Full text: Hessenland (9.1895)

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Missethäters nicht ganz lautlos abging, scheint mir 
das auch in Kassel noch gebräuchliche Wort „gaghen 
oder gähken" für lautes Rusen oder Schreien zu 
bedeuten. Eine alterthümliche Abbildung des 
Gäghs zu Alsseld besitzt meines Wissens der 
Hospitalverwalter daselbst. 
In der unmittelbaren Nähe des Gäghs befand 
sich auf dem Hough (Hügel) vor dem Oberthor 
der Stadt unter den Linden daselbst die Stätte 
des Hougirgerichts, von dessen Thätigkeit uns noch 
verschiedene Urkunden aus dem l4. und 15. Jahr 
hundert erhalten geblieben sind Das Gericht war 
kein städtisches, sondern umfaßte den ländlichen 
Bezirk der Umgegend, von Eudorf und Schwabenrod 
bis Hopsgarten und Brauerschwend von Klein- 
und Großhomberg (ausgegangen) bis Angenrod 
und ist allem Anschein nach von Anfang an eine 
altchattische Dingstätte gewesen. Der Richterspruch 
und die Vollstreckung desselben lagen nicht weit 
auseinander, wie dies Volksjustiz verlangt. 
Als eine fernere Erinnerung an mittelalterliche 
Justizpflege ist das Halseisen am städtischen Wein 
haus zu Alsfeld anzusehen. An der Ecke des 
Hauses und zugleich des Marktplatzes, an einer 
lebhaften Verkehrsstelle, ist das Halseisen an einem 
Ouaderstein befestigt; diese Stelle war der Pranger 
der Stadt, wo ehrenrührige Vergehen gesühnt wurden. 
Fulda. ' 6>. W. 
Der eingestürzte G locken thurm von 
Hersfeld. Der am 26. März d. I. vermuthlich in 
Folge Eindringens von Wasser in Mauerritze und 
der Wirkung des Frostes im letzten harten Winter 
theilweise eingestürzte Glockenthurm, ein Ueber- 
bleibsel der im Jahre 850 durch den Abt Brunwart 
vollendeten, schon 1037 durch Feuer zerstörten und 
vermuthlich im romanischen Stil erbauten ersten 
Stiftskirche, ist das älteste Bailwerk der Stadt Hersfeld. 
Er ist nur drei Stockwerke hoch, der obere, damals 
jedenfalls vom Brand mitzerstörte Theil ist später 
erneuert, das Dach im Gegensatz zu dem hohen 
Helm des zur Ruine der im Jahre 1044 fertig ge 
stellten zweiten Stiftskirche gehörigen Thurmes flach. 
Die Mauern , am unteren Stock kaum 1 in stark, 
verjüngen sich nach oben abtheilungsweise, das 
oberste Stock ist nur höchstens halb so stark wie 
das unterste. Ter Einsturz ist an der der West 
seite zugekehrten Ecke erfolgt, und zwar ist diese 
von oben bis unten heruntergefallen, fodaß noch 
drei Ecken unversehrt stehen, welche von dem un 
beschädigt gebliebenen Dache überdeckt werden. Der 
Einsturz hat den im obersten Stocke befindlichen 
Glvckenstuhl bloßgelegt, sodaß man eine der darin 
verwahrten drei Glocken hängen sieht. Tie größte 
derselben, die „Lullusglocke" genannt, gehörte zum 
alt eil Dome iliid ist eine der merkwürdigsten 
Glocken Deutschlands. Sie hat fast Bienenkorbsorm; 
der untere größte Durchmesser derselben betrügt 
1,12 m, die innere Höhe 1,07 m. Der Schlag 
ist nuten wagerecht, dann verjüngt sich der Um 
fang der Glocke um 0,46 m, und nun steigt das 
Profil schräg, fast geradlinig an. Der obere Ab 
schluß, die Haube, ist flach kuppelförmig und wird 
durch drei Bäilder, die in flacher Erhebung hervor 
treten, geziert. Zwischen dem unteren itnb mittleren 
Bande befindet sich eine vertieft angebrachte In 
schrift, deren Wortlaut mit Sicherheit noch nicht 
ermittelt ist. Doch ergeben die bislang angestellten 
Deutungsversuche, daß Abt Meginher (1036 -1059) 
die Glocke gießen oder umgießen ließ. (L. Demme, 
Nachrichten und Urkunden zur Chronik von Hers 
feld. Bd. I, S. 4, Anm.) Tie Glocke wurde, 
nachdem der Gottesdienst in der Stiftskirche in 
Folge deren Zerstörung am 19. Februar 1761 
durch die Franzosen eingegangen war, nur noch, 
und zwar bis zum vorigen Jahre, dazu benutzt, 
aus Galli (16. Oktober) den Beginn des alther 
gebrachten Lullusfestes einzuläuten; sie ist den 
Hersfeldern ein an's Herz gewachsenes, theueres 
Kleinod. 
Ob der Thurm zu erhalten sein wird, ist noch 
unentschieden, die Meinungen Sachverständiger 
darüber sind getheilt. Die zur Beobachtung etwaiger 
fernerer Bewegungen im Mauerwerk angebrachten 
Gipsbänder sind bis jetzt völlig unverändert ge- 
blieben, was ja einen günstigen Schluß aus die 
Möglichkeit einer Erhaltung wohl zuläßt. Ist diese 
thunlich, so wird mau sie, hoffen wir, auch ein 
treten lassen. 
Aus Aeimatli und Fremde. 
N o t i z e n. Tie neu begründete Hessische 
Gesellschaft für öffentliche Gesundheits 
pflege hielt am Mittwoch den 8. Mai im Saale des 
Evangelischen Vereinshauses zu Kassel eine Sitzung 
ab. In dieser hielt nach Bestellung eines Vorstandes 
von 12 Mitgliedern der neugewählte Vorsitzende, 
Dr. med. von Wild, Vortrag über: „Die An 
steckung und den Schutz gegen ansteckende 
Krankheiten". - Am 24. April d. I. beging ein 
Sohn unseres Hessenlandes, der bedeutende Jurist 
und hochangesehene Professor der rheinischen Hoch 
schule Dr. Wilhelm Endemann, die Feier seines 
70. Geburtstages, zu welcher dem Jubilar reiche 
Ehrungen zu Theil wurden. Wir schließen uns 
ihnen an und rufen unserem berühmten Lands 
mann nachträglich ein von Herzen kommendes ad 
multos annos zu. — Dem Provinzialschulrath
	        

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