Full text: Hessenland (7.1893)

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„Was! Sie trauen wohl meinem bloßen Worte 
nicht?« 
„Nein Herr Intendant, durchaus nicht«. 
„Haben, Recht, Dahn, haben ganz Recht, lachte er 
und unterschrieb. 
Als er ein paar Jahre schon das Wiener Burg- 
theater geleitet hatte, sah ein deutscher Dichter in 
seiner Loge eine Aufführung der Jungfrau von 
Orleans. Nach der großen Scene Lionel's fragte 
der Gast nach dem Namen des vortrefflich Spielenden. 
Dingelstedt beugte sich nachlässig vor, sah auf die 
Bühne und erwiderte: „Der? Ich kenne ihn nicht! 
Wie kann ich mich um solche Kleinigkeiten kümmern!« 
Natürlich kannte er seinen ersten jugendlichen Helden, 
aber er wollte das verblüffte Gesicht des Anderen 
sehen. 
Mich mochte er übrigens gut leiden, ich erzählte 
seine Münchener Geschichten oft in seiner Gegenwart 
und er selbst lachte am meisten darüber. 
„Sind ein guter Junge, Felix, nur ein bischen 
dumm! tt 
„Wie so?« 
„Sind viel zu fleißig! So bringt man's zu 
gar nichts. Sie werden nie Intendant!« 
Der Uebermüthige war ganz unfähig oder doch 
höchst unlustig, seinem beißenden Witz irgend Zügel 
anzulegen: er stand nicht gut mit dem Hof (von der 
Person des Königs wohl zu unterscheiden) und hegte 
keine gar zu hohe Meinung von den geistigen Be 
dürfnissen des altbayerischen Adels. Diesen Em 
pfindungen mußte Ausdruck gegeben werden! Einen 
seiner Vorträge in dem Liebig'schen Hörsaal, zu 
welchem sich Hof und Adel zahlreich einzufinden 
pflegten, (vielleicht auch — neben tieferen Gründen — 
weil es guter Ton und vom König gern gesehen 
war), begann er mit den Worten: 
„Angesichts 5ines geistleeren Hofes und eines 
heruntergekommenen Adels!« — große Kunstpause, 
ausgefüllt durch einiges Entsetzen! ... — „war es, 
daß« ... — Pause — „im XYJII Jahrhundert 
zu Wien« u. s. w. 
So hatte er sich — verdienter- und unverdienter- 
maaßen — zahllose Feinde gemacht, deren unablässiger 
Bohrarbeit sein Sturz zuletzt gelingen mußte. Er 
erfolgte in der wenig schönen Weise, welche an Höfen 
nicht selten sein soll. 
Dingelstedt begleitete eines Abends, seiner Amts 
pflicht nach, den König aus dessen Loge. Der Mo 
narch war außergewöhnlich gnädig gegen den Inten 
danten. Als er nach Hause kam, fand er die vom 
Monarchen unterschriebene Verabschiedung vor. 
Nun that er doch auch Manchen leid, die sein 
Witz oft verletzt hatte. 
Aber dieser Strudel trug den Vielgewandten, 
Erfindungsreichen nach oben. Zwar die nächste 
Staffel — Weimar — war für das Ironie-Bedürfniß 
dieses Mannes zu schmal, alle Verhältnisse waren 
für die langen Fortschritts-Beine und weitfliegenden 
Witzgeschosse zu eng: die unglaublichsten Sachen hat 
er dort angerichtet — aus reiner Lust an geistreichen 
„mischief«, den er wie seinen Lieblingssport betrieb. 
Jedoch bald kam er nach Wien und das dortige 
Gesellschaftstreiben — das war nun so recht sein 
Fahrwasser, in dem er sich gar wohl fühlte! 
Ich wiederhole: die gutmüthige Selbst-Ironie, mit 
der er auch sich selbst heimsuchte, die Aufrichtigkeit, 
mit der er seine Fehler scherzend eingestand, versöhnte 
und entwaffnete wenigstens solche Gegner, die selbst 
Geist genug besaßen, sich an diesem blendenden Geist 
zu erfreuen, auch wenn er dessen Lichter auf deren 
Kosten flimmern ließ." — 
Brief eines Kasselaner Schlosser 
gesellen aus Münster vom 11. Juli 1824. 
Neulich fand ich beim Aufräumen einen Brief, den 
mein damals 17jähriger Vater von einem ihm innig 
befreundeten Vetter aus der „Fremde« erhalten 
hatte, Der Brief, der übrigens von trefflicher 
Beobachtungsgabe zeugt, schien mir theilweise Interesse 
für die Leser des „Hessenlandes" zu haben, weshalb 
ich einiges aus ihm hier mittheile. Ich füge noch 
hinzu, daß der damalige wandernde Schlossergeselle 
nachmals ein hochangesehener Industrieller in K assel 
war, dessen Geschäft später von seinem noch jetzt 
lebenden Sohn weiterhin ansehnlich ausgestaltet 
wurde. I». W. 
Münster, den 11^ July1824. 
Theuerster Cousin! 
Auch verlangtest Du eine Beschreibung von Münster 
die ich hier anzuführen Willens bin. — Münster 
war vor etwa 200 Jahren eine starke Festung, die 
aber, ich weiß nicht warum, abgebrochen worden ist. 
Die gewesenen Wälle sind jetzt eine Allee um die 
Stadt herum, sie heißt die Promenade. Wegen 
Mangel an fließendem Waßer sind vorm Thor lauter 
Windmühlen angebracht; es ist nichts wie ein 
Sumpf, kaum noch so viel, das man sich in einem 
Bach ein bischen baden kann. Die vermeinte über 
gebaute Straße ist auf dem Markt und heißt die 
Bogen sie ist wie die Kolonnade in Kassel. 
Jetzt gehts an die Kirchen: 1) der Dom ist ein 
ungeheuer großes Revier, von außen mit vieler 
Bildhauerarbeit versehen, von innen mit vielem Gold- 
und Silberwerth geschmückt, so zum Beyspiel soll 
die wirkliche Hand vom Petrus da seyn, welche in 
einem silbernen Futterale unter anderen kostbaren 
Sachen, auf dem Altar steht. 2) die Lamperti- 
Kirche; hier befinden sich am Thurm 3 eiserne 
Körbe, wo früher 3 Könige als Rebeller erst mit 
Zangen gezwickt (die Zangen hängen noch am
	        

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