Full text: Hessenland (9.1895)

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fielen, wurde man angereizt, diese deklamatorischen 
Uebungen in einem selbstgeschaffenen Kostüme vor 
zutragen. 
Um die Illusion zu steigern, wurde eine alkoven- 
artige Abtheilung des Zimmers mit einem zu- 
fammengeklebten Tapetenvorhang verschlossen, nach 
dessen Beseitigung die Szenerie für das Drama 
sich den Blicken darstellte und die Künstler im 
Kostüme, die vorher einen kleinen musikalischen 
Genuß den Zuhörern bereitet hatten, jetzt sich 
als König von Frankreich, Talbot oder Agnes 
Sorel vernehmen ließen. Der nachmalige Registrator 
Wohlgemuth als Jungfrau that sein Rührendstes 
im Monolog: „Lebt wohl, ihr Berge re." 
Nachdem auch diese Kunstgenüsse eine Zeit ge 
dauert und in der Stadt zu einem gewissen Ruf 
gelangt waren, ereignete sich eines Abends ein selt 
sames Zwischenspiel. Eine arme Frau, Wittwe 
Schultheis, besaß einen einzigen Sohn, den sie dem 
geistlichen Stande zuführen wollte und von dem sie 
erfahren hatte, daß er heute Abend bei diesen 
Teufelskünsten mitwirken würde. Als daher das 
Drama bereits begonnen, der Sohn im Ritter 
kostüm steckte, erschien die fanatische Mutter, riß 
ihn von der Bühne und führte ihn scheltend von 
dannen. Das aufgeregte Publikum nahm Partei 
für den unterdrückten Kunstjünger und begnügte 
sich, seine Rolle vom Souffleur laut vorlesen zu 
lassen. 
Späterhin gewannen diese Darstellungen dadurch 
Interesse, daß die Schwestern mehrerer dramatischer 
Künstler mit mehr oder weniger Glück oder Geschick 
an den Darstellungen sich betheiligten. Die Schwester 
des Dorsch, Sabine, des Jeßler, nachmals verehe 
lichte Wendler, des Ritter, Karoline. 
Durch diese Würze wurde der Andrang so be 
deutend, daß man sich nach einem anderen und 
größeren Lokale umthat und durch die Betheiligun 
gen von Knips, nachmaligem Amtmann, König 
(Heinrich), Rothenbücher (als Rendant im Wei 
marischen gestorben) wurde der hintere Saal im 
Ballhause, wo früher das Kasino gewesen war, 
gewonnen und daselbst nothdürstig eine Bühne für 
die Bedürfnisse des Liebhabertheaters, mit erhöhtem 
Podium, paffender Beleuchtung, Orchester rc. her 
gerichtet und von den Zuschauern ein mäßiges 
Entree erhoben. 
Von den in diesem Lokale von mir gesehenen 
Stücken sind mir im Gedächtniß die „Räuber", 
einige kleinere Stücke von Kotzebne — „Die Brand 
schatzung", Der Hahnenschlag" - und ein Prolog 
zur Feier des fünfzigjährigen Priesterjubiläums des 
Fürstbischofs Adalbert von Harstall, der von 
Sabine Dorsch gesprochen werden sollte, hängen 
geblieben, 
Als der Vorhang ausging, stand die Prolog 
sprecherin an einem Opseraltar, ans welchem eine 
Spiritusflamme hoch aufloderte. 
Ob die Völle des Raumes oder sonstige Ereig 
nisse auf das Mädchen eingewirkt hatten, sie sprach 
die ersten paar Zeilen kräftig und vernehmlich, 
dann fing sie an zu wanken und sank ohnmächtig 
nieder. Ich drängte mich zum Ansgange, lies in 
die nahe Schwanenapotheke, Hoffmann'sche Tropfen 
herbeizuschaffen. Als ich zurückkam, sah ich den 
Banrath Condray im Ueberrock und mit be 
schmutzten Stiefeln aus der Bühne, der den Prolog 
holperig herablas und nach Beendigang desselben 
den Beifall — den Sabinchen ernten sollte - 
demselben hinwegnahm. Als ich mit meinen Tropfen 
hinter die Kulissen kam, saß Sabinchen frisch und 
munter da. Von simulirten Ohnmachten hatte ich 
in aller Unschuld damals noch keine Ahnung. 
Ob die Betheiligung Condray's nicht zunächst 
Veranlassung gegeben hat, den Großherzog von 
Frankfurt, Karl von Dalberg, zu bestimmen, 
etwas für die dramatische Kunst in Fulda zu 
thun? 
Ich meine gehört zu haben, daß sich der Groß 
herzog dahin geäußert habe, er selbst und die Stadt 
Fulda würden wohl schwerlich die Mittel beschaffen 
können, eine anständige Künstlertruppe zu unter 
halten, er wolle aber die Gelegenheit, da der Graf 
von Montjoie zu Hersseld sein Theater und 
seine Garderobe verkaufe, ergreifen, um den allen- 
sallsigen Dilettantenkrüsten Vorschub zu leisten, 
diese Einrichtungen anzuschaffen und einer sich 
bildenden Gesellschaft das im Hosgarten stehende 
Orangeriegebände zu allerlei geselligen Zwecken 
überlassen. 
Er erkaufte auch wirklich durch Coudray für 
600 fl. das Theater mit allerlei Zubehör, Garde 
robe rc. und schenkte es einem Vereine „Fuldaer 
Musensreunde", welcher, ich weiß nicht genau mehr. 
ob ein für alle Mal oder jährlich, eine müßige 
Einlage entrichtete und dafür gegen 12 kr. ä Person 
das Theater und 18—24 kr. Ball oder Konzert 
besuchen konnte. 
Auf vielen Leiterwagen kamen die Theater- 
Utensilien hierher und fanden Platz im Orangerie 
gebände, dessen drei Säle zu verschiedenen Zwecken 
hergerichtet wurden. Die beiden Pavillons, die 
jetzt abgerissen sind, nahmen die Kulissen, Versetz 
stücke u. dgl. aus. 
Der erste Saal wurde auf Kosten der Gesell 
schaft mit einem neuen Parketboden belegt, zum 
Ballsaale umgeschaffen. In diesem Saale war zur 
Zeit des Prinzen von Oranien eine Bühne mit 
zwei Logenreihen und einer Galerie. Der mittlere 
Marmorsaal wurde im Sommer oft zu Konzerten
	        

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