Full text: Hessenland (9.1895)

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gaffe befand sich das Gasthaus „zur Glocke". 
Ueber der Eingangsthüre ist eine Glocke in Stein 
ausgehauen zu sehen. Das Haus kam später an 
die Familie Weishahn, dann an den Oekonomen 
Merz, den Besitzer des Fürstbifchofshaufes, jetzigen 
Damenstifts. In den achtziger Jahren des vorigen 
Jahrhunderts wohnte hier der kaiserliche Werbe 
hauptmann Graf Kuhn. Es ist ja bekannt, daß 
am Ende des vorigen Jahrhunderts und auch 
noch später viele Fuldaer in österreichischen 
Militärdienst traten. 
Indem wir in die Friedrichsstraße und nach 
dem Paulsthore zu gehen, gelangen wir am Ende 
von deren östlicher Seite zum rühmlich bekannten 
„Gasthof zum Kurfürsten", dem früheren von 
Tann'fchen Haus. Anfang dieses Jahrhunderts 
kam dasselbe in den Besitz des Großvaters des 
jetzigen Gasthalters, des vorhinnigen fürstbifchof- 
lichen Kellnerei-Böttners Müller, der ein außer 
ordentlich unternehmender, rühriger und kluger 
Mann war. Als im Jahre 1813 auf dem mit 
Balustraden umgebenen Vorplatz des Gasthauses 
an 700 gefangene französische Soldaten aus dem 
Elsaß, unter ihnen viele Kaufmannsföhne, auf 
dem Transport von den Russen auf einige Zeit 
untergebracht waren, verschaffte der Gasthofbesitzer 
mehreren dadurch die Freiheit, daß er sie als 
Kellner verkleidet in fein Haus aufnahm und 
als solche verwendete. Viele der Gefangenen 
erhielten auch dadurch ihre Freiheit, daß die 
damaligen Vorsteher der Lazarethe, der Rath 
Kepler und Reeeveur Schwank, dieselben, unter 
stützt durch die bei der Lazarethverwaltung thätigen 
Offiziere und Aerzte, statt angeblich nicht zu 
beschaffender bezahlter Krankenwärter in den 
Lazarethen zur Kraukenpstege heranzogen, aus 
welchem Dienstverhältnisse sie später nach Frank 
reich entlassen wurden. Es find uns selbst 
mehrere Briefe solcher Franzosen aus ihrer Heimath 
zu Gesicht gekommen, in welchen sie für die ihnen 
so wiedergegebene Freiheit den Betheiligten in 
warm empfundenen Gefühlsäußerungen ihren 
herzlichen Dank ausfprachen. Auch der letzte 
Fuldaer Fürstbischof Adalbert von Harstall nahm 
wehrlose, zersprengte Franzosen in feinen Schutz, 
unterstützte sie fürstlich und ließ ihnen sicheres 
Geleit angedeihen. Als dies Napoleon bei feiner 
Anwesenheit in Fulda erfuhr, machte er dem 
Fürstbischof feinen Besuch und sprach ihm feine 
Anerkennung und feinen Dank aus. 
Vom Gasthof „zum Kurfürsten" verfügen 
wir uns beim Bonifatiusdenkmal vorbei in die 
nahe gelegene Rittergaffe. Darin sollen früher 
Kemnaten gestanden, in dem ehemaligen Bereiter 
Heider'-, später Büttner May'fchen Haufe auch 
ein Gasthaus „zum Ritter" sich befunden 
haben. Obwohl diese Angabe hie und da vor 
kommt, so wollen wir deren Richtigkeit nicht so 
ohne Weiteres anerkennen. 
Gehen wir nun bei der Domkirche und der 
Landesbibliothek vorbei in die Vorstadt, die 
Hinterburg, so finden wir da gleich am Thore 
ein feit langer Zeit schon bestehendes Gasthaus 
„zur Hinterburg", in welchem aber feit Jahren 
nur eine Wirthschaft mit Brauerei sich befindet. 
Nicht weit davon nach der langen Brücke zu 
befand sich bis in die Mitte dieses Jahrhunderts 
eine Weinstube, die zuletzt der angesehene Bürger 
und Weinwirth Michael Auth inne hatte und 
eine auserlesene Gesellschaft zu feinen Gästen zählte. 
Wenden wir uns nun wieder dem Innern 
der Stadt zu und gehen bei der früheren fürst- 
bifchöflichen Münze, dem jetzigen Leih- und Pfand 
haus, vorbei, so stoßen wir zunächst auf ein kleines 
Haus, in welchem sich ehedem eine Wirthschaft 
„zum Füßchen" befunden haben soll. 
Gegenüber liegt der frühere Gasthof „zum 
rothen Löwen". Am Eingang zum Keller 
auf der Straße ist ein in Stein gehauener kleiner 
rother Löwe zu bemerken, während das früher 
auch am Haufe befindliche Wirthshausfchild ver 
schwunden ist. Manches in dessen Innerem deutet 
auf ein hohes Alter des Gebäudes. Später kam 
dasselbe in den Besitz des Kaufmanns und Wein- 
wirths Hauck, der darin eine Weinstube unterhielt 
und in den oberen Räumen Tanzvergnügungen 
veranstaltete. Schon am 28. Oktober 1615 wird 
d iefes Gasthauses in einer Chronik gedacht: 
Auf den Freitag ist die erste Mes und Predigt 
gehalten wortten in der Neuwen Kirchen beim 
Roden Lewben uff dem Wolwebers Graben. 
Nicht weit davon am Eingang zum Lückenberg 
liegt das frühere Lederhändler Kirchner'fche Haus, 
das schon im vorigen Jahrhundert in dieser 
Familie sich befand, bereits lange vorher eine 
Wirthschaft war und die verschiedensten Be 
nennungen hatte. 
Wir gehen nun bei der auch von der Bild 
fläche verschwundenen „Sonne" vorbei in die 
Judengaffe. Dort stoßen wir zunächst auf das 
jetzt eingegangene Gasthaus „zumrothenOchfen". 
In ihm kehrten viele Meßfremde und Viehhändler 
ein. Auch befand sich darin eine Bäckerei. 
Unweit des „rothen Ochsen" liegt die längst 
vergessene Herberge „zum wilden Mann", 
später „das rothe Läppchen" genannt, welcher 
Name daher gekommen fein soll, daß die in 
früheren Kriegsjahren darin einquartierten Kroaten 
oder Rothmäntel ihre Mäntel zu den Fenstern 
heraushängen ließen. In den Akten des früher
	        

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