Full text: Hessenland (9.1895)

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Zum Ort unserer Studien hatten wir Marburg 
gewählt, ein überaus malerisch gelegenes Städtchen 
in Hessen-Kassel. Unmuthig klettert es an der 
Berghöhe empor und senkt sich nicht minder un 
muthig wieder zum User der Lahn herab, und 
an einem Maitage, wenn die Fruchtbäume in 
Blüthe stehen nnb die Kastanien schon ihre dichte 
Laubfülle tragen, ist es gar ein liebliches Bild. 
Marburg hat auch seine Geschichte. Von hier 
aus ließ die heilige Elisabeth ihren frommen 
Einfluß ausgehen und hier übte fie ihre Werke 
der Barmherzigkeit. Eine doppelthürmige Kirche 
von edlen Formen ist ihrem Andenken geweiht 
und birgt ihre Asche. Aus der Spitze eines hohen, 
die Stadt beherrschenden Hügels erhebt sich das 
alte Schloß, in dessen Rittersaal einst Luther 
mit Zwingli zusammen kam, um über Konsub- 
stantiation und Transsubstantiation zu disputiren. 
Hier weilte auch eine Zeit lang William 
T y n d a l l, der erste Uebersetzer des Neuen Testaments 
in's Englische, der nachmals zu Vilvoorden er 
würgt und verbrannt wurde. Hier lehrte Wols 
seine Philosophie und erfand Denis Pap in 
seinen berühmten Kochtops. Die hervorragendste 
Persönlichkeit an der Universität zur Zeit, als 
wir dieselbe besuchten, war Bunsen**), der seinen 
Namen schon berühmt gemacht hatte durch chemische 
Untersuchungen, die ebenso schwierig wie bedeutend 
waren, und durch die erfolgreiche Weise, mit der 
er die vulkanischen Erscheinungen auf Island aus 
chemischen und physikalischen Prinzipien erklärt 
hat. So ist z. B. er der Erste gewesen, der das 
Geheimniß der Geyser-Ausbrüche enthüllte und 
dafür die richtigen Theorien ausstellte. Ein sehr- 
würdiger alter Professor, Namens Gerling, 
stand dem Observatorium vor und las über 
Physik. Professor S t e g m a n n, ein ausgezeichneter 
Lehrer, trug Mathematik vor, und am anatomischen 
Institut lehrten Ludwig und Fick. Waitz 
las über Philosophie und Anthropologie, Hessel 
über Krystallographie, während,my accomplished 
friend 4 , der hochbegabte Knoblauch, erst später 
von Berlin hierher übersiedelte.***) 
Die Hochschule zählte damals 300 Studirende; 
das paßte zu meinen Neigungen und Mitteln 
viel besser als der Aufenthalt an einer der größeren 
**) Bansen, der Nachfolger Wohler's an der Kasseler 
Gewerbeschule, war 1838 Professor der Chemie in Marburg 
geworden. Hier wirkte er 13 Jahre als Zierde der Uni- 
versität. Der Hassenpflug'schen Reaktion ging er 1851 aus 
dem Wege, und zwar zunächst nach Breslau, dann 1852 
nach Heidelberg. Bon seinen epochemachenden Entdeckungen 
sei hier bloß die der Spektralanalyse genannt. 
***) Waitz, der in Marburg von 1844 an dozirt hat, 
ist am 21. Mai 1864 im besten Mannesalter verstorben, 
Gerling und Hessel starben hochbetagt in den 60er bezw. 
Universitäten. Ich wohnte in Marburg an der 
Ketzerbach, einer Straße, in deren Mitte ein 
offener Bach stoß, der zu beiden Seiten mit 
Akazien bepflanzt war. Zur Zeit, da die Refor 
mation noch nicht so festen Boden gewonnen hatte, 
um solche Vorgänge unmöglich zu machen, sind 
hier einmal eine Anzahl braver Leute non ihren 
Mitbürgern (nicht minder braven Leuten, die 
aber in religiösen Dingen anderer Meinung waren 
und, als die Mehrzahl, die Macht aus ihrer 
Seite hatten) verbrannt und ihre verkohlten Reste 
in den Bach geworfen worden, der davon noch 
bis aus den heutigen Tag den Namen ,Ketzerbach 4 
behalten hat. Meine Wohnung war eine recht 
behagliche, sie lag im obersten Stock des Hauses 
nnb bestand aus zwei Räumen, von denen der 
eine als Studir-, der andere als Schlaszimmer 
diente. Unmittelbar nach lneiner Ankunft .rückte 
mir eine Persönlichkeit aus die Budey die mir 
ihre Dienste als ,master cd the robes‘ antrug. 
Es war dies der ,Wichsier 4 i. e. Stiefelputzer. 
Der Brave hieß Steinmetz und führte außer den 
nöthigen Bürsten stets ein kleines, etwa 2 Fuß 
langes spanisches Röhrchen mit sich als Zeichen 
seines Berufs, der darin bestand, daß er täglich, 
in aller Morgenfrühe, in das Schlafzimmer des 
Studenten trat, sich der Kleider und Stiefel des 
selben bemächtigte und damit aus dem Treppen- 
slur verschwand, von wo er, nachdem er ein Paar- 
Minuten laug gewaltig geklopft und gebürstet, 
mit den Kleidern wieder erschien; alles fein 
säuberlich und Präsentabel für den Tag. 
Mein Studirzimmer wurde durch einen mächtigen 
Ofen geheizt. Im Ansang entbehrte ich wohl 
des heimischen Kaminseuers mit seinem freundlichen 
Flammenschein und dem knisternden Spiel der 
Funken, bald aber hatte ich mich an die lichtlose 
Wärme des deutschen Ofens gewöhnt. Um 6 Uhr 
srüh erhielt ich ein kleines Milchbrot nebst einer 
Tasse Thee; um 1 Uhr wurde zu Mittag gespeist, 
und zwar, etwa ein Jahr lang, im Wirthshaus. 
Zu jener Zeit lebte sich's noch billig in Marburg. 
Es gab eben keine Eisenbahnen, welche die Pro 
dukte der Nachbarschaft feruwohnenden Konsumenten 
zuführten, und so konnte man sie zu wohlfeilen 
Preisen haben. Unser Mittagstisch bestand aus 
70er Jahren, ebenso Stegmann 1891 (cf. „Hessenland", 
1891, S. 163 und 179, daselbst wolle man auch Z. 29 v. o. 
unsere irrthümliche Angabe „Rundschau" verbessern in 
„Revue" 1884), über Ludwig vergl. „Hessenland", 1887, 
S. 10 und 1890, S. 54, Knoblauch (geb. 1820 zu 
Berlin) war Professor in Marburg von 1849 bis 1854, in 
welchen: Jahre er an die Universität zu Halle berufen 
wurde, wo er noch jetzt wirkt und u. A. auch das Amt des 
Präsidenten der kaiserlich Leopoldinisch-Karolinischen 
deutschen Akademie der Naturforscher bekleidet.
	        

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