Full text: Hessenland (9.1895)

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Erinnerungen an Ferdinand Zwenger 
von Ludwig Mohr. 
(Schluß.) 
C jl(f n meinem Verkehre mit Zwenger, während der 
Zeit des Ftlldaer Anzeigers, habe ich ihn stets 
i als einen Mann edelster, uneigennützigster 
Gesinnung kennen gelernt. Meine Beitrüge zu 
dem belletristischen Sonntagsblatte hatten sich eines 
Honorars, und zwar eines unbednngenen, zu er 
freuen, dessen sich größere Zeitschriften nicht hätten 
zu schämen brauchen! Dabei erinnere ich mich 
eines besonderen Falles, dessen er später gern 
mit Stolz Erwähnung that, weil er mich in 
Fühlung mit dem Herausgeber der Gartenlaube, 
Herrn Robert Keil, brachte. 
Es war Anfangs der Siebenziger Jahre, als 
ich damit umging, Züge aus dem Leben des 
letzten Kurfürsten novellettenartig zu illustriren. 
Die im Umlauf sich befindlichen Anekdoten sollten 
gesammelt und bearbeitet werden; nur, wo her 
vorstechende Charakterzüge nicht durch solche 
beleuchtet wurden, sollte die Dichtung frei ein 
greifen. Ich ging rasch zu Werke, sodaß bald 
eine hübsche Anzahl Nippsächelchen tu meiner 
Mappe lagen. Um die Zugkraft derselben zu 
prüfen, ward beschlossen, einige derselben in 
hessischen Blättern zu veröffentlichen. Als die 
geeignetsten daztt erschienen mir die Kasseler- 
Tagespost und das Sonntagsblatt des Ful- 
daer Anzeigers. Mit ersterem stand ich auf 
Kriegsfuß, mochte aber seine Spalten nicht ent 
behren. Es galt die Sächelchen also hinein ztl 
bugsiren, ohne daß die Schriftleitung eine Ahnung 
davon hatte, daß dieselben aus meiner Feder 
stammten. Aber mie? Zwenger, der um mein 
Vorhaben wußte, rieth mir, da die Tagespost 
mit Vorliebe gern das Sonntagsblatt des Ful- 
daer Anzeigers benutzte, ein oder zwei Stücke 
anonym in letzterem ztl veröffentlichen; unter 
falscher Flagge segelnd würden dieselben ganz 
sicher den Weg in die Tagespost finden. Der 
Rath war gut, ich wählte das Pseudonym Hans 
Mühlau, und Zwenger setzte schalkig noch ein 
Dr. davor. 
So erschien denit in dem nächsten Sonntags- 
blatt die Humoreske: „Der Wilddieb von 
Gottsbüren" von Dr. Hans Mühlau, bei 
der Alles, bis auf die nackte Thatsache, bloße 
Dichtung war. Thatsache war, daß der Metropolitan 
Dr. Feyerabend zu Gottsbüren erst dann die 
Bestätigung zu einer Beförderung seitens des 
Kurfürsten — der eine Abneigung gegen feinen 
Namen hatte — erhielt, als ihn, den Pastor, 
der Referent in dieser Angelegenheit als Reinhards- 
walder Wilddieb verdächtigt hatte. Das Stückchen 
wurde mit Heißhunger verschlungen und segelte 
alsbald in dem Dienstagsblatte der Kasseler- 
Tagespost mit vollem Winde weiter, um schließlich 
in der Septembernummer der Gartenlaube als 
ein fast wortgetreues Plagiat unter fremder Flagge 
wieder aufzutauchen. Sofort schrieb ich an den 
Herausgeber der Gartenlaube und beanspruchte, 
unter Beifügung des Sonntagsblattes vom Fuldaer 
Anzeiger und der bezüglichen Nummer der Kasseler- 
Tagespost, Anerkennung der Urheberschaft für mich. 
Mit Wendung der Post erhielt ich Antwort, in 
welcher Keil nicht nur meine Autorschaft voll an- 
erkannte, sondern auch das Honorar, wie für eine 
Originalarbeit, anfügte. Den Schluß der sich aus 
dieser Angelegenheit entwickelnden Korrespondenz 
bildete das Ersuchen tun weitere Beiträge für die 
Gartenlaube und die Zusicherung eines Honorars 
von sünfundsiebenzig Thalern für den Druckbogen. 
Nietnanden war das mehr eine Genugthuung, 
als Zwenger; hatte doch der steine Fuldaer An 
zeiger eine Bekanntschaft mit dem großen Welt- 
blatte vermittelt. 
Der genannten Humoreske, die solchergestalt 
zur Legende geworden ist, folgten andere, wie „Das 
Gedächtniß des alten Herrn", „Kurfürst Friedrich 
Wilhelm und Peter, der große" u. a. m.; zu 
einer Herausgabe des Büchelchens aber kam es 
iticht, da meine Zeit und Kraft dttrch die An 
forderungen meines Amtes — ich war inzwischen 
in die Dienste der königlichen Eisenbahnver- 
waltung getretett — völlig in Anspruch genommen 
wurden. 
Zwenger liebte seine Buchvnische Heimath 
und Alles, was damit zusammenhing, wie kein 
Zweiter. So rühmte er einst in einem kleinen 
Kreise den Fuldaer Schwartenmagen. Ich musste 
über den Eifer, mit welchem solches geschah, 
lächeln. Ihm entging das nicht, und schalkig 
sagte er: „Lachen Sie nur ungläubig; Sie zu 
bekehren wird ein Leichtes sein!" Nach einiger 
Zeit erhielt ich durch die Post ein Päckchen von 
Fulda und darin einen großen Schwartenmagen, 
bei welchen noch ein Rezept zu einem Wachholder- 
Beiguß lag. Von einem Absender aber war kein 
Jota ztl finden. Ich wurde in der That bekehrt. 
Eine Schattenseite hatte Zwenger, die darin 
bestand, es mit der Aufbewahrung eingesandter 
Beiträge ztl leicht zu nehmen. So ist es geschehen,
	        

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