Full text: Hessenland (9.1895)

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Pfeifer und eines blinden Geigers, den man aus 
Calogne, einer kleinen, eine halbe Meile von 
hier entfernten Stadt, hatte kommen lasfen. Um 
9 Uhr Abends wurde die ganze Stadt, der Markt, 
die Hallen und der Glockenthurm erleuchtet, und 
dann wurde ein Freudenfeuer abgebrannt gegenüber 
dem Rathhaus, in dem sich der Stadtrath und 
der Bürgermeister in Chaperou zeigten. Dies ist 
ein Stück fcharlachenes oder rothes Tuch mit 
schwarzem Futter, das diese Herren bei feier 
lichen Gelegenheiten über die Schulter hängen. 
Während der Holzstoß brannte, versammelten 
sich die Spinnerinnen mit den Ochsentreibern 
um ihn, liefen an ihn heran, setzten ihre Spinn 
rocken in Brand und liefen damit um den 
Holzstoß herum, wie Bacchantinnen mit dem 
Thyrsus, oder, wenn Du lieber willst, wie Furien 
mit der Fackel. Dazu wurde fortwährend wie den 
ganzen Tag über geschossen. Nachdem das Feuer 
erloschen war, ließ man Raketen und Kanonen 
schläge los, wozu die Kosten vom Geistlichen gestiftet 
waren, und damit endigte das Fest. Den ganzen 
Tag über war Brot und Speise vertheilt worden, 
zwei Fässer Wein wurden für die Trinklustigen 
abgezapft. Wir sahen Alles behaglich aus dem 
Fenster an und gingen nur hinunter, um die 
Beleuchtung und die Raketen zu sehen." 
Ein halbes Menschenalter darauf feiert dasselbe 
Volk mit den gleichen Feierlichkeiten den Sturz 
des Königthums. 
Der Studienaufenthalt eines berühmten englischen 
Naturforschers in Marburg 1848—50. 
tflte Leser des „Hessenlandes" wissen (vergl. 
N Jahrgang 1891, S. 179 und 1893, S. 318), 
daß Englands großer Naturforscher und 
berühmter Lehrer, der am 4. Dezember 1893 
verstorbene Physiker John Tyndall seine ersten 
akademischen Studien aus einer deutschen Uni 
versität gemacht und vier Semester lang unserer 
altberühmten aima mater Philippina als aka 
demischer Bürger angehört hat. Am 22. Oktober 
1884, am Jahrestag der Stiftung der London 
Mechanics’ Institution, später Birbeck Institution, 
machte Tyndall in einer Ansprache eingehende 
Mittheilungen über diese Periode seines Lebens. 
Sie sind unter dem Titel „Address delivered 
at the Birbeck Institution on October 22, 
1884“ in den in London erscheinenden „New 
Fragments“ znm Abdruck gelangt und auch in 
deutscher Sprache in Richard Fleischer's „Deutscher 
Revue", Jahrgang X, Band 1, S. 278—293 
(Breslau 1885) unter dem Titel „Erinnerungen 
aus meinem Leben" erschienen. 
Wir glauben des Danks der Leser unserer 
heimathlichen Zeitschrift sicher zu sein, wenn wir 
hier aus diesen Lebenserinnerungen des britischen 
Gelehrten aus seinem Aufenthalt in Deutschland 
den Theil zum Abdruck bringen*), welcher sich 
auf die Zeit bezieht, die er auf unserer Landes 
universität verlebt hat. Ueber seinen Lebensgang 
bis zu dieser Zeit schicken wir Folgendes voraus. 
*) Mit ausdrücklicher Erlaubniß des damaligen Ber 
legers der „Deutschen Revue", des Herrn Eduard Trewendt 
zu Breslau. 
Tyndall war geboren am 21. August 1820 
auf Erins grüner Insel als der Sohn eines 
armen Konstablers, dessen Einkünfte gerade noch 
hinreichten, um ihn die Schule besuchen lassen zu 
können. Dieser ist er aber auch bis zu seinem 
19. Jahre treu geblieben. Namentlich förderte 
ihn ein guter Unterricht in den mathematischen 
Fächern, der ihn befähigte, nach Verlassen der 
Schule in das königliche Landesvermessungscorps 
einzutreten. Nachdem er hierin bis 1843 be 
schäftigt gewesen (am Schluß mit einer Monats- 
remnneration von kaum 20 Mark) und sich dann 
noch vier Jahre lang an geodätischen Eisenbahn 
arbeiten betheiligt hatte, trat er als Lehrer in 
dem Queenwood-College ein. Seine bisherige 
Thätigkeit hatte ihn ein kleines Kapital von 
2—300 Pfund ersparen lassen, und nun sollte 
ihm dies die Erfüllung eines langgehegten Lieblings 
planes gewähren: Das Studium auf einer- 
deutschen Universität. 
Geben wir nun Tyndall das Wort. 
„Ich hatte soviel von deutscher Wissenschaft 
gehört, und was namentlich Carlyle von der 
deutschen Philosophie rmd Literatur sagt, ließ 
mir sie wie eine göttliche Offenbarung erscheinen. 
So machten wir*) uns denn im Herbst des 
Jahres 1848 auf den Weg nach dem Lande der 
Universitäten. 
*) Nämlich Tyndall und sein Freund Frankland, 
der Vorsteher des chemischen Laboratoriums am Queenwood- 
College.
	        

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