Full text: Hessenland (9.1895)

107 
Ende des Spiels abzuwarten; als dasselbe aber 
erfolgt, ein anderes angefangen, desgleichen ein 
drittes und viertes und des Spielens Ende noch 
nicht abzusehen war, riß ihm der Geduldsfaden, 
und er wiederholte höflich sein Begehr. 
Ein barsches „Gleich" des Oberkellners schallte 
ihm als Antwort von dem Spieltische entgegen 
und dabei wurde wacker weiter gespielt. Darüber 
war ein Stündchen hingegangen. Zwenger wartete 
immer noch, und da ihn schließlich der spielselige 
Oberkellner bei bestimmter Wiederholung seiner 
Bitte überdies noch anschnauzte, ergriff er Stock 
und Hut, empfahl sich und wanderte hinüber 
nach dem „König von Preußen". 
Nicht ohne Entrüstung über die ihm gewordene 
Geringschätzung erzählte Zwenger das Borkommniß 
und schloß mit den Worten: „Der Kerl hat mich 
für einen Lump gehalten, weil ich mich als Schrift 
steller einführte; ich möchte dem Herrn, zu Nutz 
und Frommen anderer Reisenden, einen Denk 
zettel anhängen, der seine Ansichten über Schrift 
steller gründlich berichtigt. Aber wie?" 
Das war eine prächtige Gelegenheit, Zwenger 
sich zu verbinden; ich griff sofort seinen Wunsch 
aus, indem ich leicht hinwarf, daß nichts leichter 
sei, als das, wenn einem die Presse zu Gebote 
stünde, und daß ich ihm volle Genugthuung ver 
schaffen würde, wenn er mich gewähren lassen 
wolle. Er fragte: „Wie so?" und ich theilte ihm 
meinen im Handumdrehen entworfenen Plan kurz 
mit. Er lachte herzlich dazu, und ich hatte 
Carte blanche. — 
Anderen Tages las man in dem Anzeigeutheil 
der „Hessischen Volkszeitung" (vom 15. Dezember 
1868, Nr. 295) einen Knittelvers, welchen eine 
länglich viereckige, recht in die Augen fallende 
Umrandung umgab: 
L-agt, Kasselaner, wenn Ihr's wißt. 
Wer der höflichste Mann hier ist? 
Das Räthsel zog; man zerbrach sich hinter 
den Biertischen schier die Köpfe darüber, und die 
oft wunderlichsten Lösungen wurden zu Tage 
gefördert; natürlich aber waren sie sämmtlich 
nur Schüsse in das Blaue. 
Diesem Verse folgte am anderen Tage in 
derselben Umrandung und beabsichtigten Holperig 
keit ein zweiter: 
Allorts sind die Kellner anständig und fein; 
DTum kann der höflichste Kellner nur sein. 
Hatten sich die beiden Reime au das All 
gemeine gehalten, so wurden die ferneren be 
züglicher. 
Am dritten Tage las man: 
Der Königsplatz beschreibt einen Kreis; 
Wo figurirt, als Kellner, ein Bullenbeiß? 
Der vierte Vers gab, mit der Verwendung 
wn dem Namen des Oberkellners zu einein 
Wortspiel dem Spielerkreise im Hotel Schirmer 
'inen Seitenhieb wegen des verbotenen Hazard- 
piels. Er lautete: 
Achtung! 
Die Polizei und der Bürgermeister beriethen. 
Wie man in ihrer Verordnung es find't, 
Den Ort zu schirmen und zu behüten: 
Daß Bullenbeißer, die bissig sind. 
Mit Maulkorb nur dürfen lausen herum! 
O w en d, mein Kellner, sei höflich! W end um! 
Als nun gar am fünften Tage ein weiterer 
Vers folgte, dessen Wortlaut mir nicht mehr 
! gegenwärtig, der aber mit dem Ausruf: „Halloh! 
I Halloh!!" schloß, ging jenem Spielerkreise, wie 
! man landläufig zu sageil pflegt, ein Licht aus; 
! beim ein Hauptmatador jener Spielergruppe war 
ein damals in Kassel ansässiger Bankier, dessen 
Name stark an den Ausruf anklang. 
Die nächste Folge davon war, daß der Bankier 
in dem Zimmer der Schristleitung der Hessischen 
Volkszeituug erschien und, nach verschiedenen Son- 
dirungeil, sich nach der Bedeutung der eigen- 
thümlicheu Annoiieen erkundigte. Ich war allein 
gegenwärtig und sagte ihm unverblümt, daß 
der Einsender der Anzeigen vorläufig nicht ge- 
naiint sein wolle, iutb daß nicht bloß die bereits 
abgedruckten, sondern noch eine Anzahl unge 
druckter Reime, welche demnächst folgen würden, 
im Voraus bezahlt seien. Dabei zog ich die 
' Tischschublade und zeigte ihm einige, welche, 
voraussichtlich des Kommenden, seit Tagen bereit 
j gelegt waren. Der Inhalt war, wie bei allen, 
; nur den Eingeweihten verständlich; den Nicht- 
eingeweihten ein kauiii zu lösendes Räthsel. 
„Fatal! Fatal!" sagte der Banquier, „ich 
gäbe etwas darum, wenn die Sache unterbliebe! 
Ich weiß, woraus Alles gemünzt ist, der Fremde —" 
„Der Fremde," unterbrach ich ihn, „den man 
in einem gewissen Hotel schnöde behandelte, indeß 
man: Meine Tante —"
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.