Full text: Hessenland (9.1895)

mehreren Gängen: gebratenes und gesottenes 
Fleisch, mit einer süßen Speise und Dessert am 
Schluß; dafür zahlten wir etwa 20 Mark pro 
Monat, also ca. 70 Pfennig pro Tag. Man 
darf indeß nicht denken, daß ich von allen Gängen 
aß; meist hielt ich mich an einen ititb genoß 
auch von diesem nur mit Maßen. Ich bin stets 
der Ueberzeugung gewesen, daß zuviel zu essen 
nicht minder sündhaft und für den Körper ver 
derblich ist als zuviel zu trinken. So habe ich 
denn strenge Wacht gehalten über mich und es 
dadurch möglich gemacht, täglich 16 Stunden zu 
arbeiten, ohne irgend eine Ermüdung zu verspüren. 
Mit meinem Stiefelputzer gerieth ich bald in 
eine Art von Kamps. Es war nicht eigentlich 
ein erklärter Krieg, etwa einer, der mit gegen 
seitigen Repressalien geführt wurde, nicht einmal 
ein Streit darum, wer von uns beiden dem andern 
.über' sei, nein, nur ein bescheidenes Ringen 
meinerseits, es ihm gleich zu thun. Ich zog es 
vor, recht früh mit der Arbeit zu beginnen, anstatt 
in die Nacht hinein aufzusitzen: da schien mir 
denn die fünfte Morgenstunde für Marburg eine 
ganz passende Zeit, um den Tag zu beginnen. 
Mein Stiefelwichser aber beliebte, schon um 4 
Uhr zu erscheinen. Eine Zeit lang ließ ich das 
so hingehen, ohne deshalb selbst früher aufzustehen. 
Bald aber überkam mich ein Gefühl von Scham. 
Ich begann einen Vergleich anzustellen zwischen 
dem bescheidenen Lebensziel dieses Mannes, dem 
ich für seine Dienste den üblichen Lohn von ein 
paar Thalern pro Semester zahlte, und meinen 
eigenen; und da mußte ich mir doch sagen: Was 
sind die hohen Ziele, die du dir gesteckt hast, was 
ist all' dein Streben, sie zu erreichen, werth, wenn 
sie dir nicht einmal soviel Antrieb zur Pflicht 
zu erwecken vermögen, wie diesem armen Burschen 
aus seinem kärglichen Lohne erwächst! Ich befand 
mich von da ab, wenn Steinmetz erschien, bereits 
in einer Verfassung, in der ich ihm dreist in's 
Gesicht sehen und seinen ,Guten Morgen' er 
widern konnte. 
Ich habe in Marburg viele von den bedeutenden 
Männern gehört, die ich oben genannt habe, 
hauptsächlich aber konzentrirte ich meine Studien 
auf die Gebiete der Mathematik, Physik und 
Chemie. Meine Kenntniß des Deutschen verdanke ich 
wesentlich dem Hören der Vorlesungen Bnnsen's, 
die, als ich die Sprache erst etwas mehr be 
herrschte, geradezu bezaubernd auf mich wirkten. 
Aber schon von Anfang an gehörte ihnen mein 
volles Interesse; denn Bunsen war ein Meister 
in der Sprache des Experimentes; mittels dieser 
wußte er ebenso durch das Auge zu dem Geiste 
seiner Schüler zu dringen wie mittels des Vor- I 
trags durch das Ohr. Immer waren seine Vor 
lesungen reich an Inhalt. Wie groß dieser Reich 
thum gewesen ist, wie sehr dieselben aus der vollen 
Höhe selbst des vorgeschrittensten Wissens jener 
Tage gestanden haben, bezeugen noch heute die 
Hefte, die ich ans jener Zeit besitze. Bunsen war 
eine schöne Erscheinung, von hochgewachsener Figur 
und regelmäßig geschnittenen Zügen; sein Wesen 
war vornehm höflich, aber ohne jede Spur von 
Asfektation oder Pedanterie. Er vertiefte sich 
völlig in seinen Gegenstand; seine Darstellung 
war lichtvoll und klar und seine Ausdrucksweise 
stets korrekt. Er sprach mit dem reinen han 
noverschen Accent*), der dem englischen Ohre so 
wohl thut. Er war .every incli a gentleman'. 
Noch jetzt, wo ich doch eigene Erfahrungen habe, 
blicke ich auf Bunsen zurück wie auf das Ideal 
eines Universitätslehrers. Im Winter las er 
einmal, im Sommer zweimal täglich und pflegte 
dann um 7 Uhr früh mit seinem Kurs über 
organische Chemie zu beginnen. Nach den Vor 
lesungen wurde bis zur Mittagsstunde im Labo 
ratorium experimentirt. Während dieser Zeit 
durfte in letzterem nicht geraucht werden, 
aber von 12 Uhr ab herrschte Rauchfreiheit den 
ganzen Rest des Tages über. Bunsen selbst war 
ein eifriger Raucher. Man verkaufte damals in 
Marburg unter dem Namen .Bnnsensche Cigarren' 
eine besondere Sorte; sie waren billig und sehr 
schlecht, allein mein berühmter Freund rauchte sie 
gern, und zweifellos waren sie ihm eine Quelle 
wirklichen Genusses. Dr. Debus, der ausgezeichnete 
Professor der Chemie an der königlichen Marine 
schule (Royal Naval College) zu Greenwich**), 
snngirte damals als Bnnsen's Assistent im 
Laboratorium; ihm verdanke ich die Unterweisungen 
im Experimentiren mit dem Löthrohr. Später 
nahm mich Bunsen selbst unter seine Flügel, gab 
mir isländische Trachyte zu analysiren und ver 
schiedene andere Arbeiten. Aber nicht nur ein 
Chemiker war Bunsen, sondern auch ein gründlich 
durchgebildeter Physiker. Sein berühmtes Kolleg 
über Elektrochemie, ans das wir uns wie ans 
einen Festgenuß höchster Art freuten, war von 
Anfang bis zu Ende wesentlich physikalisch. Wir 
lernten die verschiedenen Methoden elektrischer 
Strommessung kennen, das Wesen des elektrischen 
Telegraphen wurde erklärt, wobei die Resultate 
von Steinheil's Untersuchungen über den Erd 
strom entwickelt wurden, wir wurden mit dem 
aus Kohlenelementen erzeugten elektrischen Lichte, 
das Bunsen selbst erfunden hatte, bekannt gemacht." 
*) Bunsen ist in Göttingen geboren. 
**) Er lebt seit einigen Jahren als Privatmann in Kassel.
	        

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