Full text: Hessenland (9.1895)

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Das große Jahr 1870 war gekommen. Unglück 
lich suhlte sich beim Ausmarsch des Heeres der 
zurückgelassene Mann — er sollte es nicht lange 
sein. Er wurde am 5. August zum Abtheilungs- 
kommandenr der Kriegsbesatzung von Köln ernannt. 
Die Siege der deutschen Heere am 6. August 
öffneten ihnen Frankreich. Eine Kabinetsordre vom 
21. August aus Pont ä Mousson, welche Eckhardt 
über Berlin am 26. zu Köln empfing, wies ihn 
an, eine Abtheilung der Belagerungsartillerie vor 
Straßburg zu übernehmen, frohen Herzens eilte er 
dahin. Nach Uebergabe Straßburgs am 28. Sep 
tember wurde Schlettstadt, danach Neubreisach be 
lagert und genommen; für seine vor diesen Festungen 
geleisteten Dienste empfing Eckhardt die Anerkennung 
durch Verleihung des eisernen Kreuzes zweiter 
Klaffe am 9. Dezember 1870. Infolge seiner 
Ernennung zum Artillerieoffizier vom Platze Straß 
burg wirkte er hier vom 9. Januar 1871 in 
schwieriger verdienstvoller Thätigkeit bis zum 9. Juni 
desselben Jahres und trat dann in sein früheres 
Dienstverhältniß zu Stade zurück. Das Ordensfest 
des Jahres 1872 brachte ihm die Ernennung zum 
Oberstlieutenant, eine letzte Freude im Dienste. 
Die gewonnene Ueberzeugung, daß weiteres Auf 
steigen in der Armee für ihn nicht zu erwarten 
sei, bewog den noch rüstigen Manft, um seinen 
Abschied nachzusuchen, welchen ihm unter dem 
8. Oktober 1872 mit Pension gewährt wurde. 
In dem Wunsche, seine Kräfte noch dem Dienste 
zu widmen, sowie für seine zahlreiche Familie 
besser sorgen zu können, hatte Eckhardt ein Gesuch 
um Verwendung als Bezirkstommandeur eingereicht, 
auch die Mittheilung erhalten, daß, wenn thunlich, 
seiner Bitte willfahrt werden solle. Allein dies ist 
in der Folge nicht geschehen, und so siedelte er 
mit seiner Familie am 1. Juli 1873 nach Braun 
schweig über. Die ihm auferlegte Muße gestattete ihm, 
Arbeiten vorzunehmen, zu denen er Neigung fühlte. 
Die Leser des „Hessenlandes" haben in der Beilage 
zu Jahrgang 1891 unter dem Titel „Hessische 
Offiziere in Preußischen Diensten" eine Arbeit 
Eckhardts kennen gelernt, welche er aus Anhänglichkeit 
für seine alten Kameraden unternahm, mit deren 
Schicksalen er sich bis zuletzt unausgesetzt beschäftigte. 
Das Leben verschonte ihn nicht mit schmerzlichen 
Erfahrungen, ein Sohn, welcher im fernen Westen 
das Glück gesucht hatte, fand dort den Tod, die 
Mutter, all welcher er mit herzlicher Liebe hing. 
obwohl sie des Vaters zweite Gattin gewesen war, 
ein Bruder, Schwestern gingen ihm voran in das 
Jenseits. Im Jahre 1890 stellten sich bei dem 
bis dahin kräftigen, lebensfrischen Manne ischiatische 
Leiden ein, welche mehr und mehr den Gebrauch 
der unteren Gliedmaßen beeinträchtigten, sodaß er 
immer seltener das Zimmer verließ. Trübe Ge- 
danken beschlichen die Seele, in solcher Stimmung 
erwachte die Erinnerung an die Heimath lebhaft: 
er entschloß sich, dahin zurückzukehren, mit dem 
ausgesprochenen Wunsche, in hessischer Erde zu 
ruhen. — Ende September 1891 siedelte die Familie 
nach Kassel über. 
Aber wenn auch der Leidende hier zahlreiche 
Verwandte, sowie ein Häuflein seiner alten 
Kameraden und Freunde wiederfand, so wurde 
der Verkehr mit ihnen sehr erschwert, da er 
zunehmend an das Bette gefesselt blieb und seine 
Wohnung nicht mehr verlassen konnte. Wie sehr 
fein Gemüth sich nach dem Umgänge mit den 
Genossen der früheren Jahre gesehnt hatte, War 
ans dem Antheile zu erkennen, mit welchem er die 
Zustände, Persönlichkeiten und Erlebnisse jener Zeit 
besprach. Vorübergehende Augenblicke glücklicher 
Erinnerungen ließen den oft von heftigen Schmerzen 
Gepeinigten seinen Zustand vergessen. Doch um 
so schlimmer befand er sich, wenn er nicht durch 
Besucher angeregt wurde, und Jahr ans Jahr ver 
ging, ohne daß Besserung des schmerzenvollen ge 
lähmten Zustandes eintrat. Die Hoffnung schwand, 
und Todesgedanken beschatteten das ursprünglich 
lebensfrohe heitere Gemüth. 
Der letzte Geburtstag, 27. November 1894, 
gewährte vielleicht dem Dulder die letzten freund 
lichen Augenblicke; bald hiernach machte sich Ab 
nahme der Kräfte bemerklich, er zeigte immer 
weniger Theilnahme an Personen und Dingen. 
Das Leben neigte sich dem Ende zu. Der Gattin 
Liebe und unerschöpfliche Geduld vermochten immer 
seltener Momente des Verständnisses zu erwecken, 
so war es milderlösende Berührung der Hand des 
Todes, die am Abende des 19. April allem Leide 
ein Ende schuf. 
Wer im Leben dem Heimgegangenen näher 
getreten ist, wird ihm wehmüthige Erinnerung 
bewahren. Treu und bieder, ein guter Kamerad, 
wohlwollender Vorgesetzter, wahrer Freund, liebe 
voller Gatte und Vater, so bleibt uns Ueberlebendeu 
sein Bild.
	        

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