Full text: Hessenland (9.1895)

117 
Homberg hat Heinrich Martin sein Leben lang 
die wärmste Anhänglichkeit bewiesen. 
Mit seinem Bruder Julius, dem am 25. Juli v. I. 
verstorbenen Generalsuperintendenten besuchte er das 
Gymnasium in Erfurt und bezog dann, 17 Jahre 
alt, mit ihm 1832 die Universität. Seine juristischen 
Studier: erledigte Martin in Marbnrg und Jena, 
wo er der deutschen Burschenschaft angehörte. 
Nach wohlbestandener juristischer Prüfung wurde 
er 1835 unter dem Justizamtmann Pfeiffer, 
dem Pflegevater seiner späteren Gattin Auguste, 
geborenen Graf, Praktikant am Justizamt seiner 
Vaterstadt Homberg. Im Jahre 1838 ließ er 
sich als Obergerichtsanwalt in Marburg nieder, 
wo er sich nicht nur alsbald eine blühende 
Praxis gründete, sondern auch bei der Bürger 
schaft großes Vertrauen gewann und in Folge 
dessen in den Stadtrath gewählt wurde. In 
Marbnrg schloß Martin enge Freundschaft mit 
dem nur wenige Jahre älteren Homberger Bürger 
meisterssohn, dem damaligen Obergerichtsassessor 
Karl Rohde, dem nachherigen hessischen Finanz 
minister sch 1888). Im Jahre 1845 oder 1846 
trat Martin wieder in den Justizdienst zurück 
und wurde Justizbeamter in Grebenstein. Von 
dort wurde er 1850 unter Hassenpflug als Ober 
gerichtsassessor nach Kassel berufen und noch in 
demselben Jahre Obergerichtsrath und Mitglied 
des Generalauditorates. Man hatte bereits 
richtig erkannt, daß Martin ein scharfdenkender 
Jurist, ein Meister in Sprache und Stil war. 
Diese seine Gaben auch der Oeffentlichkeit zu 
zeigen, bot sich ihm jetzt in den Wirren des 
ersten Verfassungskampses Gelegenheit. Im Jahre 
1851 erschien von ihm in der Akademischen Buch 
handlung zu Marburg unter dem Titel: „Die 
Kurhessischen Verordnungen vom 4., 7. und 
28. September 1850. Ein Beitrag zur recht 
lichen Beurtheilung der Zeitsragen" (80 S.) eine 
Schrift, in welcher er den Beweis der Rechts 
gültigkeit der sogenannten Septemberverordnungen 
zu erbringen suchte. Mag man nun über die 
Zeit des Verfassungskampses denken, wie man will, 
das Zeugniß wird Martin unbedingt zu geben 
sein, daß er mit Geistesschärfe und Klarheit 
seinen Standpunkt verfochten hat, und daß jeder, 
der sich über jene uns heute ferner liegenden 
Dinge ein selbständiges Urtheil bilden will, nicht 
umhin können wird, Martin's Broschüre mit 
Aufmerksamkeit zu lesen. Gleich wichtig für die 
Erkenntniß der politischen Verhältnisse in Hessen 
zur Zeit des Versassuugsstreites ist die Schrift: 
„Urtheil des Kurf. General - Auditorats vom 
25. Juni 1852 gegen Schwarzenberg, Henkel und 
Gräfe, Mitglieder des bleibenden landständischen 
Ausschusses. (Mit Anlagen.) Authentische Redaction, 
Kassel (Verlag und Druck von Heinrich Hotop) 
1852" (132 S.), die ebenfalls aus Martin's 
Feder stammt. Sicherlich gehörte kein geringer 
moralischer Muth dazu, der erregten öffentlichen 
Meinung, die durch die liberale Presse erfolgreich 
bearbeitet war, in der Vereinzelung die Stirn 
zu bieten. Martin war aber ein Mann, der 
unbekümmert um das, was n:a:: öffentliche 
Meinung nennt, stets für das eintrat, was er 
für recht erkannt hatte, selbst auf die Gefahr hin, 
der Schroffheit und Einseitigkeit geziehen zu 
werden. Und dabei leuchtete doch persönliche 
Güte, Liebenswürdigkeit und Milde aus feinem 
ganzen Wesen, wie jeder, der nur irgendwie mit ihm 
in Berührung gekommen ist, gern bezeugen wird. 
Sein Eingreifen in dem Verfaffungskampf 
hatte Martin weit über Hessen hinaus den 
Ruf eines besonders tüchtigen Juristen verschafft 
und hatte zur Folge, daß er im Jahre 1854 
für eine Rathsstelle am Oberappellationsgericht 
zu Rostock in Vorschlag gebracht wurde. Um 
den Verlust einer Kraft von Martin's Bedeutung 
für fein engeres Vaterland zu verhindern, bewirkte 
Hassenpflug feine Ernennung zum Oberappellations 
rath in Kassel, obwohl Martin erst 39 Jahre alt 
war. Den: höchsten Gerichtshöfe des Kurfürsten 
thums hat er dann bis zu dessen Auslösung 
angehört. Von 1859 an war Martin Mit 
herausgeber des „Archivs für praktische Rechts 
wissenschaft", wie denn der Schwerpunkt seiner 
Thätigkeit doch wohl auf dem Gebiete der Praxis 
zu suchen ist, nicht auf dem der Theorie, so sehr 
er auch aus dem letzteren mit Erfolg in die 
Oeffentlichkeit trat. Jedes der zahlreichen von ihm 
entworfenen Urtheile war nach Inhalt und Form 
eine in ihrer Art vorzügliche Leistung, wie sie 
nur von Juristen ersten Ranges aufzuweisen ist. 
An dem im Jahre 1859 wieder ausgebrvchenen 
Versassungskampfe betheiligte sich Martin im 
Einklang mit seiner früheren Stellungnahme 
wieder durch staatsrechtliche Schriften, von denen 
hier folgende genannt seien: „Die kurhessische 
Ständeversammlung und die Selbständigkeit des 
Richteramtes. Fritzlar (Druck und Verlag von 
Friedrich Hoppe) 1863" (24 S.) (anonym) und 
„Die Rechtsverbindlichkeit landesherrlicher Ver 
ordnungen gegenüber dem Erfordernisse land- 
ständijcher Zustimmung zum Erlasse von Gesetze::, 
mit besonderer Berücksichtigung der Kurfürstlich- 
Hessischen Verordnung von: 26. Januar 1854, 
die Aufhebung der Jagdgerechtsame betreffend. 
Cassel (Theodor Kay) 1866" (152 S.). 
Obgleich die Urtheile der Zeitgenossen über 
Hassenpflug jetzt noch immer nicht völlig geklärt
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.