Full text: Hessenland (9.1895)

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anschauliches Bild der Klosterverfassung und des 
Konveutslebens gegeben; endlich auch mit Recht 
der grundbesitzlichen und Bewirthschastrmgsver- 
hältnisse des Klosters gedacht, indeß ist dieser 
Abschnitt der am wenigsten gelungene. Einmal 
vermißt man, da bei einer solch' kurzen Darstellung 
eine Auszählung der einzelnen Ordensbesitzungen 
nicht wohl möglich war, nur sehr ungern eine 
Kartenskizze der Arnsburger Grundherrschast. So 
dann aber dürfte die Schilderung der Pacht 
verhältnisse (S. 28) mit ihrer ans Arnold, Heusler 
und Lamprecht beruhenden Unterscheidung von 
Landsiedelleihe lauf unbestimmte Zeit), Zeitpacht 
lauf bestimmte Zeit) und Erbpacht zu beanstanden 
sein; nicht die Zeitformen sind das Maßgebende 
bei den wetterauischen und oberhessischen Leihen, 
sondern die Frage entscheidet, ob das Gut nach 
Hosrecht oder nach Volksrecht ansgethan war. In 
jenem Falle wurde die in allen Zeitformen, auch 
der bestimmten, aber ursprünglich unvererblich vor 
kommende Landsiedelleihe, in diesem die Erbpacht 
angewandt. Gewiß hat an der Entstehung der 
Landsiedelleihe der Cisterzienserorden in Oberhessen, 
vielleicht in erster Linie die Abtei Arnsburg, 
reichen Antheil gehabt. Seite 28 wird die Drei- 
selderwirthschast als ein Wechsel von Weizen, 
Hafer und Brache definirt: thatsächlich ist es ein 
solcher von Roggen (Korn), Hafer und Brache. 
Kürzer kann ich mich über den zweiten Haupttheil 
fassen, dessen Verfasser der Gießener Kunsthistoriker 
Dr. Sauer ist. Das erste Kapitel dieses Theiles, 
welches die Bauten der Cisterzienser behandelt, ist 
geradezu ein Kabinetstück kunstgeschichtlicher Dar 
stellung. Schönheit der Sprache vereinigt sich mit 
einem auf sorgfältigen Studien beruhenden Inhalt, 
und gewiß wird Niemand diese sieben Seiten lesen, 
ohne reinsten Genuß und reichste Belehrung über 
diesen Abschnitt ans der Geschichte der Baukunst ' 
zu schöpfen. Gerade bei den Bauten der Eister- 
zienser zeigt sich die Anpassung der künstlerischen 
an die bewegenden kirchlichen Ideen. „Ein Cister- 
zienserstil eristirt nicht". „Die Cisterzienser werden 
die Bahnbrecher der Gvtik". Es klingt paradox: 
diese „grauen Brüder", deren Bauten eine scharfe 
Kritik der bestehenden prunkvollen romanischen 
Bauten sein, ohne jede dekorative Zuthat nicht den 
Augen schmeicheln, sondern lediglich dem praktischen 
Bedürfnisse als Bethäuser (Oratorien) Rechnung 
tragen sollten, als Bahnbrecher der Gotik! Das ist 
in der That knnstgeschichtlich interessant genug. Die 
Kirche zu Arnsburg, um die Wende des XII. Jahr 
hunderts entstanden, aber kein einheitlicher Ban, 
erinnert in ihrer Anlage vielfach an die Kirche 
von Pontigny. Im zweiten Kapitel wird eine 
bis in's Einzelne gehende, von sorgfältigen und 
feinen Beobachtungen zeugende Beschreibung der 
Kirche, dann auch der übrigen Klostergebände ge 
geben. Auch hier folgt man dem Verfasser als 
Führer gern und immer mit Nutzen. Unrichtig 
ist es, wenn Dr. Sauer auf dem Grabstein des 
Johann von Falkenstein liest (Seite 57 Note): 
Dur, es muß natürlich Dns als „Dominus“ aus 
gelöst werden. Das räthselhafte ihn dirò auf 
demselben Stein ist wohl als „in benedictione“ 
auszulösen; eine Erläuterung und Uebersetznng 
würde manchem Benutzer des Büchleins gewiß 
willkommen gewesen sein. Nicht erwähnt ist die 
dem Kloster dicht benachbarte Heiligkreuzkapelle 
mit ihrem wnnderthätigen Kreuz. 
Auch die Ausstattung des Schristchens ist sehr 
ansprechend. Die Abbildungen zeigen eine Rekon 
struktion der Kirche von der Ostseite (Titelbild), 
bei der der Thurm (Dachreiter) zu mächtig aus 
gefallen ist, ferner einen Blick in die Kirchenruine 
und endlich den Grabstein des Johannes vor: Falken 
stein. Was man sehr vermißt, ist eine Gesammt- 
ansicht des Klosters; auch eine Wiedergabe des 
Abteisiegels würde sich empfohlen haben. 
Wenn man noch einen Wunsch anfügen dürfte, 
so ist es der, daß dieser Monographie recht viele 
Nachfolger von gleicher Güte und Brauchbarkeit 
auch für die übrigen historisch bemerkenswerthen 
Punkte unseres Vaterlandes erstehen möchten. 
Historiker und Kunstgelehrte finden hier noch ein 
weites lohnendes Feld zur Bearbeitung. 
vr. (£. Aeldmann. 
Von Valentin Trau dt, dem Herausgeber des 
„Hessischen Dichkerbuches", ist bei A. Fuchs in 
Zabern im Elsaß, eine Gedichtsammlung unter 
dem Titel „Ans einsamem Pfade" in zweiter 
Auflage erschienen. Das Buch ist nicht umfang 
reich, aber inhaltsreich und zeigt uns einen jungen 
Dichter, der schon jetzt zu den besten des Hessen- 
landes zählt, aber auch schon weit über dessen 
Grenzen hinaus Vortheilhaft bekannt wurde, denn 
ich erinnere mich, erst kürzlich in irgend einem 
Blatt einen Vortrag gelesen zu haben, den 
Christian Schmidt über Traudt's Dichtungen 
im Straßburger Lehrerverein hielt. Auch unter 
deu in A r n o l d G ar d e's „Menschlicher Tragödie" 
vertretenen sechs Dichtern ist Traudt zweifellos 
der beste. 
In dem vorliegenden Bändchen „Ans einsamem 
Pfade" singt der junge Dichter herzergreifende 
Weisen über die ihm in der Blüthe ihres Lebens 
durch den Tod entrissene Gattin; er läßt sich 
jedoch, im Andenken an sie, die Mahnung zurufen:
	        

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