Full text: Hessenland (9.1895)

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Nie älteste Geschichte der Matsburg und ihrer Kefiher. 
Von W. Grotefend. 
(Fortsetzung statt Schluß.) 
us den Verträgen vom 26. September 1284 
bezw. vom 3. Juli 1340, auf die wir wieder 
holt zurückkommen, ergiebt sich das Besteheir 
einer Ganerbschaft unter den verschiedenen Zweigen 
der alten Familie von Schartenberg in Bezug aus 
Gut, welches sie gemeinsam zu Lehen austheilten. 
Das ältere deutsche Recht verstand unter Gan 
erbschaft (vom altdeutschen Acancivo — Mitanerbe) 
die Vereinigung mehrerer Personen oder Familien 
zu gemeinsamem Besitz und gemeinsamer Be 
nutzung eines Gutes, eine Einrichtung, welche 
mit den Fideikommissen der Gegenwart einige 
Verwandtschaft hat und vor allem im Gebiet 
des fränkischen Rechts unb seiner Nachbarschaft 
in Geltung war. Das Besondere der Gemein 
schaft ist in dem Ausschluß jeder Theilung zu 
suchen, welche die Substanz des in die Ganerbschaft 
einbegrisfenen Gutes berührte, bezw. verringerte. 
Zugelassen war lediglich die sogen. Mutschierung 
(vom mittelhochdeutschen muotschar — Theilung 
oder Auseinandersetzung [schar] nach Verlangen 
fmuot]), welche nur unter den Mitbesitzern 
(Gemeinern) vorgenommen werden konnte und 
sich ausschließlich aus die Nutzungen erstreckte, 
während das Eigenthum selbst nngetheilt blieb. 
Die Vornahme einer wirklichen Besitztheilung 
(Tot- oder Substanztheilung) besagte die Auf 
lösung der Ganerbschaft. Zu einer solchen war 
die Zustimmung sämmtlicher Gemeiner erforderlich. 
Beispiele für Mutschierung wie Tottheilung 
sind aus der Geschichte der hier behandelten 
Familie beizubringen. Wenn Stephan von Falken 
berg, Herr der Malsburg, 1284 von Konrad 
von Schartenberg dessen Antheil an den bislang 
von ihnen beiden gemeinsam zu Lehen ertheilten 
Besitzungen käuflich erstand, so ist darin nur eine 
Mutschierung zu erblicken, die von zweien der 
vorhandenen Gemeiner mit ihren Antheilen vor 
genommen wurde. Die bestehende Ganerbschaft 
im allgemeinen wurde dadurch anscheinend nicht 
berührt. Wohl aber wird dies in den späteren 
Abmachungen von 1312 und zumal 1340 der 
Fall gewesen sein, laut welcher die oben genannten 
Angehörigen sämmtlicher Zweige der Familie, 
bezw. deren Eltern übereinkamen, das vordem von 
ihren gemeinsamen Vorfahren von Schartenberg 
verliehene Gut fortan zu gleichen Theilen halb 
und halb zu verleihen bezw. zu behalten. Damit 
war ein ferneres Bestehen der Ganerbschaft in der 
alten Weise unvereinbar. Man zog im Jahre 1340 
aus der vollzogenen Scheidung des alten Stammes 
in verschiedene Zweige endgültig die letzte Folgerung. 
Auch zwischen den beiden so eng zusammen 
gehörigen Familien von der Malsburg und von Fal 
kenberg (Herstelle) wurde die Entfremdung alsbald 
immer größer. Die von Falkenberg zu Herstelle, 
welche sich bis dahin, soweit wir wissen, mit den 
von der Malsburg des gleichen Wappens bedient 
hatten, vollzogen noch im Laufe des 14. Jahr 
hunderts auch äußerlich ihre Trennung von den 
alten Stammverwandten, indem sie statt des 
bisherigen gemeinsamen Wappens zwei neben 
einander gestellte, mit den Bärten nach oben und 
auswärts gekehrte Schlüssel annahmen unb so 
auch äußerlich den Verlust des Bewußtseins ihrer 
Stammesverwandtschast mit den Herren von der 
Malsburg bekundeten. Das neue Wappen der 
von Falkenberg stimmt mit dem einer gleich 
namigen Familie, welche nach dem Falkenberge 
bei Homberg benannt wurde, aber, wenn nicht 
alles trügt, zu den Namensvettern von früher 
her keinerlei verwandtschaftliche Beziehungen hatte. 
Wappenübereinstimmung allein beweist durchaus 
noch nicht die Zusammengehörigkeit zweier Familien. 
Das gemeinsame Wappen der von der Malsburg 
und von Falkenberg zeigte im getheilten Schilde 
oben einen schreitenden gekrönten Löwen, unten 
drei (2 zu k gestellte) sünfblättrige Rosen. Das 
ursprüngliche Stammwappen der Ursamilie von 
Schartenberg war freilich ein anderes. Es bestand 
in einem gekrönten bärtigen Mannskopse, welcher 
zwischen die halbeingeknickten, nach oben empor 
gehobenen Arme mit ausgebreiteten Fingern gesetzt 
ist. Aus dem Munde des Kopses schaut auf 
besonders gut ausgeprägten Siegeln noch eine 
Zunge hervor. Die von Schartenberg führten
	        

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