Full text: Hessenland (9.1895)

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Aus Heimath und Fremde. 
Notizen. Gymnasialoberlehrer Dr. Emil 
Kramm in Bonn, ein geborener Fuldaer, wurde 
zum Direktor des Progymnasiums in Sanrlouis 
gewählt und ist bereits nls solcher bestätigt worden. 
— Der Erfurter Oberbürgermeister Schneider- 
würde zum ersten Bürgermeister von Magdeburg 
gewählt. Schneider ist am 23. Mai 1847 in 
Sontra geboren, war nach beendigtem Studium 
in Pommern als Assessor und Kreisrichter angestellt 
und wurde 1876 Landesrath in Kassel, wo er 
1880—1882 auch unbesoldetes Mitglied des 
Stadtrathes war. 1883 bis 1889 bekleidete 
Schneider die Stelle eines zweiten Bürgermeisters 
der Stadt Halle und kam 1889 nach Erfurt. 
Wie der „Staatsanzeiger" meldet, ist dem ordent 
lichen Professor der Chemie an der Universität 
Bonn Geheime Regierungsrath Dr. phil. et med. 
Äugn st Kekule der ausländische Adel unter dem von 
seinen Vorfahren geführten Namen „Kekule v. 
Stradonitz" vom Kaiser anerkannt und erneuert 
worden. 
Wir glauben dieser Nachricht in unserer Zeit 
schrift eine Stelle einräumen zu dürfen einmal, 
weil der genannte hochbedeutende Gelehrte*) ein 
Hesse von Geburt ist (er ist am 7. September 1829 
zu Darmstadt geboren), hauptsächlich aber, weil ein 
Angehöriger des Geschlechtes derer von Stradonitz, 
das zum böhmischen Uradel gehörte, im 17. Jahr 
hundert in unserm Lande eine Zuflucht gefunden 
und hier als Beamter gelebt hat. Das kam so: 
Mehrere Kekule v. Stradonitz waren Freunde und 
Parteigänger des Winterkönigs (Friedrichs V.). 
Einer davon, Wilhelm Divis, trat in kursächsische 
Kriegsdienste und kämpfte als Offizier mit gegen die 
Kaiserlichen. Dies bekam ihm sehr schlecht. Im 
Jahre 1634 ward sein ganzes, großes Vermögen in 
Böhmen konfiszirt. Er kehrte deshalb nicht in sein 
Vaterland zurück, sondern wandte sich nach Dentsch- 
*) Kekule's Verdienste liegen auf dem Gebiete der 
organischen Chemie. Er hat dieselbe nicht nur durch zahl 
reiche Untersuchungen gefördert, sondern ihr auch durch 
feine Arbeit über Vieratomigkeit des Kohlenstoffs eine ganz 
neue Richtung gegeben und den Grund gelegt zu den hellte 
geltenden Ansichten über die Konstitution der chemischen 
Verbindungen. Kekule besitzt die höchsten wissenschaftlichen 
Auszeichnungen: er ist Mitglied der Berliner Akademie 
der Wissenschaften, Mitglied der Friedensklasse des Ordens 
pour le merite, Inhaber des bayerischen Maximilians- 
vrdens für Wissenschaft und Kunst, der Huhghens- 
Medaille und der Copley-Medaille, die ihm die königlich 
holländische Akademie der Wissenschaften, bezw. die königliche 
Gesellschaft der Wissenschaften zu London verliehen hat. 
Die Berliner Nationalgallerie zeigt das von Angeli ge 
malte Bild des berühmten Gelehrten. 
land, wo er bei dem Fuldaer Abte Johann 
Adolf von Hoheneck (regierte von 1633—1638)*) 
ein Unterkommen fand, der ihn als Amtmann von 
Neuhos bestallte. Auch unter des genannten Abtes 
Nachfolgern, Hartmann Georg v. Neuhos (1638 
bis 1644), Joachim von Graseneck (1644 — 1671), 
Bernhard Gustav Marggraf von Baden (1671 
bis 1678), Placidus von Droste (1678 — 1700) 
waltete Wilhelm Divis Kekule v. Stradonitz in 
Neuhof seines Amtes und starb hochbetagt im 
Jahre 1695. Ihm folgte sein Sohn Johann 
Wilhelm als Amtmann von Neuhos. Die weiteren 
Nachkommen ließen das Adelsprädikat v. Stradonitz 
fallen. Ein Sohn des Johann Wilhelm Keknlö 
war Quartiermeister in der Hessen-Darmstädter 
Leibgarde, dessen Sohn Kammerrath in Darmstadt 
und des Letzteren Sohn Oberkriegsrath daselbst. 
Dieser Kriegsrath, mit Namen Karl Emil Ludwig, 
ist der Vater des berühmten Chemikers Kekule, 
nunmehr wieder Kekule v. Stradonitz. Ties die 
Beziehungen der von Stradonitz zum Hessenland. 
Dr. A. 
Den neuesten Nummern der in Newyork er 
scheinenden „H essisch e n Blätte r ", des einzigen 
Organs der Hessen in Amerika, entnehmen wir 
einige Notizen über drüben bestehende hessische 
Vereine. Beispielsweise besteht in Newyork selbst 
ein Hessischer Volksfest-Verein, der regel 
mäßige gntbesuchte monatliche Versammlungen ab 
hält und seinen Sitz in der Beethoven-Männer- 
chorhalle daselbst hat. Vorsitzender ist ein Herr- 
Heinrich Fuldner, Ehrenpräsident und Gründer- 
Fritz Pabst. In jedem Jahre findet ein hessisches 
Volksfest statt, welches der Verein veranstaltet. — 
Der Hessen-Darmstädter Unterstützungs- 
Verein in der Germania-Männerchorhalle zu 
Washington, dem auch zahlreiche Kurhessen an 
gehören, hat Aussicht bald einer der stärksten unter 
den deutschen Vereinen dieser Stadt zu werden. 
— In Sansranzisko in Kalifornien giebt es einen 
Hessen-Unterstützungsverein. — Wünschen 
wir den Bestrebungen unserer Landsleute jenseits 
des Ozeans auf Wahrung ihres deutschen und 
hessischen Volksthums bestes Gedeihen. 
Universitäts n a ch r i ch t e n. Der außerordent 
liche Professor Dr. Emil Behring in Berlin 
ist in gleicher Eigenschaft nach Marburg versetzt 
unter gleichzeitiger Ernennung zum Direktor des 
hygienischen Instituts. — Dem ersten Assistenten 
an der medizinischen Klinik der Universität 
*) Vergleiche hierzu Bnchonia, Fulda 1826, Band 1, 
Seite 87.
	        

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