Full text: Hessenland (7.1893)

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Nathhaus) und dann in den körben den Vögeln 
Preis gegeben sind, 3) die Ludgeri-Kirche, 4) die 
Salvazi-Kirche, 5) Martini, 6) Aegidi, 4) Spital 
8) Barmherzigen (auch das Krankenhaus heißt jo, 
und die Personen: die barmherzigen Schwestern, weil 
es lauter Frauenspersonen sind, sogar Fräujein, 
welche es sich für eine Ehre schätzen), 9) die Mauritz- 
Kirche (diese befindet sich in der Vorstadt). Aber 
vor jedem Nahmen darf nicht vergessen werden, 
Samt zu lesen, 10) die Lutherische und 11) die 
Ueberwasser- oder Frauenskirche. Auch mehrere 
Klosterkirchen sind da, wobey ehemals starke Klöster 
existirt haben. Nach diesen Kirchen nennen sich auch 
die Thore. Jetzt gehen wir über auf das Frohn- 
leichnamsfest, wovon ich ein Augenzeuge war. Es 
gieng recht feyerlrch zu; vor den Thüren, wo die 
Prozession vorbey zog, streuten die Hauswirthe 
Blumen hin; ich wollte aber keinem rathen, die 
Mütze oder den Hut aufzubehalten, so lange er die 
Prozession sieht, vor noch nicht lange war Scandal 
drüber gewesen, der Gensd’arme schlug nämlich einem 
Chirurgus die Mütze vom Kopfe, der hielt sich 
natürlich für beleidigt, und es kam zum Prozeß nach 
Berlin, doch es blieb blos bey einem Verweis. — 
Auf den Straßen waren hier und da Altäre mit 
brennenden Lichtern und Crucifixen erbaut, wo die 
Geistlichen Halt machen und den Segen geben, 
worauf alles, wenn geschellt wurde, sich uiederbeugte 
und bekreuzte. Vorn an giengen welche mit Fahnen, 
dann folgten alte und junge Weiber, begriffen im 
Gesang, dann Buben mit dreieckigten Trasselhüten, 
Blumen an Stöcker gebunden und Scherpen mit 
Ordensbändern um. Daun Musick in Civil, als 
dann trugen vier Bürger den Himmel, worunter der 
Bischof die Hostie trug, begleitet von mehreren Geist 
lichen. Polizey und Gensd’armerie. Hierauf folgte 
das ganze Kirchspiel zu zwei und zwei. — Gehen die 
Geistlichen in der Stadt nach einem Kranken, so 
sind sie weiß gekleidet, der Kirchendiener mit der 
Schelle vorher. Gehts aber über Feld auf das 
Dorf, so sind sie schwarz. 
Jetzt schreiten wir von der Geistlichkeit ab, denn 
ich glaube, es ist Zeit, und gehen zum Militair 
über. — Die Husaren sind ganz beynahe so wie 
das Kurhessische 1. Husaren-Regiment, nur zum 
Unterschied statt blau grün uniformirt. Sie haben 
schöne Munck- Trompeter und Posaunisten, sind auch 
mit schönen Pferden versehen. So auch die Artillerie 
hat statt rothe gelbe Fangschnüre. Die Wachtparade 
(beynahe um eins) ist nicht besonders, erst Parade- 
Marsch und dann geschwinder Marsch. Die Musick 
der Infanterie ist wie beym 1. Kurhessischen Linien- 
Jnfanterie-Regiment. Es werden bald die umliegen 
den Truppen aus Minden u. s w. zum Herbstmanöver 
sich einfinden. Der Herr Präsident Finze spielt den 
(Gouverneur und Stadt-Commandant, er wohnt 
gegenwärtig im Schloß. 
Willst Du denn noch mehr hören, oder thun Dir 
Deine Ohren bald weh? Doch es geht in einem 
hin, und ich glaube, die Erlaubniß dazu habe ich. 
Also zuletzt noch an den Bürgerstand: 
Daß die Patente Mode sind, wird Dir schon 
bewußt sein; wenn einer des Jahrs für 12 Thaler- 
sein Patent löst, so kann er treiben, was er will. 
Kein Fremder wird nicht gut fertig, denn er muß 
sich aufs Schilderlesen verlaßen. Bäcker, Bier- und 
Brannttveinswirth sind in eins. Ein Brödgen sogroß 
ohngefehr wie ein Milchbrodt kostet 3 Pf., ein Ort 
Schnaps 18 Pf, eine Kanne Bier frisch I Gr. und 
alt 18 Pf. (der Gr. zu 14 Pf.) Übrigens modern 
ist die plattdeutsche Sprache, wo man höllisch auf 
passen muß, wenn mans verstehen will, z. B. 
Mädchen — Wichte, anziehen — andrecken, grob 
— but, haben — hebben, Weib — Wif, Marianne 
— Jeneken, Bernhard — Benetzten, Hose — Bukse, 
Jungen — Buben, u. s. w. — Allzuviel ist aber 
auch ungesund; wird Dir nicht misserabel dabey? 
Doch noch eins: Vielen Dank für Deine Bereit 
willigkeit 
Grüße Vater, Mutter, Cousine und Cousinergen 
vielmals, vergiß aber auch Andreas und Fritz nicht 
zu grüßen und mich in gutem Andenken zu be 
halten. 
Dein Cousin 
H. C. M. 
Aus Heimath und Fremde. 
Am 1. April tritt der Direktor des Friedrichs- 
Gymnasiums zu Kassel, Professor Dr. Gideon 
Vogt aus Gesundheitsrücksichten auf sein Ansuchen 
in den Ruhestand, nachdem er fast 23 Jahre in höchst 
verdienstvoller Weise als Leiter dieser Gelehrtenschule 
thätig gewesen ist. Gideon Vogt ist am 31. Dez. 1830 
zu Kassel geboren, er besuchte das Gymnasium seiner 
Vaterstadt, das er Ostern 1849 absolvirte. Er studierte 
hiernach Philologie, wurde nach Vollendung seiner 
Studien 1853 Praktikant am Gymnasium zu Kassel, 
1854 Lehrer an der Institution Dor zu Vevey in 
der Schweiz, 1856 beauftragter Lehrer am Gymna 
sium zu Kassel, im Herbste 1858 ordentlicher Lehrer 
am Gymnasium zu Elberfeld, 1862 Direktor des 
Gymnasiums zu Korbach, am 1. Januar Direktor 
des Gymnasiums zu Wetzlar. Seit dem Herbst 1870 
war er Direktor des Friedrichs-Gymnasiums zu Kassel. 
Bei seinem Scheiden aus am Dienst wurde ihm als 
Zeichen ganz besonderer Huld Sr. Majestät des Kaisers, 
der bekanntlich Schüler des Kasseler Gymnasiums 
war, das Ritterkreuz des Hohenzollernschen Haus 
ordens durch den Oberpräsidenten Magdeburg per 
sönlich überreicht. — Möge dem scheidenden Direktor
	        

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