Full text: Hessenland (7.1893)

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Und wie ihr noch nach der Erkenntniß strebet, 
Zu wissen, was von Gott ihr bitten sollt, 
Ein lieblich Wunder sich vor euch erhebet: 
Ihr seht am grünen Rain ein Knöspchen hold 
Die zarten Blättchen aus der Hülle strecken, 
Die schüchtern sich, und zagend nur, entrollt. 
Doch höher seht das Knöspchen ihr sich recken, 
Es dringt zu euch ein wundersnßer Duft, 
Und plötzlich sich die blauen Blättchen strecken. 
„Das Veilchen blüht!!" — so schallt es durch 
die Luft, — 
„Der Inbegriff der frühlingsduft'gen Reine, 
Dem alle Welt ein froh' Willkommen ruft!" — 
Nun wißt ihr, was zu bitten, wie ich meine! 
Kommt her! Sinkt bei dem Veilchen auf die 
Knie! 
Ich alter Mann mein Fleh'n mit eurem eine: 
„O Gott, nicht Deine Hände von uns zieh, 
Wenn wir nun in das ernste Leben gehen! 
Lenk uns're Schritte, o verlaß uns nie! 
Doch noch um Eins erhöre unser Flehen, 
Umgieb uns mit der Tugend Glorienscheine, 
Ob sanfte Lüft', ob Stürme uns umwehen! 
Schenk uns des Veilchens frühlingsduft'ge Reine!" 
Kugo Arederkirrg. 
Aus alter und neuer Zeit. 
Dingel st edtiana. Eine interessante Schilde 
rung des Lebens und Treibens Franz Dingel 
sted t's während seiner Münchener Zeit findet sich 
in dem kürzlich erschienenen dritten Bande der , Er 
innerungen von Felix Dahn.- Der Vater des 
selben war in den 50er Jahren, zur Zeit als Dingel 
stedt das Scepter als Theater-Intendant in München 
schwang, Regiffeur in dem dortigen Hoftheater. In 
seinem gastlichen Hause verkehrten viel die Münchener 
Dichter, Schriftsteller und Künstler, unter denen, wie 
Felix Dahn schreibt, „der Chef meines Vaters, Franz 
von Dingelstedt, dieser IronieuL Maximus die Hauptrolle 
spielte.- Da hatte denn Felix Dahn, der jetzt rümlichst 
bekannte Professor der Rechtswissenschaft, Historiker 
und Dichter, damals noch jugendlicher Student, hin 
länglich Gelegenheit, Franz Dingelstedt kennen zu 
lernen, sein Leben und Treiben zu beobachten und 
sein Wesen zu studiren. Eine Frucht dieser beob 
achtenden Studie ist die nachfolgende Schilderung: 
Ein Hauptzug in jenem mannichfaltig zusammen 
gesetzten apolitischen Nachtwächter-, Vorkämpfer des 
jungen Deutschlands, war eine beißende, nie rastende, 
schillernde Ironie, die man gern ertrug, weil sie sich 
ganz ebenso gegen ihren Träger selbst, wie gegen 
seine Opfer wandte, 
Dingelstedt war der liebenswürdigste Gesellschafter, 
ein Virtuose der Geselligkeit. Stunden lang konnte 
er Weiblein und Männlein fesseln durch ein ununter 
brochenes Feuerwerk von — meist recht boshaften — 
Witzen, von geistreich hingeworfenen Pfeil-Worten 
und Wort-Pfeilen. Selbstverständlich kannte er diese 
seine Begabung — wie alle seine anderen! — sehr 
genau, und ebenso selbstverständlich spielte er damit 
— wie mit den meisten anderen. Rechter Ernst 
war es ihm mit gar wenigen Dingen. Aber auch 
das wußte er ganz klar; es freute ihn, wie mit den 
anderer Menschen, so mit seinen eigenen Schwächen 
zu spielen! und daß er dies offen zur Schau trug, 
entwaffnete den Zorn auch derer, die er gereizt hatte. 
Er ertrug es lachend, sagte man ihm in's Gesicht, 
das er es mit Nichts und mit Niemand verlässig 
meine; 
„Ja, was wollen Sie-, lachte er, als ich ihm einmal 
vorhielt, daß er immerfort Theater spiele. „Freilich! 
Ich bin der beste meiner Schauspieler selbst. Der 
Chef darf sich doch nicht übertrumpfen lassen. - 
Er hatte sich einen hohen purpurbezogenen Lehn 
stuhl aufbauen lassen — den „Tyrannenthron 
nannten ihn die Schauspieler — auf dem er in 
seinem Bureau feierlich Platz nahm, wollte er mit 
einem der Künstler eine Haupt- und Staatsaktion 
aufführen oder einen jungen Dichter in Schreck und 
Ehrfurcht versetzen. Mitten drin aber ward er des 
trockenen Tones satt, sprang lachend auf, faßte den 
Erstaunten bei den Schultern und bot ihm eine 
treffliche Cigarre. 
Mein Vater hatte das Hauptverdienst von der Ein 
richtung der „Antigone-, die nach kurzem Auftauchen 
auf der Berliner Bühne, zuerst in München und 
zwar in Vollendung dargestellt wurde und mit 
glänzendstem Erfolge. Tags darauf meinte mein 
Vater, man solle doch Carrière veranlassen, in der 
„Augsburger Allgemeinen- über den wirklich künstlerisch 
bedeutsamen Abend zu berichten. Lachend unterbrach 
ihn Dingelstedt: „Lieber Dabn, was bleiben Sie doch 
altmodisch! So was macht man selbst am besten! 
Der Bericht — von mir verfaßt — liegt schon drei 
Tage in Augsburg-. 
„Wie? auch über den Erfolg? u 
„Natürlich! den wußt' ich doch voraus.- 
Ein andermal, gegen Ende eines für meinen Vater 
höchst arbeitreichen Winters, saß der Intendant auf 
seinem Tyrannenthron — er war gerade in der 
Geberlaune — und sprach zu meinem Vater, der, 
an dem Schreibtisch sitzend, den Spielplan für die 
nächste Woche machte: „Hören Sie, Dahn, haben sich 
wieder riesig gequält seit Herbst. Werde Ihnen im 
Sommer zwei Wochen Urlaub zulegen.- Mein 
Vater stand auf, brachte ihm mit einer tiefen Ver 
beugung ein Blatt Papier und die eingetauchte 
Feder.
	        

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