Full text: Hessenland (9.1895)

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sitzungen, die unter dem Vorsitze des Kurfürsten 
stattfanden, zur Vortage. Der Kurfürst hatte jedoch 
keine Neigung für ein solches Gesetz, und zwar nicht 
etwa, weil es für ihn etwas Neues war, oder 
weil er aus Eigensinn an dem Alten hing, nein: 
er bewies feinen Ministern, daß von einer Ver 
koppelung eigentlich der Großgrundbesitzer den 
Hauptvortheil habe, während der kleine Mann 
unverhältnißmäßig höher bei den Kosten belastet 
würde, unter Umständen sich auch die Aussicht 
genommen sähe, eben so leicht ein Stückchen 
Land zu kaufen, als unter den alten Besitz 
verhältnissen. Den kleinen Mann aber behauptete 
der Kurfürst besonders schützen zu müssen und 
setzte dabei noch sehr deutlich auseinander, welche 
Gewissensbedrängniß er fühle, wenn er so all 
gemein in das den Bauern besonders heilige 
Besitz- und Eigenthumsrecht eingreifen solle.*) 
Im Uebrigen führe die logische Konsequenz 
eines Verkoppelungsgesetzes doch eigentlich zur 
Wiederaufhebuug der Freitheilbarkeit, sowie zu 
einer Aenderung des bäuerlichen Erbrechts-. Und 
wie richtig der Kurfürst hierbei urtheilte, beweiseil 
uns die letzten zwanzig Jahre mit ihren weit- 
läufigen Verhandlungen, Berathungen und Be 
gutachtungen gerade des bäuerlichen Erbrechtes 
in Beziehuilg aus Erhaltung eines tüchtigen 
Bauernstandes. **) 
Zu wiederholten Malen würde alsdann der 
Gesetzentwurf wieder vorgelegt, allein die Minister 
hatten kein Glück damit, es kamen zu den alten 
immer neue Bedenken, die wesentlich das Interesse 
des kleinen Grundbesitzers betrafen, und die 
landesherrliche Genehmigung blieb dem Entwurf 
beharrlich versagt. 
*) Ganz ähnlich erklärt Otto B ä h r in seinem neu 
erschienenen Buche „Das frühere Kurhessen" die Ab 
neigung des Kurfürsten gegen ein Vorgehen in der Ver 
koppelungsfrage. (S. 86.) Die Red. 
**) Wer sich dafür interessirt, vergleiche mein Buch: 
„Die Erhaltung des Bauernstandes", Leipzig bei Otto 
Wiegand, lll. Auslage 1894. Der Verf. 
Da endlich glaubten die Minister den alten 
Herrn geneigter zu machen, wenn sie ihm vor 
rechneten, wie bedeutend höher, nach einer Ver 
koppelung, die Renten jener Güter sein würden, 
die der Kurfürst für seine Söhne in Hessen 
angekauft hatte. Zahlen beweisen ja, wie die 
Welt regiert wird, und in der That legten ihm 
die Herren eines Tages eine genau aufgestellte 
Berechnung darüber vor, was aus jedem einzelnen 
Gute Aecker und Wiesen mehr werth würden 
und um wieviel höher sich die Grundrente stelle. 
Sonderbar, daß Männer wie die Minister, 
die doch dem Kurfürsten so nahe standen, mit 
dem landläufigen Vorwürfe seines Eigennutzes 
oder seines Geizes rechneten, während ihm Beides 
so entschieden fremd war, daß er um seiner fürst 
lichen Ehre und seines Standes willen — seine 
schmale Hinterlassenschaft ist Beweis dafür!*) —, 
vor keinem Opfer zurückschreckte. Kurz, die 
Lockspeise der Excellenzen versagte nicht nur voll 
ständig ihre Wirkung, sondern die Zumuthnng, 
des eigenen Vortheils wegen einen Gesetzentwllrf 
sanktioniren zu sollen, brachte den Kurfürsten in 
den höchsten Zorn, und bitterer sollen ihm nie 
Vorwürfe über die Lippen geflossen sein, als in 
dieser stürmischen Ministerialsitzung. 
Der unglückliche Gesetzentwurf durfte sich so 
bald nicht wieder sehekl lassen. Erst int Frühjahr 
1866 kam er, nach vielem Drängen, wieder zum 
Vorschein, aber mit all' den Abänderungen, 
die der Kurfürst zu Gunsten der Kleingrnnd- 
besitzer begehrt hatte. Wir wissen, daß es in 
ben damaligen politischen Wirren nicht mehr 
zur Erledigung des kurhessischen Entwurfs kam. 
Seit jener Zeit sind dreißig Jahre in das Land 
gegangen, aber die theoretischen Gründe des 
kurfürstlichen Widerstandes sind von der Praxis 
auch heute kroch nicht ganz überwunden. Wozu 
also damals der Lärm? 
*) Siehe meine Mittheilung darüber im „Hessenland" 
1887. S. 322. Der Verf. 
Alte Häuser in Fulda. 
Von Joseph Schwank. 
(Schluß.) 
sjft ehen wir nun von der Friedrichsstraße, die von 
)s den früher daselbst seßhaft gewesenen Schmieden 
i „Schmittgasse" hieß, in das „Nvnuen- 
güßchen", so kornmen wir zunächst zu dem Hartmann'- 
schen Eckhause, worin sich die Weinstube des früheren 
Lyzeal-Pedelleu Deichmüller, „das Kapellchen" 
genannt, befand. Männer der besseren Gesellschaft 
tranken irr diesem kleinen, gemüthlichen Lokale 
gern ihr Glas Wein. 
Dem „Kapellchen" gegenüber in der Nonnen-
	        

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