Full text: Hessenland (9.1895)

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in der alten Reihenfolge zu der im Bildergallerie 
saal bereiteten Ceremonientasel, die um 3 /4 auf 9 Utzr 
ihren Anfang nahm. Die Plätze der allerhöchsten 
Herrschaften waren folgende: In der Mitte der 
Tafel das neuvermählte Paar, rechts neben der 
jungen Herzogin der Kurfürst, links neben dem 
Herzog die Knrsürstin, rechts neben dem Kurfürsten 
die Prinzessin Karoline und links neben der Kur 
sürstin der Kurprinz Friedrich Wilhelm und so 
weiter dem Range nach. Ehe man sich setzte, 
wurden seitens der aufwartenden Oberhof- "bezw. 
Hofchargen von den allerhöchsten und höchsten 
Herrschaften Hut oder Eventail (Fächer) und 
Handschuhe aus goldenen, bezw. silbernen Kredenz 
tellern in Empfang genommen, auf eigens zu 
diesem Zwecke vorhandenen Tischen niedergelegt 
und eben diesen Herrschaften Becken zum Hände 
waschen nebst einer genetzten Serviette und Gieß 
kanne dargeboten. Die anderen Geladenen speisten, 
soweit der Raum reichte, an zwei ihnen besonders 
bereiteten Tafeln im Stucksaal und in dem 
italienischen Saal unter Vorsitz von je zwei 
hohen Staatsbeamten, die übrigen, welche hier 
nicht Platz fanden, an Buffets, an denen zwei 
Kammerherrn die Honneurs machten. Bei Tisch 
und zwar vor der Suppe brachte der Kurfürst 
unter einem Tusch des in der Glasgallerie auf 
gestellten Musikcorps der Leibgarde die Gesundheit 
der Neuvermählten aus, die alsbald an den übrigen 
Tafeln wiederholt wurde. Nach Schluß der Tafel 
wurden wieder die genetzten Servietten, Hüte, 
Eveiitails und Handschuhe überreicht und dann 
begaben sich die allerhöchsten und höchsten Herr 
schaften in den weißen Saal durch den alten 
Fahnensaal, wo die geladene Gesellschaft bereits 
versammelt war. 
Nunmehr begann der Fackeltanz, dem Kurfürst 
und Kurfürstin, die Vermählten, der Kurprinz 
und Prinzessin Karoline unter dem Thronhimmel 
stehend zusahen. Die Vortänzer waren nach dem 
Tage ihres Patents in zwei Reihen zu je 12 
aufgestellt, unter ihnen zwei Staatsminister, fünf 
Generalmajors, drei Obersten und außerdem hohe 
Zivilbeamte. Unter der Musik der Trompeter 
nach der Komposition des Kapellmeisters Spohr 
begann der Fackeltanz und nahm seinen Weg von 
der Linken zur Rechten des Throns. Sobald der 
Zug vor den Neuvermählten vorbei war, schlossen 
dieselben sich an und machten den ersten Rundgang 
im Saal. Wieder an den vorigen Platz gelangt, 
forderte die Herzogin den Kurfürsten ¿um Tanze 
auf, worauf ein neuer Rundgang begann, nach 
dessen Erledigung den Kurprinzen und die an 
wesenden Prinzen dem Range nach. In gleicher 
Weise tanzte nachdem der Herzog von Meiningen 
mit der Kurfürstin und den anwesenden Prinzessinnen. 
Nach Beendigung des Fackeltanzes ging der Hof 
in den Rosa-Saal zurück, worauf die allerhöchsten 
und höchsten Herrschaften sich entfernten, ebenso 
sämmtliche Damen, während die Hofdame Fräulein 
von Scheel das Strumpfband austheilte und damit 
das Zeichen zur Entlassung der ganzen Ver- 
sammlung gab. W. H. 
Freiherr von Knigge am Hose des 
Landgrafen Friedrich II. Nachdem Landgraf 
Friedrich II. seine zweite Ehe mit der jungen 
Prinzessin von Brandenburg-Schwedt eingegangen, 
war am Hof ein sehr heiteres Leben eingetreten, 
und Knigge, der schon als Student in Göttingen 
bei einem Besuch am Kasseler Hose zum Kammer 
assessor und Hosjunker ernannt worden war, hatte 
Geist und Laune genug, um sich in diesem fröhlichen 
Kreis zu gefallen. Die Art und Weise, wie er 
seiner schalkhaften Laune den Zügel schießen ließ, 
ist bezeichnend für den damaligen Geschmack, obwohl 
nicht verschwiegen werden darf, daß er sich wieder 
holt die Ungnade der Fürstin zuzog. Komisch, 
wenn auch gewagt genug, ist ein Streich, den er 
dem Landgrafen selbst spielte. Einige Engländer 
wollten einst dem Fürsten vorgestellt werden. 
Knigge unternahm es, gab ihnen aber, als sie sich 
nach dem Ceremoniel erkundigten, den Wink, der 
Herr sei ganz einfach und anspruchslos, nur sehe 
er es gern, wenn die Auswartenden die Klappen 
seiner Westentasche küßten, ohne sich durch seine 
Weigerung daran hindern zu lassen. Man beufc 
sich jetzt den drolligen Austritt, als der ganz be 
troffene Landgraf, je mehr er zurück weicht, desto 
lebhafter von den Vorgestellten bestürmt wird, bis 
sie die Taschen wirklich erreichten, um deren Patten 
an ihre Lippen zu drücken. — Knigge's Muthwille 
fand endlich eine ernste lind folgenschwere Zurück- 
weisung. Er hatte eine der jungen Hof 
damen, die äußerlich wie innerlich wenig aus 
gezeichnete Henriette v. B., eine Zeit lang zum 
Gegenstand seiner neckenden Unterhaltung ausersehen, 
namentlich während eines Hoslagers in Hofgeismar. 
Die Landgräfin, welche dieser Hofdame sehr zu 
gethan war, nahm einen solchen Augenblick wahr 
und sagte zu Knigge: „Sie interessiren sich so 
lebhaft für meine liebe Henriette, daß ich mir nur 
die ernstesten Absichten dabei denken kann!" — 
Knigge, betroffen und befangen, macht eine tiefe 
Verbeugung um die andere, woraus ihn die Land- 
gräsin sammt der Hofdame bei der Hand nimmt. 
Sie führt beide der Gesellschaft iin Saale entgegen und 
stellt sie als verlobtes Paar vor. Tie Verbindung 
erfolgte wirklich, um später wieder getrennt zu werden. 
Frkft. ' J. S.
	        

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