurt a. M. und 
Hanau der Fall ist, zur genauen Bezeichnung 
eines bürgerlichen Wohnhauses gedient haben, 
ohne daß man int Stande ist, die Veranlassung 
und den Sinn der Benettnnng klar zu stellen.
	        

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