Full text: Hessenland (9.1895)

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stummte vor dem Wirbel französischer Trommeln 
und vor dem Knattern des kleinen Gewehrfeuers, 
das sich mit mächtigem Echo in diesen Thälern 
brach. Jammernd und wehklagend schleppten sich 
verwundete Krieger zu den Mauern des schützen 
den Parks, und statt froher Lieder, die sonst all 
Sonntagen hier von lustwandelnden Menschen 
gehört werden, vernahm man nur kurze, mili 
tärische Kommandos in allen möglichen Sprachen 
und Tonarten. 
Sollte aber Jemand irgendwelche Zweifel all 
dem eben Gesagten hegen, so bitte ich ihn nur 
seinen Blick auf den sichtbareil Zeugen jener 
Tage zu werfen, der mir gegenüber hier in 
der Wand noch festsitzt und ilns stumm, aber 
beredt von den Schrecknissen jener Tage Kunde 
giebt. Sie sehen hier deutlich das mächtige Ge 
schoß eines Regimentsgeschützes, das hierher seinen 
Weg durch das Fenster genommen und das 
uns jetzt erzählt voil jenem blutigen Tage, an 
dem hier Engländer, Deutsche und Franzosen 
um die Palme des Sieges in heißem Kampfe 
gerungen haben. 
Einell guten Flug hat dieses furchtbare Geschoß 
gethan, insofern, als es wie viele seiner todbringenden 
Mitgeschosse seitlich von dem tiefer liegenden 
Dache des Schlosses hier in dem Gebäude ein 
schlug und relativ hier wenig Schaden anrichtete, 
wenngleich wir freilich nicht wissen können, ob 
dasselbe llicht den zufälligen Insassen des Zim 
mers, mögen dieselben nun dem Militär oder 
Zivil angehört haben, bösen Schaden zugefügt 
hat. Freuen wir uns jedenfalls, daß es sich 
hier an der Wand seinen Ruheplatz gesucht 
hat und nicht etwa die herrlichen Kunstschütze 
des Schlosses, die Porzellane von Meißen und 
Sevres, die Boiserien in Atome zertrümmert hat. 
Die Kugel galt, wie ich hier gleich einschalten 
will, den aus dem Thiergarten retirirenden 
Trümmern des Stainville'schen Corps und stammt 
aus einer in der Höhe der Landstraße am Wald 
stehenden englischen Batterie. Eine genau ebenso 
große und schwere Kugel habe ich zu Hause in 
meinem Besitze. Dieselbe wurde beim Durch 
sägen einer uralten Eiche des Wilhelmsthaler 
Waldes hart am Parke gesunden und mir durch 
Herrn Oberförster Mergel, welcher später zu 
Wahlershausen starb, zum Geschenk gemacht. 
Der Anblick dieses Geschosses ruft uns aber 
wieder in die Seele zurück das Bild jener Männer, 
die hier muthig dem Feinde gegenüberstanden, 
unbekümmert um die rasch dahinsausenden Kugeln, 
die über ihr Sein oder Nichtsein schon in der 
nächsten Minute entscheiden sollten. In die Er 
füllung ihrer schwersten Pflichten waren hier 
Britten und Deutsche eingetreten, als sie, den 
Blick auf die wehenden Fahnen gerichtet, hier 
am 24. Juni des Jahres 1762 aus blutiger 
Wahlstatt vereint kämpften. Aber auch der 
Franzose, weit entfernt hier ein zweites Roßbach 
zu liefern, hatte, wie wir später sehen werden, 
allen Grund, den Tag von Wilhelmsthal zwar 
zu ben unglücklichen, aber doch ehrenvollen 
Schlachttagen zu zählen. 
Gerade die Schlacht von Wilhelmsthal hier 
ausführlicher zu besprechen, veranlaßte mich zuerst 
die Oertlichkeit selbst, an der unser Herz seit 
frühester Jugend hängt und der durch die Er 
innerung an diesen heißen Kamps noch ein 
neuer Reiz zugeführt wird. Auch bestimmte mich 
hierzu der ehrenvolle Antheil, den die hessische 
Reiterei, in spooie die gelben Dragoner, die 
Prinz Friedrich-Dragoner an der Schlacht nahmen, 
die hier zwei französische Kanonen erbeuteten und 
deren Tapferkeit auch in unserm preußischen 
13. Husarenregimeut 1870 gewissermaßen auf's 
Neue auflebte. 
Die Bedeutung dieser hochinteressanten Schlacht 
ist außerdem in fachmännischen, d. h. militärischen 
Kreisen längst bekannt und gewürdigt, während 
in den Kreisen der Zivilbevölkerung, in der 
Masse der Volkes dieselbe noch lange nicht ge 
nügend bekannt ist und deshalb auch nicht aus 
ihre Bedeutung geschätzt wird. Fehlte doch nicht 
viel und hing es, wie wir später sehen werden, 
nur von Zufälligkeiten ab, und wir hätten hier 
in Wilhelmsthal ein Sedan aus deutschem 
Boden zu verzeichnen, das sich dem Sedan des 
Jahres 1870 würdig hätte vergleichen lassen. 
Fast 70,000 französische Krieger, 2 Marschälle, 
20 Generale, 2000 französische Ofstziere, Hunderte 
von Kanonen und Feldzeichen wären hier in die 
Hände der Alliirten beinahe gefallen und der 
Ruhm dieser Schlacht würde dann die späteren 
Generationen nach überdauert haben. 
Wenn auch der Erfolg der Schlacht nicht der 
gleiche wie bei Sedan war, so waren die Anord- 
| nungen des Herzogs Ferdinand von Braun- 
j schweig als Führers doch so vorzüglich getroffen, 
! daß eine vollständige Umzingelung der großen 
französischen Armee erreicht worden wäre, wenn 
nicht der bekannte cpdovos vöv Oecdv (der Neid 
der Götter) seine Hand dabei im Spiel gehabt 
hätte uttb den Siegeslorbeer des Herzogs Fer 
dinand hier in seiner vollen Entfaltung behin 
dert hätte. 
Man kann sich aber um so lieber zu einer 
Besprechung dieser Schlacht entschließen, als damit 
auch einem gewissen Gefühle der Gerechtigkeit 
I Genüge gethan wird. Wie wenige wissen ver-
	        

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