Full text: Hessenland (9.1895)

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Ans alter und neuer Irit. 
Die H e r r s ch a s t P l e s s e und d i e L n u d - 
grasen von Hessen. Noch ehe der letzte 
Edelherr von Plesse Dietrich IV. am 22. 
Mai 1571 das Zeitliche segnete, hatte Land 
graf Wilhelm IV., der Weise, von Hes 
sen alle Vorkehrungen zur Besitznahme der 
Herrschaft Plesse getroffen. Dietrich's Wittwe war 
von ihrem Gemahl unter Wilhelms Obervormund- 
schast gestellt worden, und Dietrich's Enkelin Wal 
purgis, Gräfin von Waldeck, die allein von dessen 
gesummter Nachkommenschaft noch am Leben war, 
wurde abgefunden und starb kinderlos. Auf diese 
Besitzergreifung des Landgrafen von der Herrschaft 
Plesse beziehen sich folgende ganz kürzlich von Herrn 
Dr. med. Schwarzkopf aus Kassel an Ort nild 
Stelle entzifferten und der Redaktion des „Hessen 
landes" gütigst zur Verfügung gestellten Verse 
einer älteren Inschrift am äußersten Thore des 
Schlosses Plesse: 
In NOEinundsibzigsten Jahr- 
Dis Haus und Herschaft fürwahr 
Zugestorben und angefallen ist 
Dem Löblichen Fürsten ohne List 
Herrn Wilhelm, dem Landgrafen gut 
Zu Dessen, der es hat in Hut. 
Ist Durchlauchtig und Hochgeboren 
In fürstlicher Tugend auserkoren. 
Er hat es mit guten Tituln bracht 
In seine Hand und Gottes Macht. 
Zwar wurde das Vorgehen des Landgrafen von 
mehreren Seiten, so zum Beispiel von den Her 
zogen von Kalenberg-Göttingen unb ihren Erben zu 
Wolsenbüttel mehrfach angefochten, doch wußte 
sich Landgraf Wilhelm, unterstützt voll Mandaten 
des Reichskammergerichts und im Bunde mit Kur 
sachsen im Besitz der Herrschaft Plesse zu erhalten 
(vergl. Rommel, Geschichte von Hessen, Bd. 5, 
S. 627 ff.), die auch seine Nachfolger bis zunr 
Jähre 1815 inne hatten. 
Indeß wäre der Landgraf bereit gewesen, unter 
gewissen Bedingungen aus die Herrschaft Plesse 
Verzicht zu leisten, unter Bedingungen, die wir 
aus folgender Stelle des landgräflichen Testaments, 
die zuerst bei Rommel veröffentlicht ist, kennen 
lernen. Es heißt da: „Was aber die Irrungen 
der Herrschaft Plesse betrifft, solches ist eine 
große Sache, ein herrlich gut Haus, trägt guten 
Nutzen, hat überaus eine stattliche Lehnschast von 
Adel und Bürgern Darum können Wir 
nicht gut finden, daß man sich mit Braunschweig 
in Güte derselben einlasse und sich mit einem 
tauben Ey, als etwa dem Gericht Sichelstein 
von solchem stattlichen Hause und Herrschaft . . . 
lasse abweisen. Hätte man aber das Vorwissen, 
daß die Braunschweiger Schloß und Stadt Mün 
den sammt dem Kloster Hildewartshansen*), 
Gericht Sichelstein**), wie das unser Herr Vater 
seeliger sammt Hedemünden ingehabt, auch den 
an der Weser und Fulda gelegenen Dörfern Gim- 
mede (Gimte) und Bonsorth < Bonasort) mit 
in Auswechseln wollen kommen lassen, alsdann 
müßte man um der Gelegenheit willen ein Uebriges 
thun, und solle man gleich 500—600 oder bis 
1000 Gulden am Anschlage nachlassen, damit man 
des Ortes des ewigen Zankens abkomme." Gewiß 
wäre es für die Landgrafen von Hessen im In 
teresse besserer Abrundung ihres Landes lediglich 
von Vortheil gewesen, wenn sie ans der hier an 
gegebenen Grundlage einen Vergleich mit den 
Herzögen von Braünschweig hätten schließen können. 
Dr. Otto Bühr, das frühere Kurhessen. 
In einigen Tagen erscheint im Verlag von 
Max Brunne mann in Kassel aus der Feder 
des jüngst Heimgegangenen Reichsgerichtsraths a. D. 
Dr. Otto Bähr, unseres berühmten hessischen 
Landsmannes, unter dem Titel: „Das frühere 
Kur Hessen" ein hoch interessantes Werk, welches 
! die letzte Zeit der kurhessischen Selbständigkeit 
wie die des Uebergangs in die neuen Verhältnisse 
unter preußischer Herrschaft von wesentlich neuen 
Gesichtspunkten ans betrachtet und über Zu 
stände und Ereignisse neues Licht verbreitet. Durch 
freundliches Entgegenkommen der Verlagshandlung 
sind wir in die Lage gesetzt, aus dem reichen 
Inhalt des Buches, aus das wir alsbald nach dem 
Erscheinen zurückkommen werden, unsern Lesern 
schon heute folgende das Wesen und die Stellung 
der hessischen Staatsdienerschaft sowie die Vorzüge 
der knrhessischen Justiz in scharfer Gegenüberstellung 
mit den Mängeln der kurhessischen Verwaltung be 
handelnde Stellen aus dem Kapitel: „Der Zustand 
*) Hilwartshausen. 
**) Als Anna, die Tochter Herzog Wilhelm's des 
Jüngeren zu Braunschweig, sich im Jahre 1488 mit Wil 
helm I., Landgrafen von Hessen, vermählte, setzte der 
Herzog dem Landgrafen Sicheln stein und Münden 
als Pfand für den versprochenen Brautschatz ein. 1500 
versetzte dann die Landgräfin Anna dem Landgrafen 
Wilhelm II. Schloß und Gericht Sichelnstein mit dem 
Flecken Hedemünden für 13 100 Gulden unter Vorbehalt 
der Einlösung seitens ihres Bruders Herzog Erich's 1., 
der noch vor dem Jahre 1535 Burg und Gericht nebst 
Hedemünden von Landgraf Philipp wieder einlöste. Das 
Gericht Sichelnstein entspricht dem zwischen Kassel und 
Witzenhausen belegenen Theil des heutigen Kreises 
Münden, welcher von seiner Lage im Munde der Be 
völkerung noch heute das „Oberamt" Münden heißt.
	        

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