Full text: Hessenland (9.1895)

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Kasseler Ätrafurtheile des 17. Jahrhunderts, 
mitgetheilt von Oe. Hugo Brunner. 
Christof Jäger von Butzbach und Georg Hart 
achstehend geben wir einige Auszüge ans 
1W einem Rügegerichtsprotokoll der Stadt Kassel, 
u "j das sich im städtischen Archive daselbst befindet. 
Die Urtheile, wenn auch int einzelnen von geringer 
Bedeutung, sind doch zusammen für die Kenntniß 
ihrer Zeit immerhin von Interesse. Sie umfassen 
die Zeit von 1606—1657; und man kann auch 
hier die Beobachtung bestätigt finden, daß es die 
alte Zeit zwar nicht an (Strafen, wohl aber an 
der Ausführung derselben hat fehlen lassen (vgl. 
Nr. 4 u. 5, 16 u. 19, 10 n. 20). 
1) 1606. 
In Peter Bellemanns Haus wohnet das Mensch 
mit der halben Nasen; will sich hinfüro fromblich 
halten. 
2) 1606, Febr. 17. 
Ein alt, lahm und hockericht Mensch, so bei 
dem Messerschmidt in der Gassen nach dem 
Schloß gedienet hat, hat angesucht, daß sie sich 
nunmehr allhie ushalten möge, weil sie Alters 
und Gebrechlichkeit halben nicht mehr dienen 
könnte. Ist ihr erlaubt, sofern sie sich ehrlich 
und fromblich halten würde. 
3) 1610, März 7. 
Der langen Schmalkalderin in Hans von 
Cappels Hause ist durch Hans Schnitzen den 
Stadtdiener angezeigt, daß sie sich zwischen hier 
und Ostern mit ihrem Mann aus der Stadt 
Kassel schaffen und an ein andern Ort nieder 
thuen sollen. 
4) 1610, April 15. 
Tobias Moritz soll sich innerhalb 4 Wochen 
aus der Stadt mit Weib und Kind abschaffen, 
weil er verdächtig befunden worden, daß er an 
Gartenpforten Schlosse und Bande abgeschlagen 
und Bäume ausgerauft. 
5) 1610, Juni 29. 
Tobias Moritz ist abermals verdächtig betroffen, 
llnd zwo Mistgabeln Balten Hombergen und 
Theies Geucken zu Zwehren verkauft, welche 
Meister Caspars des Malers Wittib in einem 
verschlossenen Häuslein verloren. Derowegen er 
uf Erkantnns das Fürstentumb Hessen zu räumen 
geschworen und daraus verwiesen worden. 
6) 1613. 
Des dicken Eckhardts Tochter ist wegen Un 
zucht und daß sie mit unterschiedenen Ehemännern 
in Unpflichten gelebet, uferlegt, sich demnächsten 
aus der Stadt abzuschaffen. 
7) 1624, Mai 24. 
Nie. Horlaw von Hemsbach, Andreas Müller 
von Butzbach, Tönges Fiucke von Kirchhain, 
mann von Laudebach, alle Soldaten, sind wegen 
begangener Excessen zur Stadt hinaus gewiesen 
und haben an Eids statt angelobt, die Verhaftung 
nicht zu vindiciren noch zu ahnden. 
8) 1627, April 14. 
Hansen Schönbergers Frau in der Gnickgassen 
ist von deswegen, das sie den Leuten in den 
Gürten allerhand Gartengewächse, als Obst, Kraut, 
Wurzeln, Rüben u. dergl. gestohlen, uf F. Herrn 
Bice-Canzler und Räthe Befelch, andern dergl. 
Verbrecherinnen zum Exempel, in den Gügh*) ge 
worfen und gebadet worden. 
9) ' 1639. 
Fritz Kutscher von Hilmes, Amts Land eck, so 
mit alten Schlossen und Banden jubiliret, soll 
sich innerhalb 8 Tagen abschaffen. 
10) 1640. 
Thomas Thiele, gent. Schweine-Tönges, hat 
wegen ausgegossener Schmehung gegen F. Canzlei 
eine Urphede geschworen, sich solches Dinges hin-süro 
bei Vermeidung ernster Strafe, genzlich zu enthalten. 
11) 1643. 
Martha, Marx Zeisen, Kleibers von Fambach, 
Hausfrau, ist aus dem Katholischen Schweizer 
land bürtig und wegen ihres stetigen gottes 
lästerlichen Fluchens, darüber sich sowol gedachter 
ihr Mann als die Nachbarschaft beschweret, mit 
Vorwissen F. Regierung zum Land hinaus ver 
wiesen, auch ihrem Mann, weil derselbe weder 
Burger noch Jnzüger, gesagt sich aus der Stadt 
zu schaffen. 
12) 1643. 
Barthel Zinn, Bettelvogt, ist wegen begangener 
■ Unzucht an Pranger gestellt, in Gstgh geworfen 
und der Stadt und Amts Kassel verwiesen; wohnt 
j sonsten zu Snntheim im Amt Homberg. 
13) ^ 1643. 
Andreas Fingerhued von Waldershausen**) ist 
der Stadt und Amts Kassel verwiesen, daß er 
sich mit Hn. Reinhard Andres bei Austeilung 
j der Almosen geschlagen. 
14) 1644. 
1 Else Weigand von Heringen, genannt die bunte 
Kuh, ist mit dem Keller gestraft und abermal 
der Stadt verwiesen worden. 
*) Ein Teich? Der Kak oder Gak ist eigentlich der 
Schandpfahl oder Pranger, s. iedoch unten Nr. 12. wo 
die Nebeneinanderstellung von Pranger und Gägh auf 
Verschiedenheit beider hinweist. 
**) Wahlershausen.
	        

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